Eine Formalie in Kiew

Erschienen: Januar 2021

Bibliographische Angaben

- HC, 176 Seiten

Couch-Wertung:

75

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Carola Krauße-Reim
Familienprobleme in Kiew

Buch-Rezension von Carola Krauße-Reim Feb 2021

Dmitrij Kapitelman hat die Ukraine vor 25 Jahren als „Kontingentflüchtling“ verlassen. Als 8-jähriger kam er nach Deutschland, lernte perfekt zu „sächseln“ und hat erst jetzt den Wunsch verspürt, einen deutschen Pass zu erhalten. Doch der Bürokratie muss Genüge getan werden und so muss sich Kapitelman auf den Weg nach Kiew machen, um eine erneute Geburtsurkunde samt Apostille ausstellen zu lassen. Dort holt ihn die Vergangenheit mit aller Macht ein ...

Rückkehr in die Vergangenheit

Schon der Abflug aus Leipzig zeigt das Problem der Ukraine: alles verzögert sich. In Kiew angekommen, muss sich Kapitelman der Bürokratie stellen. Doch dem ukrainischen Amtsschimmel (wie allen anderen Schwierigkeiten auch) kann man durch „Entdankung“ nachhelfen – ein wunderbares Wort aus „Entschädigung“ und „bedanken“. Doch, anders als angenommen, ist das gar nicht nötig und die Geburtsurkunde samt Apostille wird auch ohne diese Sonderabgabe ausgestellt – nur nicht auf der Stelle. So bleibt genug Zeit, sich in Kiew umzusehen, alte Bekannte zu treffen und ehemals vertraute Orte aufzusuchen – aber ohne dabei auf die berüchtigten Gullydeckel zu treten! Natürlich muss Salo erstanden werden; weniger natürlich ist ein Bad im Dnjepr mit daraus resultierender anschließender Ohrenentzündung; der Wodkagenuss wird zum täglichen Ritual; und die Frage, ob der Komiker-Präsident ein besserer Politiker sein wird als sein Vorgänger, der Pralinenfabrikant, liegt stets in der Luft. Als alles besucht, alles getrunken und alles gegessen ist, die Bekannten abgeklappert und die Geburtsurkunde tatsächlich mitsamt Apostille vorliegt, schlägt das Schicksal hart zu und Kapitelman muss sich den Verbindungselementen zwischen Ukraine und Deutschland stellen: seinen Eltern, von denen er sich weitgehend entfremdet hat.

Migration scheint nie zu enden

Kapitelman ist schon als Kind nach Deutschland gekommen. Er kann besser sächseln als die deutsche Beamtin der Meldebehörde, hat die Schule und das Studium erfolgreich beendet, arbeitet als freier Journalist und Autor, und ist trotzdem zerrissen zwischen den Nationen - was ihm in Deutschland vor allem als Jugendlicher schmerzhaft und anscheinend auch dauerhaft bewusst gemacht wurde. Da ist die Oma, die nur Russisch kann und ihn damit vor seinen Freunden zu einem „Nichtdeutschen“ macht, da sind aber vor allem die Neo-Nazis, die ihm das Leben schwer machen. Wie beiläufig, in Nebensätzen oder Schlagworten, da wo man sie nicht erwartet, wird diese Bedrohung erwähnt. Sie trifft den wissenden, aber unbedarften Leser wie ein Schlag in den Magen und macht die Angst unserer zugereisten Mitmenschen greifbar. Der Security-Nazi steht vor dem Eingang der Behörde, die Neo-Nazis drangsalieren den Migranten, wo sie nur können, und die allgemein zunehmende Rechtsradikalität in Politik und Gesellschaft gehört realistisch spürbar zu Kapitelmans Leben. Natürlich ist diese braune Tendenz uns allen bekannt, vor allem im Osten der Republik, „wo immer wieder Einzelfälle von nicht rechtsextremen Polizisten und Justizbeamten bekannt werden...“, aber, dass sie so täglich und allgegenwärtig für Migranten ist, entsetzt. Und obwohl der Autor am Schluss zu der Erkenntnis kommt: „Nichts ist so gleichgültig wie Nationalitäten“, ist sein Weg dahin steinig. Seine Eltern sind von Deutschland enttäuscht, bleiben aber. Seine Mutter tröstet sich mit einem Haufen Sibirischer Katzen, sein Vater verliert sich in einer unentdeckten Krankheit. Beide „Heute-Eltern“ haben nichts mehr mit den „Damals-Eltern“, die optimistisch und lebensbejahend waren, zu tun. Der Sohn ist ihnen abhandengekommen – zu Deutsch. Der fühlt sich als Deutscher, wird aber immer wieder an seine Wurzeln erinnert, sei es wegen seines Passes, seiner Residenzpflicht oder der missbilligenden Blicke anderer, die ihn für einen Deutschen hielten und sich dann betrogen fühlen, wenn sich herausstellt, das dem nicht so ist. Unter diesen Voraussetzungen wird die Migration auch nicht mit dem Erhalt des Deutschen Passes enden – obwohl „nichts so gleichgültig [ist] wie Nationalitäten“. Kapitelman wartet übrigens immer noch auf die Ausbürgerung aus der Ukraine (vielleicht würde hier eine Entdankung doch helfen?).

Familiengeschichte im Jetzt-Zustand der Ukraine

Kapitelman verknüpft seinen Besuch in Kiew mit Reflektionen über den Zustand der heutigen Ukraine: Die Demokratie hat Einzug genommen, aber viele alte Strukturen bestehen noch. Der Konflikt um die Krim und den Donbass beeinflusst das Leben der Menschen, genauso wie die vorherrschende Armut und die miserable Wohnungssituation. Dem Leser werden diese Probleme ohne Wertung, aber mit viel Gefühl dargelegt. Der Schreibstil ist dabei sehr humoristisch, was anfangs erfrischend anders ist, aber auf Dauer immer ermüdender und anstrengender wird. Kein Satz kommt ohne den teilweise krampfhaften Witz aus und der Wunsch nach einem persönlichen aber weniger unkonventionellen Erzählstil wird immer größer – oder sollte diese Komik an den jetzigen Präsidenten der Ukraine erinnern, der anscheinend in Aufzeichnungen aus seiner Zeit als Komiker in Endlosschleife im TV erscheint? Was Kapitelmann aber wieder einmal verdeutlicht, ist die Rolle der Sprache als Identifikationsmerkmal: In Deutschland manövriert sich die Großmutter ins Abseits, weil sie nur Russisch spricht, in der Ukraine kann sich der Autor nur bedingt verständigen, da er kein Ukrainisch beherrscht und sich dadurch als „Ausländer“ outet, in Deutschland wird er als Sachse gesehen, bis er seinen Pass zeigen muss. Trotz „Nichts ist so gleichgültig wie Nationalitäten“, werden diese, ob wir es wollen oder nicht, durch die gesprochene Sprache definiert – und das folgerichtig oft genug falsch!

Fazit

In Eine Formalie in Kiew verknüpft Dmitrij Kapitelman seine Geschichte mit dem Zustand der heutigen Ukraine. Sein Stil ist humorvoll, aber genau deshalb auch etwas anstrengend. Aber die Lektüre lohnt sich, zeigt sie doch die Probleme der Migration, der Entwurzelung, sowie den Willen anzukommen, und fordert dafür vom Leser auf liebenswürdige Art Verständnis ein. Das macht Eine Formalie in Kiew zu einem hochaktuellen Buch!

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Letzte Kommentare:
26.01.2021 17:02:00
miss.mesmerized

Nach 25 Jahren in Deutschland und der Beobachtung der unsäglichen politischen Entwicklungen insbesondere im Osten beschließt der Autor sich nun endlich um die Staatsbürgerschaft des Landes zu bemühen, in dem er aufgewachsen ist und sich zu Hause fühlt. Mit der Ukraine verbindet ihn nicht mehr viel, dennoch muss er nach Kiew reisen, um dort eine neue Geburtsurkunde und eine Apostille zu besorgen. Schon seit vielen Jahren war er nicht mehr dort, manche Straßenzüge gleichen noch jenen seiner Kindheitserinnerungen, andere sind nicht wiederzuerkennen. Er sucht die alte Wohnung seiner Familie auf, in der tatsächlich im Kinderzimmer noch immer derselbe Teppichboden liegt. Auch alte Freunde und Verwandte trifft er wieder, immer auch mit der Sprache kämpfend, die ihm fremd geworden ist. Wundersamerweise sind seine Dokumente zügig fertig und er will schon die Rückreise antreten, doch dann kündigt sein Vater sein Kommen an und macht dabei einen völlig verwirrten Eindruck. Dies bestätigt sich rasch: offenbar die Folgen eines Schlaganfalls, also muss er sich erst einmal um die Gesundheit des alten Mannes kümmern.

Kapitelmans Reise nach Deutschland beginnt wie viele in den 1990er Jahren. Als jüdische Kontingentflüchtlinge konnte die Familie in den Westen kommen, wo sich jedoch die Hoffnungen und Erwartungen nur bedingt erfüllten. Bald schon verklären die Eltern die alte Heimat, was zu einem unweigerlichen Bruch zwischen den Generationen führt: die Kinder finden sich zügig ein, leben unauffällig wie ihre deutschen Freunde, doch die Eltern bleiben immer ein Stück weit noch in der Vergangenheit verhaftet. Die Reise in das Geburtsland wird dann zu einer Entdeckungsreise in die Fremde, nicht nur Sprache fehlt, sondern auch die Gepflogenheiten müssen die Kinder sich mühsam aneignen. Kapitelman schildert dieses Erlebnis mit einem lockeren Ton, der von feiner Ironie geprägt ist, die jedoch die Zwischentöne nicht verdeckt, sondern eher noch schärft.

Zunächst dominiert der Behördenirrsinn, der als Ausgangspunkt für die Handlung dient. Sowohl auf deutscher wie auch auf ukrainischer Seite verwundert so manche Paragrafenabsurdität, hierzulande geprägt von rigider Formalität, dort von „Entdankungen“, der zufälligen Beigabe von kleinen und größeren Geldgeschenken, die Vorgänge nicht nur beschleunigen, sondern überhaupt erst ermöglichen. Die Entfremdung von der Heimat, der Verlust der Sprache – wobei dies in einem zweisprachigen Land, das sich auch noch im Krieg befindet und wo die Verwendung der „falschen“ mit nicht wenigen Vorbehalte einhergeht – die unterschiedlichen Lebensbedingungen und Lebensentwürfe: Kapitelmans schildert seine Eindrücke und Begegnungen authentisch und lebhaft und lässt den Leser an seinen Gedanken teilhaben.

Mit dem Erscheinen des Vaters verschiebt sich der Schwerpunkt, weniger die Begegnung mit dem Fremden steht im Vordergrund als viel mehr der schwierige Umgang mit dem Vater, der nicht mehr der Mann ist, den er kannte. Einfachste Fragen werden zu großen Hürden, die Hände und Füße wollen nicht mehr wie gewohnt gehorchen und die bittere Wahrheit kann kaum mehr verleugnet werden. Der Autor muss nicht nur seine Geburtsstadt neu kennenlernen, sondern auch seine Eltern, denn diese sind ebenso nicht mehr diejenigen, die sie einmal waren.

Auch wenn viele Themen eher trauriger Natur sind und nachdenklich stimmen, lebt der Roman doch von einem heiteren Ton, der insbesondere die alltäglichen Absurditäten pointiert wiedergibt. Immer wieder muss man schmunzeln, obwohl die Lage eigentlich ernst ist. Dmitrij Kapitelman gelingt so eine Liebeserklärung an Kiew und seine Bewohner und eine unterhaltsame literarische Spurensuche nach seinen Wurzeln, die er schon vertrocknet glaubte und die ihn unerwartet seinen Eltern wieder ganz nahe bringt.

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