Der Oberst hat niemand, der ihm schreibt

Erschienen: Januar 1976

Bibliographische Angaben

  • Bogotá: -, 1961, Titel: 'El coronel no tiene quien le escriba', Originalsprache
  • Köln : Kiepenheuer und Witsch, 1976, Seiten: 126, Übersetzt: Curt Meyer-Clason
  • München: Deutscher Taschenbuch-Verlag, 1980, Seiten: 125, Übersetzt: Curt Meyer-Clason, Bemerkung: Lizenzausgabe
  • Köln : Kiepenheuer und Witsch, 1998, Seiten: 101, Übersetzt: Curt Meyer-Clason, Bemerkung: Mit Arbeiten von Rosemarie Trockel
  • Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verlag, 2004, Seiten: 124, Übersetzt: Curt Meyer-Clason, Bemerkung: Lizenzausgabe

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Sebastian Riemann
Nach dem Bürgerkrieg ist vor dem Hahnenkampf

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Mär 2011

Der Oberst wartet auf einen Brief und auf das Leben, welches ihm und den Leuten in seinem Dorf gestohlen wurde. In tropischer Hitze verfallen sie langsam an Körper, Seele und Geist. Sie sind arm und ohne Perspektiven, haben wenig Freude und noch weniger Hoffnung. Der Oberst und seine Frau stehen allen voran, sie leiden am stärksten, ihr Dasein ein Warten auf Erlösung. Zu Beginn seiner Karriere als Schriftsteller schrieb García Márquez einen Roman, der von Reglosigkeit und dem Ungesagten erzählt.

In einem Dorf ohne Namen wartet der Oberst auf einen Bescheid der Regierung, eine Auszahlung seiner Veteranenpension, die ihm rechtlich zusteht und die seine einzige Hoffnung ist die Lebensverhältnisse wieder in Griff zu bekommen. Er lebt mit seiner kranken Frau in Armut, meist ist Kaffee ihre eigene Nahrung. Der Sohn wurde von der Polizei erschossen, von ihm blieb nur ein prächtiger Hahn, der auch gefüttert werden muss. Im Hahnenkampf steckt viel Geld und Ehre, deshalb will der Oberst den Hahn behalten, auch wenn er selbst fast verhungert.

Der Oberst hat niemand, der ihm schreibt ist ein ungewöhnlich kurzer und dichter Roman aus der Feder des großen kolumbianischen Schriftstellers García Márquez. Ungekünstelt zeigt er gesellschaftlichen und persönlichen Verfall infolge von Machtkämpfen, wie sie in Kolumbien üblich waren und immer noch sind. Ein Land geprägt von Gewalt und Korruption, Armut und Machtmissbrauch – das Szenario ist erdrückend und wenig Hoffnung hegt man für den Oberst, der jedes Mal vom Postboten enttäuscht wird. Im Bürgerkrieg hatte er gekämpft und an dessen Ende die Zusicherung bekommen entschädigt zu werden, doch die neue Regierung kümmert sich wenig um alte Versprechen. Die Veteranen bleiben ohne Geld, Achtung und warten am Rande der Gesellschaft auf ihre Pension, für die sie einst ihr Leben aufs Spiel setzten.

Es ist ein realistischer Roman, noch ohne Magie, aber gefüllt mit tropischer Hitze und starken Bildern, die keiner Steigerung bedürfen. Der Hahn steht im Zentrum der Aufmerksamkeit, auf ihn setzt letztendlich das ganze Dorf seine Hoffnungen, mit ihm wollen alle zu Geld kommen und auch wieder leben.

Gabriel García Márquez wurde am 6. März 1927 im Dorf Aracataca nahe der kolumbianischen Karibikküste geboren. Er wurde der bekannteste lateinamerikanische Schriftsteller, vor allem durch seinen epochalen Roman Hundert Jahre Einsamkeit, der über 30 Millionen Exemplare verkaufte und als Meisterwerk des magischen Realismus gefeiert wurde. Im Jahre 1982 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. García Márquez lebte seit vielen Jahren in Mexiko-Stadt, wo er am 17. April diesen Jahres verstarb. Sein Sarg wurde im Palast der schönen Künste aufgebahrt, damit sich seine Anhänger von ihm verabschieden konnten, in Kolumbien wurde eine Staatstrauer von drei Tagen angeordnet. Staatsoberhäupter und Kulturschaffende aus aller Welt bekundeten öffentlich ihre Sympathie für den Schriftsteller. Auch in Deutschland wurde sein Tod mit Trauer aufgenommen, die Feuilletons waren über mehrere Tage mit Nachrufen gefüllt.

García Márquez hat Der Oberst hat niemand, der ihm schreibt 1957 in Paris verfasst. Er arbeitete damals für die kolumbianische Zeitung El Espectador. Es war eine von vielen Anstellungen als Journalist, die ihn in seinem Leben in viele Länder brachten und das Fundament legten für seine literarische Tätigkeit. Den Journalismus bezeichnete er als seine wahre Bestimmung.

Die Sprache im Buch ist klar und nüchtern, alles ist auf ein Minimum reduziert, auf das Notwendige, welches die Geschichte ausmacht. Dies betrifft die Beschreibungen des Dorflebens, sowie die Dialoge zwischen dem Oberst und seiner Frau, dem Arzt oder dem Geschäftsmann Don Sabas. Die Armut der Menschen ist nicht nur ökonomischer Natur, sondern auch sozial und kulturell. Es gibt kein Leben mehr, nur noch leere Routinen als Resultat von Unterdrückung. Bezeichnend ist die Ausgangssperre, die jeden Abend durch die Glocken signalisiert wird. Oder die Zeitungen, die der Arzt liest und nach Berichten über die Ereignisse in Europa durchsucht, um zwischen den Zeilen Hinweise auf politische Bewegungen im eigenen Land zu entdecken. Die Zensur hat den Journalismus getötet und will die Bürger entmündigen, wichtige Informationen müssen versteckt weitergegeben werden, auf illegalen Flugblättern. Doch wer mit solch einem Flugblatt aufgegriffen wird, kann leicht den locker sitzenden Pistolen der Polizei zum Opfer fallen, so wie der Sohn des Oberst.

Ein erdrückendes und faszinierendes Buch, welches viel erzählt auf wenigen Seiten, die Personen und Ereignisse mit klaren Worten beschreibt. Ein Muss für Anhänger Gabos.

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Letzte Kommentare:
19.04.2015 18:06:08
della72

Es ist im Umfang nur ein kleines, unscheinbares Büchlein, welches Márquez 1956 als seinen zweiten Roman ablieferte, möglicherweise bloß aus Zeitmangel und Geldnot aus der geplanten Erzählung "die böse Stunde" ausgekoppelt, sozusagen, als vorgezogene Single, sprachlich schlank und wunderbar unspeckig vermag es jedoch großartige Bilder transportieren und als Bote für noch zu erwartendes verstanden werden.
Der Oberst ein Mann mit großer Würde, dem Glauben an das Obsiegen der Gerechtigkeit und übermannshoher Demut seinem Schicksal gegenüber, wartet seit 15 Jahren Freitag für Freitag mit der Ankunft der Postbarkasse auf den Brief, der sein Warten entlohnen und seinen Glauben rechtfertigen wird. 75 Jahre alt lebt er mit seiner Frau von der Hand in den Mund, Jahr um Jahr und wartet auf die 50 Jahre zuvor versprochene Rente als Bürgerkriegsveteran, die erst vor 15 Jahren eine gesetzliche Grundlage erhielt und vor 7 Jahren anerkannt wurde. Doch er wartet vergebens in einem tropisch verregneten Dorf, das fest in den Händen von regimebegünstigten Emporkömmlingen und Verbrechern ist, während die Kirche ihre moralische Pflicht mit der Bewertung des Kinoprogramms erfüllt sieht. Doch unter der Oberfläche brodelt es, verbotene Flugblätter machen die Runde und sein eigener Sohn wurde von der Polizei erschossen, als dieser bei einem Hahnenkampf eben solche verteilte. Der Oberst, der passiv und eher im Geiste auf der Seite der Verschwörer steht, ist als Synonym für die mißbilligende aber schweigende Menge zu sehen, die ihr Schicksal stumm und demütig erträgt. Der Hahn seines Sohnes, eines der wenigen Dinge, die von ihm blieben, spielt eine große Rolle für seine Zukunft und die seiner Frau und stellt ihn letztendlich vor eine große Entscheidung, die Wahl zwischen der bisherigen Passivität oder dem aktiven Widerstand.
Selten fand ich soviel Symbolkraft und soviel sprachliche Stärke auf so wenigen Seiten und in so dürren Worten. Ein kleines Meisterwerk.