Die Fremde

Erschienen: Februar 2021

Bibliographische Angaben

- OT: La straniera

- aus dem Italienischen von Annette Kopetzki

- HC, 304 Seiten

 

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88

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Carola Krauße-Reim
Fremdsein hat viele Gesichter

Buch-Rezension von Carola Krauße-Reim Mär 2021

Claudia Durastanti ist in Italien längst kein Geheimtipp mehr. Bei uns ist allerdings erst ihr viertes Buch La Straniera in deutscher Übersetzung erschienen. Durastanti erzählt darin ihre eigene schwierige Familiengeschichte zwischen Amerika, Italien, London und zwei gehörlosen Eltern.

Sprache ist ein wertvolles Gut

Claudia Durastantis Eltern sind beide gehörlos und haben sich immer geweigert, die Gebärdensprache zu erlernen. Verständigt haben sie sich in einem Idiom, das nur Eingeweihten verständlich war. Als Behinderte haben sie sich nie angesehen und jeden Versuch durch Außenstehende, eine Anpassung zu erreichen, haben sie mit Ablehnung und Konfrontation beantwortet, was sie zu Außenseitern der Gesellschaft machte. „Gehörlose begreifen sich selbst vor allem als eine Sprachgemeinschaft und beanspruchen einen eigenständigen Status im Verhältnis zu denen, die an einem sensorischen oder motorischen Defizit leiden“ - Während die  Eltern dieses Leben im Grenzbereich der Normalität selbst gewählt haben, mussten Durastanti und ihr Bruder es ungefragt ertragen. In der Schule waren sie immer nur die Kinder der Stummen; ihre Sprache hatte Laute, die anderen fremd waren, sie mussten  sich ihre  Ausdrucksmöglichkeiten durch Lesen, Musikhören und Fernsehen erarbeiten und erweitern. Daher gibt es im Buch auch sehr viele Vergleiche und Bezüge zu Publikationen dieser Medien (was ein Verständnis der Passagen erschwert, wenn diese dem Leser unbekannt sind). „Behinderte Eltern zu haben, ist besonders anstrengend, weil man sich der wahrscheinlichen Unveränderlichkeit ihrer Lage stellen, sich bewusst machen muss, dass sie ihr ganzes Leben lang nicht mehr aus diesem Zustand herauskommen werden“ -  Durastanti hat es geschafft, auszubrechen: „Jedes Mal, wenn ich das Haus meiner Mutter verließ, trat ich in eine andere Welt ein, deren Tricks und Regeln, Schönheit und Ordnungssysteme ich lernen musste, um sie jedes Mal, wenn ich zurückkehrte, gegen etwas Verworrenes und Ungenaues einzutauschen.“ Doch sie hat auch Angst, die Verbindung zur Mutter zu verlieren: „Ich wollte auf keinen Fall bedauern, dass ich nicht mehr so war wie sie, ebenso heruntergekommen wie selbstmitleidig. Aber ich bedauerte es.“ Sie begreift Sprache als ihr wichtigstes Gut, als ein Mittel, die eigene Identität zu definieren: „Jedes einzelne meiner Privilegien habe ich Dank meiner Sprache erworben und verloren […]. Mein Schweigen ist nie verhängnisvoll, den dämonischen Einfluss meiner Eltern besitze ich nicht.“

Fremd kann man auf viele Arten sein

Fremdsein bedeutet, dass man den Code nicht versteht: den der Gesellschaft, der Stadt oder der Sprache. Durastanti war schon von Geburt an „die Fremde“. Geboren in Brooklyn, lebt sie in einer italienischen Familie, die ihren eigenen amerikanischen Slang kultiviert, der jedem außerhalb des Viertels völlig unverständlich ist. Als sich die Eltern scheiden lassen, verlässt die Mutter Brooklyn und kehrt nach Italien zurück. Und auch hier wird die Sprache zum Hindernis für die Kinder: Sie können kaum Italienisch, schon gar nicht den vorherrschenden Dialekt. Als dann London zum Lebensmittelpunkt wird, tut sich die Autorin schwer, anzukommen - dieses Mal weniger wegen der Sprache, als vielmehr wegen dem anderen gesellschaftliche Code. Wieder ist sie fremd. Doch sie findet Anschluss und stellt fest: „[…], aber dann fing ich an zu sprechen und jemand hörte mir zu, und das hat die Person geformt, zu der ich geworden bin.“ Und dieser andere Mensch hat den „prägendsten Einfluss“ auf sie. Bis dahin war für sie klar: „Immer hatte ich geglaubt, ich sei durch meine Familie, durch meine wirtschaftlichen und geografischen Bedingungen definiert“, doch es ist die Fähigkeit der korrekten Kommunikation, dem Entschlüsseln des Codes, der die Fremde verändert.

 Eine bemerkenswerte Biografie

Durastanti hat in ihrer Kindheit ein Tagebuch geschrieben, in dem sie so „hingebungsvoll an meinem Parallelleben“ schrieb, das mit ihrer tatsächlichen Wirklichkeit nichts zu tun hatte. Was sie jetzt abgeliefert hat, ist auch eine Art Tagebuch - doch es enthält eben genau diese erschreckende Wirklichkeit. Sprachgewaltig, emotional und berührend zeigt sie dem Leser, wie es ist, immer am Rand zu stehen, nie wirklich anzukommen und immer als die Fremde gesehen zu werden, die man eigentlich gar nicht ist.

Fazit

Claudia Durastanti hat mit Die Fremde eine Autobiografie vorgelegt, die durch ihre kraftvolle Sprache besticht und emotional fordernd ist. Sie wühlt sich schonungslos und ohne Bagatellisierung durch ihr Leben und zeigt Probleme der Migration genauso wie die Schlüsselposition von Sprache in unserem Leben.

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Letzte Kommentare:
15.02.2021 05:14:22
miss.mesmerized

Eine junge Frau zwischen den Welten. Ihre Eltern sind beide gehörlos, haben ihre eigene Sprache aber keine, die sie mit der Tochter teilen. In Brooklyn geboren wächst sie in einem süditalienischen Dorf auf, wo sie jedoch nie wirklich dazugehört. Sie weiß nicht, welcher Schicht sie angehört, verbringt die Sommer in den USA, wo sie bei den Cousinen ebenfalls eine Fremde bleibt. Auch an der Universität und später in England kann sie das Gefühl nicht ablegen, zwischen allen zu schweben und ihren Platz nicht zu finden. Sie kommt sich fast wie eine Betrügerin vor, als sie in die akademischen Kreise eindringt und verarbeitet ihre Erlebnisse und Emotionen nun literarisch, die einzige Form, die nicht in der Realwelt festgelegt ist und so auch ihr einen Heimatort liefert.

„Meine Mutter fehlte mir, wenn sie verschwand, aber sie war nebelhaft und mein Vater eine tiefschwarze Galaxie, die jede physikalische Theorie widerlegte.“

„Die Fremde“ ist Claudia Durastantis vierter Roman und scheinbar der erste, der in deutscher Übersetzung erschienen ist, obwohl die Autorin bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde und sie sich als Mitbegründerin des Italian Festival of Literature in London und Beraterin der Mailänder Buchmesse einen Namen gemacht hat. Der autobiografische Roman gibt Einblicke in eine außergewöhnliche Familie und einer großen Einsamkeit, die sie als Kind und Jugendliche empfunden hat.

„ich fürchtete, jemand könnte mich als das erkennen, was ich war: eine, die sich eingeschlichen hatte. Ich trug die richtigen Kleider, besaß das gleiche Telefon wie die anderen, aber ich hatte arbeiten müssen, um es mir zu beschaffen, (...)“

Wie soll man sich in der Welt zurechtfinden, wenn die Eltern in ihrer ganz eigenen leben? Claudia Durastanti schildert die Begegnung der Eltern und den Freigeist ihrer Mutter, die – als Gehörlose außerhalb aller gesellschaftlichen Normen stehen – genau das auslebt, was sie möchte, keine Grenzen und Konventionen kennt und daher frei ist von allen Zwängen, die ihre Tochter umso stärker wahrnimmt. Diese nähert sich über Familie, Orte, Gesundheit, Arbeit und Liebe immer wieder der Mutter an, die jedoch für sie wie auch für den Rest der Familie eine Fremde bleibt.

Die große Verunsicherung und Einsamkeit des Mädchens und der jungen Frau sind in jeder Zeile zu spüren, ebenso wie die Bewunderung für die Eltern, die sich scheinbar unbeschwert finden konnten, weil sie sich finden mussten. Die Autorin findet eine poetische Sprache, um die Emotionen zum Ausdruck zu bringen und die Höhenflüge der Mutter ebenso wie die Tiefen von Verwirrung und Depression akzentuiert wiederzugeben.

Obwohl stark autobiografisch schon jetzt für mich einer der vor allem sprachlich stärksten Romane des Jahres 2021.

Film & Kino:
The Crown - Staffel 3

Die Queen in ihrer vordergründig repräsentativen Rolle ist eine zeitgeschichtliche Ikone, sodass der Erfolg der seit 2016 bei Netflix laufenden Serie „The Crown“ nicht verwundert. Die dritte Staffel markiert allerdings einen Umbruch: Die Royal Family ist in den 60er-Jahren angekommen und viele Rollen werden neu besetzt, da auch die Blaublüter nicht vor dem Altern gefeit sind. Titel-Motiv: © Des Willie / Netflix

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