Kleine Fluchten

Erschienen: März 2021

Bibliographische Angaben

- OT: Tenir jusqu'à l'aube

- aus dem Französischen von Anne Braun

- HC, 144 Seiten

Couch-Wertung:

70

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Sandra Dickhaus
Eine alleinerziehende Mutter erlaubt sich abends kleine Fluchten aus ihrem Alltag - und lässt ihr Kind alleine zurück

Buch-Rezension von Sandra Dickhaus Mär 2021

Eine alleinerziehende Mutter lebt mit ihrem dreijährigen Sohn in einer kleinen Wohnung eines Mehrfamilienhauses. Der Vater ist schon vor einiger Zeit abgehauen, hat zwar noch einen Schlüssel, lässt sich aber weder blicken, noch zahlt er Unterhalt. Ihre Familie lebt nicht hier und die Nachbarn lehnen den Kontakt ab. Die Frau ist selbstständig, arbeitet, wenn sie denn Aufträge hat, von zuhause aus, muss sich dabei aber noch um ihr Kind kümmern; das klappt mehr schlecht als recht. In ihrer knapp bemessenen Freizeit tummelt sie sich in unterschiedlichen Chatforen - mal für Alleinerziehende, mal für Singles. Doch all dies lässt sie nicht zufriedener werden. So gönnt sie sich immer wieder kleine Auszeiten, wenn ihr Junge abends schläft, und verlässt das Haus. Erst sind es nur ein paar Minuten; dann ist es wie eine Sucht und sie bleibt immer länger fort. Können diese Fluchten aus ihrem Alltag ohne Folgen bleiben?

Anonymität, Distanz und keine Möglichkeit, sich mit den Figuren zu identifizieren

Auffällig ist, dass die Namen der Figuren in dem Roman nie genannt werden. Die Autorin beschreibt zwar deren Alltag, hält dies aber alles so allgemein, dass theoretisch auch der eigene Nachbar, die eigene Nachbarin oder das Kind in der Kita gemeint sein könnte. Somit erreicht sie den Leser geschickt, denn die Handlung ist nicht auf eine bestimmte Figur, die namentlich benannt ist, gemünzt; es könnte jeder sein. So wird auch relativ wenig über das Umfeld der jungen Frau erzählt; man erfährt nur das Nötigste, kennt ihre Familie nicht, erfährt nur ein wenig über das Verschwinden des Kindsvaters. Auch so gelingt es der Autorin, den Eindruck zu vermitteln, all das geschehe in der direkten Nachbarschaft. Dies macht die Anonymität in einer Stadt deutlich: jeder kümmert sich um seine eigenen Probleme, verschließt die Tür, kennt vielleicht sogar die Bewohner des eigenen Hauses nicht einmal. Eine gewisse Einsamkeit erreicht den Leser und hinterlässt einen schalen Geschmack. Auch kann man nie wirkliche Wärme oder Sympathie für die Hauptfiguren, die in der dritten Person geschildert werden, empfinden. Alles bleibt oberflächlich, unnahbar und irgendwie kalt. Genau dies wird die Autorin vermitteln wollen. An der ein oder anderen Stelle fühlt man sich in seine Schulzeit versetzt, in der man die obligatorischen Kurzgeschichten Gabriele Wohmanns gelesen hat; der Stil ist dem von Five sehr ähnlich. Auch das Ende des Romans gibt kein typisches Happy End wieder, sondern bleibt realitätsnah, aber distanziert, und schließt nach der letzten längeren nächtlichen „Flucht“ der Mutter mit einem einschneidenden Erlebnis ab. Trotzdem fehlt nach dem Lesen das Gefühl, tief in die Geschichte eingedrungen zu sein; sie gibt keinen Raum dafür her. Auch Identifikationsmöglichkeiten bleiben aus. Während des Lesens erlebt man diese Distanz zu der jungen Mutter und ihrem Leben. Jeder ist sich selbst der Nächste!

Fazit

Ein kleines, schmales Bändchen über das anonyme Leben und Leiden einer alleinerziehenden Mutter, die sich rund um die Uhr um ihren kleinen Sohn kümmern muss, den Unterhalt allein bestreitet und an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gerät. Trotz all der Liebe zu ihrem Kind schaufelt sie sich - zunächst mit schlechtem Gewissen, aber doch getrieben - immer mehr Zeit frei, wenn der Kleine abends im Bett liegt und verlässt die gemeinsame Wohnung. Ob das wohl auf Dauer gut gehen mag?

Kleine Fluchten

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Letzte Kommentare:
15.03.2021 18:17:40
miss.mesmerized

Wenn man sie sieht, mit ihrem kleinen Sohn, kann man nur neidisch werden, so hübsch das Kind, sicherlich ein Wunschkind, das die Eltern glücklich macht. Doch hinter der verschlossenen Wohnungstür ist gar nichts glücklich. Der Kindsvater schon seit über einem Jahr spurlos verschwunden und die Mutter am Ende ihrer Kräfte. Alles muss sie alleine managen, keine freie Minute bleibt ihr, der Junge tyrannisiert sie rund um die Uhr. Ihren Job als freiberufliche Grafikerin kann sie schon lange nicht mehr ausüben, keine Zeit, denn immer will das Kind etwas, fordert ihre Aufmerksamkeit ein. Das Geld wird knapp, die Sorgen größer, noch nicht einmal in der Anonymität des Internets kann sie Trost finden. Einzig kleine Fluchten, die sie sich zunehmend erlaubt, schenken ihr die Illusion von einer anderen Möglichkeit, einem anderen Leben als dem ihren.

„Kleine Fluchten“ ist Carole Fives vierter Roman, der zweite, der in deutscher Übersetzung erschienen ist. Die Autorin thematisiert in diesem ein gesellschaftliches Tabu, mit dem ihre Protagonistin allein gelassen wird und das sie an den Rand ihrer Kräfte bringt. Die alleinerziehende Mutter, die sich ausgelaugt und erschöpft fühlt und keineswegs mehr die große Freude über die Mutterschaft empfinden kann, die man von ihr erwartet. Tapfer bemüht sie sich die Rolle der aufopferungsvollen Versorgerin zu spielen, die sich nicht beklagt. Dass sie selbst dabei auf der Strecke bleibt, schein irrelevant.

Die namenlose Protagonistin, die erst am Ende als Madame Leroy einmal identifiziert wird, ist unsichtbar für die Außenwelt. Sie wird über ihre Funktion als Mutter wahrgenommen und hat irgendwann selbst schon den Eindruck, dass der Buggy fast zu ihrem Körper gehört. Sie beugt sich dem gesellschaftlichen Druck, will die Erwartungen erfüllen, um nicht als Problemfall zu gelten, obwohl sie im Hausflur deutlich zu spüren bekommt, dass man mit ihr nichts zu tun haben möchte. Die ausstehenden Mieten, das unerzogene Kind – wer sonst hat dies zu verantworten als die Mutter?

Nachts, wenn der Junge endlich schläft, schleicht sie sich aus der Wohnung, geht zum Fluss, um sich wieder als Mensch zu fühlen, der sie einmal war. Nur wenige Minuten erlaubt sie sich. Dann etwas mehr, es kann ja eigentlich nichts geschehen, wenn der Junge schlafend im Bett liegt. Doch immer schmerzlicher wird ihr dabei auch bewusst, was sie alles nicht mehr ist. Sie hat keine Freunde, keine Kollegen, denn in ihrem Beruf kann man keine Rücksicht auf ihr Muttersein nehmen, warum kann sie sich aber auch nicht besser organisieren?

Nach dem Vater fragt niemand. Auch in den anonymen Foren, die sie immer wieder aufsucht, erleben Frauen, die von ihren Sorgen berichten, Ablehnung und Hass. Statt Solidarität treffen sie auf jene Supermütter, denen scheinbar alles locker gelingt und die sie noch tiefer in den Abgrund stürzen, in den sie eh schon fallen. Immer müssen sie sich rechtfertigen, im Job, auf den Ämtern, man schreibt ihnen allein die Schuld für ihre prekäre Situation zu und für jede Trotzreaktion des Kindes in der Öffentlichkeit ernten sie missbilligende Blicke.

Man spürt, wie sich die Protagonistin einem kritischen Punkt nähert. Bang antizipiert man, wozu sie bereit sein könnte, um diesem Leben, das sie zu erdrücken droht, ein Ende zu setzen. Carole Fives schildert die unschönen Seiten der Elternschaft, schonungslos legt sie offen, wie es zunehmend schwerer wird, den tagtäglichen Kampf zu gewinnen und zu überleben. Die Verzweiflung und Erschöpfung springen einem aus jeder Zeile an und machen den Roman zu einem emotional intensiven Leseerlebnis. Zwei ganz essentielle Fragen resultieren aus der Geschichte: wo sind die Väter? Und warum sind wir nicht ehrlich und reden darüber, dass Kinder und deren Erziehung nicht immer nur eitler Sonnenschein sind.

Film & Kino:
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