Ein verborgenes Leben

Erschienen: März 2021

Bibliographische Angaben

- übersetzt von Hans-Christian Oeser

- Broschur, 394 Seiten

Couch-Wertung:

85
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Carola Krauße-Reim
Das tragische Leben der Roseanne Clear

Buch-Rezension von Carola Krauße-Reim Mai 2021

Der irische Schriftsteller Sebastian Barry hat sich schon mehrmals in Romanen mit der Familie McNalty befasst. Bereits 2009 erschien Ein verborgenes Leben als Hardcover, in dem er von Roseanne, die einige Zeit mit Tom McNalty verheiratet war, erzählt ...

Roseanne und Dr. Grene

Roseanne ist 100 Jahre alt und lebt seit mehreren Jahrzehnten in einer psychiatrischen Klinik, als sie ihre Erinnerungen aufschreibt. Die geben ihr entbehrungsreiches und tragisches Leben in Sligo wieder, während der Zeit der Unabhängigkeitskämpfe. Dr. Grene will mehr über Roseanne erfahren und recherchiert in alten Akten. Doch Erinnerungen können trügen, Akten können manipuliert sein, und die Wahrheit ist oft eine ganz andere ...

Zwischen den Fronten 

Schon als Kind gerät die protestantische Roseanne zwischen die Fronten und ins Visier des katholischen Geistlichen Father Gaunt. Er sorgt mit seinen Aussagen viele Jahre für große Probleme in Roseannes Familie, die in ihrer Einweisung in die Psychiatrie gipfeln. Ihr Lebensbericht beginnt 1922 und zieht den Leser sofort in seinen Bann. Was man erfährt, macht betroffen und weckt Empathie für die bedauernswerte Frau. Barry schafft einen glaubwürdigen Charakter, der gezeichnet ist von den Kämpfen um die Unabhängigkeit Irlands, den Konflikten zwischen den Konfessionen, dem 2. Weltkrieg und der Rolle der Frau. Roseanne wird erst von der Umwelt ignoriert und dann einfach vergessen, bis niemand mehr da ist, der sich an sie erinnern könnte. Erst nach und nach erfahren wir, was alles geschah, und vor allem warum. Das baut eine Spannung auf, die sich durch das ganze Buch zieht. Die Recherchen Dr. Grenes ergänzen Roseannes Bericht und zeigen Diskrepanzen auf, die wiederum zur Spannung beitragen. Dr. Grene selbst wird als ein Mensch beschrieben, der fast an dem Verlust seiner Frau zugrunde geht, der aber gleichzeitig Roseanne viele Jahre keine Beachtung schenkt und erst jetzt, durch ein anstehendes Gutachten gezwungen, Interesse an ihr zeigt. Sein Charakter ist nur schwer zu erfassen - sehr feinfühlig auf der einen Seite und dennoch manchmal emotional gehemmt.

Irlands Probleme fließen in den Roman ein

Barry verknüpft Roseannes Leben eng mit der Geschichte Irlands, ohne dabei pathetisch oder parteiisch zu sein. Er schildert die Armut nach dem ersten Weltkrieg sowie die sozialen und politischen Verhältnisse. Der Kampf um die Unabhängigkeit treibt immer mehr einen Keil zwischen Katholiken und Protestanten. Es entstehen zwei nahezu unversöhnliche Lager, die geprägt sind durch Hass und die Macht ihrer Kirchen. Die Priester, wie Father Gaunt, haben enormen Einfluss und werden durch die vorherrschenden Tabus (gerade für Frauen) noch unterstützt. Deren Rolle war, wie zu dieser Zeit allgemein üblich, die einer selbstlosen und skandalfreien Ehefrau und Mutter. Diese Verhältnisse ändern sich auch nicht, als der 2.Weltkrieg einsetzt. Die Objektivität im Zusammenleben wird immer noch durch die Kirchen behindert, Vorurteile werden befeuert und nicht hinterfragt. Selbst als Roseanne ihren Lebensbericht verfasst, spielt die Religionszugehörigkeit noch eine Rolle. Auch nach 100 Jahren hat sich nicht viel geändert in Irland.

Ein Stil wie aus einem anderen Jahrhundert

Sebastian Barry macht es seinen Lesern nicht leicht: Mit verschachtelten und manchmal extrem langen Sätzen erinnert sein Stil an Romane längst vergangener Zeiten. Selbst in Gesprächen wird eine wirklichkeitsferne Schriftsprache gebraucht, die nicht nur unrealistisch ist, sondern auch kaum Roseannes Bildung entsprechen dürfte. Dadurch wird eine Distanz geschaffen, die vielleicht auf Neutralität gerichtet ist. Gleichzeitig verknüpft der Autor aber märchenhafte Details und melancholische Motive, die man aus der schwarzen Romantik kennt. Ein verborgenes Leben mutet dadurch wie ein Spätwerk der „Gartenlauben-Romane“ aus dem 19. Jahrhundert oder wie eine zu spät erschienene Gothic-Novel an.

Fazit

In Ein verborgenes Leben befasst sich Sebastian Barry erneut mit der Familie McNalty. Roseannes Lebensbericht ist etwas für Leser, die Interesse an Geschichte und komplizierten Frauenschicksalen haben und sich gleichzeitig nicht durch einen elaborierten und nicht immer einfachen Stil abschrecken lassen.

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