Die Republik der Träumer

Erschienen: Januar 2021

Bibliographische Angaben

- OT: Jumhûriyyat ka'anna

- aus dem Arabischen von Markus Lemke

- HC, 464 Seiten

Couch-Wertung:

70
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Carola Krauße-Reim
Literarische Reflexion eines Scheiterns

Buch-Rezension von Carola Krauße-Reim Mär 2021

Im Dezember 2010 setzten Proteste gegen autoritär geführte Regime in Nord-Afrika ein – der Arabische Frühling hatte begonnen. Auch in Ägypten gingen die Menschen gegen Dauerpräsident Mubarak auf die Straße. Am 25.1.2011 fand auf dem Tahrir-Platz in Kairo eine Großdemonstration statt, die blutig endete, aber für den Sturz Mubaraks sorgte. Ein Militärrat übernahm die Regierungsgeschäfte bis zur demokratischen Wahl der Muslimbrüder. Al-Aswani hat diese bedeutende Zeit in einem Roman gepackt.

Ein Autor, der weiß, wovon er schreibt

Der 1957 geborene Ägypter Alaa al-Aswani hat sich bereits vor dem Arabischen Frühling für eine Erneuerung des Staates stark gemacht. Er gehörte aktiv der Oppositionsbewegung „Kifaya“ an, die schon vor der Revolution eine Direktwahl des ägyptischen Präsidenten forderte. Während des Arabischen Frühlings in Kairo unterstütze al-Aswani die Protestierenden und hielt Konferenzen für die ausländische Presse ab. Heute lebt er im Exil in New-York. Die Republik der Träumer ist bereits  al-Aswanis drittes Buch. Die ersten beiden werden in Ägypten nicht mehr nachgedruckt; ein Erscheinen des vorliegenden Buches hätte Haftstrafen für Autor und Verleger nach sich ziehen können, und so musste Die Republik der Träumer in Beirut veröffentlicht werden.

Fiktive Personen in historischer Realität

Mit seinen Protagonisten deckt al-Aswani fast die ganze Bandbreite der ägyptischen Bevölkerung ab: Asma‘, die Lehrerin; Mazen, der Arbeiter; Wissa, der Bohemian; Issam, der Ingenieur, und seine machtbesessene Frau Nurhan; Chaled, der Bürgerrechtler; Alwani, der Chef des Geheimdienstes und seine Tochter Dania, eine Freundin Chaleds. So subjektiv diese Figuren scheinen, sind sie doch Stereotype ohne wirkliche Individualität. Sie bilden lediglich das Konglomerat der Protestierenden auf dem Tahrir und ihre Gegner ab. Jeder kommt zu Wort, gibt aber nur seine Position wieder und handelt seinem Part entsprechend; eine Weiterentwicklung der Charaktere findet nur minimal statt. Selbst die Liebesbeziehung zwischen Asma‘ und Mazen verläuft vorprogrammiert. Aber auf diese Weise kann al-Aswani den Zustand der ägyptischen Gesellschaft am besten verdeutlichen, in der Bigotterie, Heuchelei, staatliche Gewalt, Unterdrückung und Perspektivlosigkeit an der Tagesordnung waren. Jedoch schafft er es auf diese Art nicht, den Leser mitzunehmen in diese aufregende Zeit. Die Handelnden bleiben fremd, erwecken keinerlei Gefühle im Leser, womit die Spannung ebenfalls im Geschehen steckenbleibt. Lediglich die menschenverachtenden Methoden des Geheimdienstes oder die selbstverständlichst ausgelebte Scheinheiligkeit rühren an.

Ein gewöhnungsbedürftiger Schreibstil erwartet den Leser

Al-Aswanis Stil ist von seiner Herkunft geprägt und ähnelt denen anderer Autoren aus der Region: manchmal sehr detailverliebt, gespickt mit Floskeln und mit ständigem Bezug zur Religion (was für die arabischen Sprache ganz natürlich ist). Er kommt mit sehr wenig wörtlicher Rede aus, sogar die Liebesbeziehung zwischen Mazen und Asma‘ erleben wir nur aus Briefen. Das nimmt den Leser nur bedingt mit; er bleibt außenstehender Betrachter, selbst wenn die Demonstrationen in Gewaltexzessen versinken. Auch wenn man den Ausgang des Vorhabens schon kennt, wäre eine Bindung des Lesers an das Geschehen durch eine vermehrte Schilderung von Gefühlen, Gedanken und Ängsten wesentlich spannender und emotionaler zu lesen gewesen. Sogar als Mubarak seinen Rücktritt erklärt und das Militär die Regierungsgeschäfte übernimmt, wird al-Aswani wenig euphorisch und scheint in seiner Darstellung sehr darauf bedacht, das Scheitern der Revolution zu rechtfertigen: Er schildert ein (bis heute nicht nachzuweisendes) Treffen zwischen Geheimdienstchef und Generalsekretär der Muslimbrüder am Tag der Abdankung Mubaraks, während dem ein Deal ausgehandelt wird, der die Revolutionäre zu Verlierern macht, die nie eine Chance auf Demokratie hatten. Lediglich die Reaktionen von Asma‘ und Mazen sind emotional fordernd - denn während Mazen glaubt, dass die Demokratie eines Tages siegt, ist Asma‘ davon überzeugt, dass dies niemals passieren wird, da Korruption und auch die Schwäche der Bevölkerung das Verhindern werden.

Fazit

Die Republik der Träumer sollte ein Denkmal für die Demonstranten des Tahrir-Platzes sein - doch es ist ein Dokument des Scheiterns und der Versuch einer Rechtfertigung dafür. Protagonisten und Schreibstil halten den Leser auf Distanz und lassen nur selten Emotionen aufkommen. Wer aber an Ägypten und seinen Menschen interessiert ist, sollte dieses Buch lesen, denn es erzählt von einem (wenn auch nur kurzen) Moment der Hoffnung in diesem Land.

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