Adas Raum

Erschienen: Februar 2021

Bibliographische Angaben

- HC, 320 Seiten

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Monika Wenger
Ihr Name ist Ada

Buch-Rezension von Monika Wenger Apr 2021

Vier Frauen - alle heißen Ada; etliche Jahrhunderte liegen zwischen ihnen und ein Armband ist das geheimnisvolle Bindeglied. Das ist die Grundlage und das Verbindende in der Erzählung von Sharon Dodua Otoo. Ruhig, unaufgeregt und doch ganz nah an den Ereignissen berichtet der Erzähler von den einzelnen Frauen in unterschiedlichen Epochen. Doch wer ist es, der so eindrucksvoll über sie zu berichten weiß?

Verschiedene Beobachter – ähnliche Geschichten

Die Geschichte beginnt in Ghana im Jahr 1495: Portugiesen erobern die Küste und dringen ins Landesinnere vor. Hier erzählt der Reisigbesen über den Verlust von Adas zweitem Baby und der Verschleppung der noch jungen Ada.

Jahre später, im Jahr 1849, erzählt der Türklopfer über das Leben im Innern des Hauses von Ada Lovelace, einer außergewöhnlichen Frau, die sich der Mathematik verschrieben hat, aber im falschen Jahrhundert geboren wurde. Sie muss sich immer wieder zurücknehmen und kann ihrer Leidenschaft nur bedingt nachgehen: «Ada hatte kein eigenes Eigentum, meinte Gott. Alles gehörte William. Auch sie gehörte William. Selbst-ver-ständ-lich hatte er freien Zugang zu ihr!»

Von der dritten Ada erzählt ein Raum im KZ Mittelbau-Dora. Wir sind nun im Jahr 1945 angekommen. Ada muss ihren Körper jeden Tag den Soldaten zur Verfügung stellen. Unglaubliche Vorgänge und ganz wenig Menschlichkeit sind zu finden. Nur Linde, ihre Leidensgenossin, kann etwas Wärme vermitteln.

Die vierte Ada reist im Jahr 2019 von Afrika über England nach Deutschland, um ein Studium in Berlin zu beginnen. Von ihr und ihrem Leben erzählt der britische Reisepass.

   «Reisigbesen, Türklopfer und Zimmer, das sind greifbare Gegenstände. Sie sind klar umrissen, einigermaßen beständig und haben eine monothematische Funktion. […] Die Zeit war jedenfalls gekommen, um Ada daran zu erinnern, dass alle Wesen – vergangene, gegenwärtige und zukünftige – in Verbindung miteinander sind, dass wir es immer waren und immer sein werden. Die Botschaft kann erdrückend sein, wenn mensch meint, sie zum ersten Mal zu hören. Wir wollten Ada damit nicht überrumpeln

Der verbindende Gegenstand

Die Autorin Sharon Dodua Otoo nimmt für ihre Erzählung als verbindendes Element ein Armband. Dieser Gegenstand wird von den Müttern an ihre Töchter, zu welchem Anlass auch immer, weitergegeben. So findet es den Weg von Afrika über England nach Deutschland, nach Berlin. Dieses Verbindende nutzt sie auch, indem sie den Ursprung der Erzählung in Afrika, der Wiege der Menschheit, beginnt und im geschichtsträchtigen Berlin enden lässt - es scheint irgendwie Anfang und Ende zugleich zu sein: der Anfang recht hoffnungslos mit dem Tod von Adas Baby in Ghana, der Schluss doch eher hoffnungsvoll mit der Geburt von Adas Tochter in Berlin.

Die verschiedenen Stränge der Erzählung finden, verlieren und verflechten sich immer wieder aufs Neue, sodass die Eindrücke und Zeiten ineinander nahtlos übergehen. Und je länger die Geschichte dauert, desto rasanter wird das Tempo.

Die Autorin verpackt viele Themen wie Kolonialisierung, Rassismus, Politik und Emanzipation in diesen Roman. Das macht ihn im Ansatz interessant, aber eben auch schwer verdaulich.

Fazit

Eine tiefgründige Erzählung im Wechsel der Jahrhunderte. Der Schwerpunkt liegt eindeutig auf der Rolle der Frauen in der Gesellschaft. Ada steht für alle Frauen zu allen Zeiten. Der Blick zurück und das Ankommen in der Gegenwart ist anspruchsvoll, nicht immer einfach und lässt den Leser immer wieder innehalten und nachdenken. Die Geschichte von Ada ist manchmal schwer und tragisch, manchmal etwas leichter, aber nie einfach.

Adas Raum

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Letzte Kommentare:
31.03.2021 19:45:04
miss.mesmerized

Ist das Leben nur auf ein einziges Dasein beschränkt oder lebt von einem selbst auch immer etwas in den nachfolgenden Generationen weiter? Ist mit dem Tod der ersten Ada im 15. Jahrhundert schon alles besiegelt? Mitnichten, es folgen weitere Adas, die als mutige Frauen ihren Weg gehen und von Afrika über das viktorianische England bis in ein KZ und das Berlin der Gegenwart kommen und dort auch immer etwas von dem finden, was einst in ihnen angelegt wurde. All ihnen ist gemein, dass sie für ihre Unabhängigkeit kämpfen, sich nicht von Männern einfach unterwerfen lassen und auch als Opfer brutaler Gewalt noch eine gewisse Haltung zu bewahren vermögen.

Sharon Dodua Otoos Debütroman war nach dem Gewinn den Ingeborg-Bachmann-Preises mit hohen Erwartungen versehen. Als Autorin, die nicht in Deutschland bzw. mit der deutschen Sprache aufgewachsen ist, war dies ein viel beachtetes Novum. Seit nunmehr 15 Jahren lebt sie in Berlin und engagiert sich auch politisch, insbesondere für Themen wie Feminismus und Rassismus, die beide auch eine ganz wesentliche Rolle in ihrem Roman „Adas Raum“ spielen. In der Konstruktion gewagt, überschreitet sie nicht nur Raum- und Zeitgrenzen, sondern erweckt auch die dingliche Welt zum Leben und diese darf von dem berichten, was sie beobachtet und die Menschen nicht auszusprechen wagen.

Im Zentrum stehen jedoch die vier Frauen, die erste wird als Sklavin in Afrika zum Opfer des weißen Kolonialismus. Ada Lovelace wiederum erlebt den verachtenden Blick ihres Liebhabers, der ihre mathematischen Gedanken nicht zu würdigen weiß. Die Prostituierte Jüdin Ada kämpft im KZ ums Überleben und erlebt so aufgrund ihrer Religion die Einordnung als Mensch zweiter (oder dritter oder eher vierter) Klasse. Auch das Berlin der Gegenwart hält für die schwangere Ada zweifelhafte Blicke und wenig verschleierten Rassismus bereit. Verschiedene Formen von Diskriminierung ziehen sich durch den Roman und die Geschichten der Frauen.

In Schleifen werden die Ereignisse erzählt, was literarisch anspruchsvoll und durchaus herausfordernd ist. Ein ambitioniertes Konzept, das zwar insgesamt aufgeht, aber gepaart mit erzählendem Besen und KZ-Zimmer war mir das Ganze etwas zu gekünstelt und eigenwillig. Das fraglos relevante Thema verliert sich so in der Form, was schade ist, denn dafür ist es zu aktuell und bedeutsam.

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