Unter Wasser Nacht

Erschienen: Februar 2021

Bibliographische Angaben

- HC, 288 Seiten

Couch-Wertung:

100
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Sandra Dickhaus
Das Schicksal eint und teilt zwei Familien

Buch-Rezension von Sandra Dickhaus Feb 2021

Schon das Cover des Romans sieht elegant aus: Es zeigt eine Landschaft mit einem Fischreiher in dezenten Farben. Hier wird deutlich, dass es dieser Roman nicht nötig hat, mit schrillen, grellen Lettern aufzufallen. Die Autorin Kristina Hauff (die diesmal nicht unter ihrem eigentlichen Namen Susanne Kliem, den man mit Kriminalromanen in Verbindung bringt, veröffentlicht) schildert einen Lebensabschnitt mehrerer befreundeter Figuren, die ein gemeinsames Schicksal eint - aber auch teilt …

Aaron kommt nicht nach Hause – was ist geschehen?

Das Ehepaar Sophie und Thies kennen Bodo und Inga schon sehr lange. Sie haben sich ihren Traum gemeinsam erfüllt und teilen einen Hof mit Garten und Scheune. In ihren wilderen Zeiten protestierten sie gemeinsam gegen Atomkrafttransporte und andere gesellschaftliche Ungerechtigkeiten; mittlerweile sind sie im spießigen Leben angekommen und haben sich weiterentwickelt. Beide Paare haben Kinder: Inga schwärmt von ihrem erfolgreichen Geschwisterpaar Jella und Lasse, die sowohl gute Noten schreiben als auch anspruchsvolle Hobbies haben. Sophie hingegen ist mit ihrem Sohn Aaron gebeutelt, der sich von klein auf aggressiv und unsozial verhält. Wie oft hat sie sich heimlich gewünscht, es würde ihn nicht geben. Und auf einmal ist es so! Aaron kommt nicht nach Hause. Mehrere Tage wird nach ihm gesucht, bis seine Leiche in der Elbe auftaucht. Dreizehn Monate später spielt der Roman, der nun die Kluft deutlich macht, der zwischen den Familien entstanden ist. Thies kann seinem Beruf als Lehrer nicht mehr nachgehen, er streunt durch die Gegend. Dann taucht auch noch eine rätselhafte Frau auf, die sich in ihrer beider Leben stiehlt. Zunächst wirkt es wie ein Zufall, aber es gibt einige Unstimmigkeiten. Außerdem verändert sich Jella, das einst so ehrgeizige Mädchen. Was bedrückt sie? Und was ist eigentlich mit Aaron geschehen?

Viel psychologisches Gespür

Der Roman steigt mit den ruhelosen Spaziergängen einer der Hauptfiguren ein und man erkennt sofort, dass das Wasser und die Elbe eine wichtige Rolle spielen. Noch ist man nicht ins Geschehen involviert, schaut von außen darauf und fragt sich, was wohl geschehen sein mag. Die Zeitsprünge, die in der Jetztzeit und 13 Monate zurück reichen, vervollständigen das Bild. Die Geschehnisse rund um das Unglück werden aus fünf unterschiedlichen Perspektiven geschildert: Das, was man aus der einen Perspektive von weitem erkennen konnte, vielleicht auch Misstrauen geschürt hat, löst die andere Perspektive wieder auf und zeigt, wie engstirnig unsere Gedankengänge sein können. Manchmal möchte man auch die offensichtlichen Zeichen, die vor der eigenen Nase geschehen, nicht sehen. So geht es auch den einzelnen Figuren, von denen jede ihr eigenes Süppchen kocht. Deutlich wird, wie gut wir scheinbar in der Lage sind, offensichtliche Dinge zu verdrängen, oder wie leicht Missverständnisse aufkommen und Zeichen falsch gedeutet werden. Außerdem zeigt die Autorin in ihrer ansprechenden Schreibweise, was eine langjährige Freundschaft und auch Ehe aushalten oder zerstören kann. Das Augenmerk liegt hier auch auf der Veränderung der Figuren und den Dingen, die einfach schon immer ungesagt geblieben sind, auch wenn man dachte, man sei immer offen zueinander. Die eingefahrenen Muster, in denen man denkt, fühlt und handelt, müssen durchbrochen werden – das macht dieser Roman deutlich. Dabei lohnt sich ganz klar der Blick über den Tellerrand oder über die eigenen Gartengrenzen hinaus.

Fazit

Ein dicht konstruierter Roman, der die Unzulänglichkeiten eines jeden Menschen zeigt: Sobald ihm jemand zu nahe kommt, das eigene Territorium angreift, werden die Krallen ausgefahren, Ungesagtes missinterpretiert und zwischenmenschliche Beziehungen neu bewertet. Ein schrecklicher Verlust kann auch ein Auslöser sein, aber ist niemals die Ursache! Der Roman lebt gerade von den ungesagten Dingen. Also, Scheuklappen ab!

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