Gestapelte Frauen

Erschienen: Februar 2021

Bibliographische Angaben

- OT: Mulheres Empilhadas

- aus dem Portugiesischen von Barbara Mesquita

- HC, 256 Seiten

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Nina Pimentel Lechthoff
Eine fiktive Geschichte, fast zu nah dran an der Realität

Buch-Rezension von Nina Pimentel Lechthoff Mär 2021

648. So viele Frauen sind in Brasilien Opfer von Femizid geworden – im ersten Halbjahr 2020. Allein das zeigt, wie aktuell der Roman Gestapelte Frauen von Patrícia Melo ist. Darin erzählt sie die Geschichte einer jungen Anwältin, die sich aus der Metropole São Paulo in den im Amazonas gelegenen Bundesstaat Acre aufmacht, um dort Gerichtsverhandlungen zu Frauenmorden zu verfolgen.

Direkt der erste Fall nistet sich in den Kopf der namenlosen Protagonistin: Drei junge Männer aus reichen Familien haben das 14-jährige Indiomädchen Txupira vergewaltigt, gefoltert und ermordet. Doch wie so oft werden die Täter nicht nur nicht bestraft, sondern bekommen Zuspruch und Solidarität von der Gesellschaft.

Um dieser harten Wirklichkeit zu entfliehen, flüchtet sie immer wieder ins Amazonasgebiet zu einer indigenen Gemeinschaft und nimmt an Ayahuasca-Ritualen teil. In ihren Trancen verbindet sie sich mit den getöteten Frauen, um Rache an den Männern zu üben, die ihnen Leid zugefügt haben. Aber auch in der Wirklichkeit kämpft die Protagonistin, zusammen mit der Staatsanwältin und einer Journalistin, gegen die Männer, die Frauen ermorden.

Ein Buch, drei Geschichten

Gestapelte Frauen spielt auf drei Ebenen: Die Kapitel A bis X spielen in der Realität. Dort erzählt die Protagonistin aus der Ich-Perspektive, was in ihrer Zeit in Acre passiert. Dort erfahren wir, wie sie sich mit der Staatsanwältin anfreundet, wie sie die Stadt Cruzeiro do Sul auskundschaftet oder wie sie dem jungen Mario immer näherkommt.

Ein Großteil dieser Kapitel beschäftigt sich aber mit den Gerichtsverhandlungen, die sie verfolgen soll. Ihre Notizen sammelt sie in einem Buch; je länger sie in Acre verweilt, desto mehr Frauen „stapeln“ sich darin. Auszüge dieser Notizen sind die zweite Ebene des Romans, von 1 bis 12 nummeriert. Darin lesen wir in einer Kurzfassung, was den Frauen passiert ist, deren Morde im Gericht verhandelt werden. Mal sind sie von ihrem Ehemann erschossen, mal vom Vater erwürgt, mal vom Schwager ermordet worden. Auch wenn diese Kapitel meist nur ein paar Zeilen lang sind – das längste umfasst anderthalb Seiten – haben sie mich umgehauen. Denn Patrícia Melo schafft es, darin mit wenigen Worten die harte Realität aufzuzeigen, dass keine Frau sicher ist und dass der Täter, auch wenn Motiv und Tat außer Frage stehen, nur eine leichte Strafe abbekommt – wenn überhaupt.

Fliegende Vulven, die Waffen der „Rächerinnen“

Die dritte Ebene, mit griechischen Buchstaben markiert, stellt die Rachefantasien der Protagonistin vor, die sie während ihrer Ayahuasca-Trancen auslebt. In dieser fantastischen Welt trifft sie sich mit anderen Frauen im Urwald. Geleitet von einer mysteriösen Frauenfigur machen diese Amazonen Jagd auf Männer. Hin und wieder schwirren auch Vulven durch die Lüfte, die als eine „noch tödlichere Version“ der „vagina dentata“ die schuldigen Männer aufsuchen und sie aufspießen.

Diese Kapitel lesen sich wie ein Rausch, ein ruheloser Traum, denn die Protagonistin verwebt darin das in der „Realität“ erlebte mit ihren eigenen, in ihrem Unterbewussten tief verborgenen Traumata. Dazu gesellen sich noch andere gesellschaftliche Ungerechtigkeiten wie der Umgang Brasiliens mit den indigenen Völkern oder die Brandrodungen des Urwalds, die Weide- oder Anbauflächen Platz schaffen soll. Dabei wechseln sich die Themen in rasender Geschwindigkeit ab, oder es werden die Namen der Opfer ständig wiederholt, sodass sie in meinem Kopf zu einem Singsang geworden sind. All das machen diese Kapitel zu einem krassen Trip.

Für welche Frauen kämpfen wir?

Ich finde, Patrícia Melos Roman Gestapelte Frauen ist ein wichtiger und guter Weg, die unfassbare Menge der Frauen aufzuzeigen, die Opfer von Femizid werden. Leider werden dabei Transfrauen völlig unter den Teppich gekehrt. Denn nicht nur ist eine der Waffe der Amazonen fliegende Vulven, die Frauen in dieser Traumebene definieren ihr (weibliches) Geschlecht als das, was sie stark macht und weswegen die Männer sie so sehr hassen, dass sie die Frauen letztendlich umbringen. In Brasilien wurden 2020 in Brasilien 129 Transfrauen umgebracht – 70 % mehr als 2019. Ich finde, auch diese Frauen hätten fabelhafte Amazonen im Kampf gegen frauenhassende Mörder abgegeben.

Fazit

Gestapelte Frauen von Patrícia Melo ist definitiv harte Kost, die ich aber mit Genuss verschlungen habe. Vor allem die Kapitel, in denen die Ayahuasca-Träume der Protagonistin dargestellt werden, haben eine solche Sogwirkung, dass man einfach nicht aufhören kann zu lesen. Nur dass die Autorin das Frau-Sein damit gleichsetzt, mit welchen Geschlechtsteilen man auf die Welt gekommen ist, und dabei eine Gruppe von Frauen ignoriert, denen genauso viel – wenn nicht sogar mehr – Leid angetan wird, finde ich sehr schade.

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