Die Optimistin

Erschienen: März 2021

Bibliographische Angaben

- HC, 352 Seiten

Couch-Wertung:

55
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Carola Krauße-Reim
Klamauk ohne jeden Sinn

Buch-Rezension von Carola Krauße-Reim Mär 2021

Der beruflich sehr umtriebige Autor veröffentlicht mit Die Optimistin seinen zweiten Roman. Toygar Bayramoğlu landet darin auf Flucht vor seiner arrangierten Hochzeit in einem Seniorenheim – bei Frau Keller. Die fast 80-Jährige ist ausgesprochen optimistisch unterwegs und erzählt dem Hochzeitsflüchtling ihre bewegte Lebensgeschichte innerhalb von zwei Tagen. Doch bald ist Toygar klar: Man darf Frau Keller nicht alles glauben!

Zwei abstruse Handlungsstränge

Toygar ist ein guter türkischer Sohn – er opfert sich für seinen verschuldeten Vater und ist bereit, die Ehe mit der 16-jährigen Nichte des Möchtegern-Paten von Berlin-Kreuzberg einzugehen. Doch ganz kurz vor dem Ja-Wort flieht er auf einem Kamel – Entschuldigung, das Vieh hat nur 1 Höcker, also: Dromedar (ist anscheinend ganz wichtig in der Geschichte). Und hier tun sich die beiden Handlungsstränge auf: Toygars Ritt durch das Jahrhundert - nicht auf dem Dromedar, aber mit Frau Keller und ihrer ausufernden Fantasie - und die Suche der Dinç-Brüder nach Toygar, denn der hat ja eine Schuld zu begleichen. Beide Teile sind völlig überzeichnet und verkommen zu sinnlosem Klamauk. Frau Keller ist „eine unverbesserliche Optimistin. [...] Sie lebt in ihrer eigenen Welt und ist darin glücklich. Ihre Realität zählt und das ist sehr unterhaltsam.“ Frau Keller strickt sich ihre Vergangenheit, wie sie ihr passen würde. Dabei beginnt sie mit Hitler, der als „Alois Matzelsberger“ der Verfolgung entkommt, geht nach einigen anderen haarsträubenden Abenteuern eine folgenschwere Liason mit Ringo Starr ein, durch die sie Yves Saint-Laurent, die Rolling Stones und noch einige andere Berühmtheiten kennenlernt, und endet mit einer Tochter, zu der sie durch das Programm der DDR zur Zwangsadoption gekommen ist. Zwischendrin kommt so ziemlich jeder bekannte Promi vor, meist anders als bisher bekannt, aber immer in enger Beziehung zu Frau Keller. „Baron Münchhausen dreht sich im Gab wie am Gyrosspieß“ - so kann man den Inhalt zusammenfassen. Die Suche der Dinç-Brüder nach Toygar ist auch nicht anders: Der Autor lässt sie so dämlich agieren, dass man bald froh ist, wieder in Frau Kellers Pseudorealität eintauchen zu können. Nur – was soll das Ganze? Es ist nicht Mal ein Märchen, weil einfach absolut keine Handlung zu erkennen ist, und von einer Moral ist weit und breit auch nichts zu erahnen. Oder sollte es so sein, dass Timo Blunck dem Leser empfiehlt, die Augen vor der Realität zu verschleißen?

Es lebe das Klischee!

Das Einzige, was ich dem Autor eventuell zu Gute halten kann, ist die sprachliche Wandlungsfähigkeit zwischen den beiden Handlungen. Der studierte Journalist Toygar, in Berlin geboren und aufgewachsen, darf in gutem Deutsch kommunizieren. Frau Keller auch, aber sie bekommt noch einen Touch Jugendsprache untergeschoben, der wohl ihre Individualität und Kauzigkeit unterstreichen soll. Die Dinç-Brüder und ihr türkischer Clan dagegen werden mit dem Gangsta-Slang bedacht, der sehr restriktiv daherkommt und von mehr Muskeln als Hirn zeugt. Hurra – es lebe das Klischee! Neben diesen sprachlichen Stereotypen holt Blunck ganz groß aus: Von der Zwangsheirat, über eine alte Dame, die sich ihre Vergangenheit selber strickt, bis hin zu hirnlosen Türken, die im Clanmillieu illegale Geldgeschäfte betreiben, lässt er nichts an Vorurteilen aus. Was wohl lustig sein soll, ist nur nervig. Und das Ganze wird dem Leser in einem Stil präsentiert, der wohl auch humorvoll sein soll, aber auf Dauer enervierend langweilig ist. Hier hilft nur größter Optimismus und die Hoffnung auf ein wenig Inhalt, dass man das Buch zu Ende liest.

Fazit

Für mich war diese Hommage an Baron Münchhausen nichts und ich habe mich mehr als einmal gefragt, was dieses Buch eigentlich will. Wer mit zwanghaft humorvollem Stil mit klischeehafter Inhaltslosigkeit zurechtkommt, könnte Gefallen an diesem Ritt durch das Jahrhundert auf Münchhausens Kanonenkugel finden. Immerhin hat es ein Happy-End - ist doch auch was.

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