Denn Familie sind wir trotzdem

Erschienen: März 2021

Bibliographische Angaben

- HC, 320 Seiten

Couch-Wertung:

76
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Monika Wenger
Vergangenheit und Gegenwart

Buch-Rezension von Monika Wenger Apr 2021

Während ihrem freiwilligen Jahr in Israel wird die Deutsche Ina ungewollt schwanger. Die jüdische Familie ihres Freundes Ariel will, dass sie das Kind abtreibt; Ariels Zukunft soll nicht durch ein Kind beeinträchtigt werden. Doch es steckt noch mehr dahinter: Urplötzlich taucht die Vergangenheit auf und es zeigt sich einmal mehr, dass diese immer auch mit der Gegenwart zu tun hat ...

«’Du kannst das Kind nicht kriegen’, sagte Dana. ‘Es wird hier nicht willkommen sein.’ Das war nun nicht mehr falsch zu verstehen.»

Die Großeltern von Ina, Jane und Albert Fux sind oft gemeinsam im Ausland unterwegs. Jane, eine lebens- und unternehmungslustige Engländerin, begleitet ihren Ehemann, den Schiffskapitän, gerne auf seinen Reisen. Ihre beiden Jungen, Paul und Gerd, bleiben bei ihrem Onkel, Alberts Bruder. Johann, seines Zeichens Arzt, ist ein Mann mit eisernen Prinzipien und ein Freund von harten Erziehungsmethoden. Diese setzt er auch bei seinen Neffen durch; schließlich sollen die Jungs einmal echte deutsche Soldaten werden.

Jahre später: Paul hat in der Zwischenzeit geheiratet, eine Familie gegründet und ist Vater einer Tochter, Ina. Diese ist eigenwillig und hat ihre eigene Vorstellung von ihrer Zukunft. Sie beschließt, ein Jahr in einem Kibbuz in Israel zu verbringen. Als sie schwanger wird, kehrt sie allein nach Deutschland zurück. Als Alleinerziehende versucht sie, ihrer Tochter Floriane (genannt Floh) eine gute Mutter zu sein, verzweifelt aber immer wieder an ihrem Alltag.

Floh vermisst ihren unbekannten Vater. Deshalb schreibt sie ihm in ihrem Tagebuch Briefe, sodass er an ihrem Leben teilhaben kann. Auch Floh besitzt eine rebellische Ader und engagiert sich später, als fast erwachsene Frau, bei der Antifa, um sich gegen gesellschaftliche Konventionen aufzulehnen. Als sie mit neunzehn Jahren schwanger wird, will sie sich nicht einschränken und in eine Schablone pressen lassen. Sie verreist mit ihrem Baby und dem Freund nach Asien. Für Ina als Mutter und nun Großmutter ist das erst einmal eine Katastrophe - doch sie erkennt sich selber im Handeln ihrer Tochter wieder.

Jede Generation hat ihre eigene Sprache

Die Autorin lässt in ihrem Roman alle wichtigen Figuren selber sprechen: Jede Person erzählt aus der eigenen Sicht Episoden aus der Vergangenheit. Die Sprache ändert sich je nach Erzähler*in, bleibt aber stets präzise, sachlich und ohne Schnörkel. Das ist sehr eindrücklich und erzielt eine unmittelbare, verbindende Wirkung beim Lesen, ohne die Tragik hinter dem Geschehenen zu schmälern.

Heike Duken schildert mit Distanz zur Vergangenheit und aus Sicht von Paul die harten Bestrafungen im Haus des Onkels - diese unsägliche Härte und die schier grenzenlose Scheinheiligkeit, wenn die Eltern der Buben wieder einmal zu besuchen waren: «Der Onkel war überfreundlich bei solchen Anlässen. Er traute sich nie, unserer Mutter etwas von der Verachtung zu zeigen, die er für sie empfand. Er ließ ja sonst kein gutes Haar an ihr, der Engländerin, überzüchtet, wie er sie nannte, und eine Rabenmutter.» 

Dann folgen Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, das Einrücken und Kämpfen der Soldaten an der Front und Pauls Schweigen nach seiner Rückkehr aus dem Krieg: «Schon seltsam, dass es nicht die fünfzig oder hundert oder tausend sind, die einen verfolgen, nicht wahr, Paul Fux? Es ist dieser eine, der Junge, der lässt einen nicht los.»

Es gelingt Heike Duken, den ganz normalen Familien-Alltags-Wahnsinn in den nachfolgenden Jahren zeitgerecht und mit einer Prise Humor darzustellen. Sehr berührend wird es gegen Ende, als sich Großvater Paul seiner Enkelin Floh gegenüber öffnet, endlich sein Schweigen bricht und vom Krieg erzählt.

Fazit

Eine faszinierende Familiengeschichte, sachlich erzählt und gerade deshalb sehr berührend. In jeder Generation wird aufbegehrt, Veränderungen angestrebt, Erkenntnisse gewonnen. Das ermöglicht schlussendlich die Fähigkeit, zu vergeben und sich zu versöhnen. Denn es gibt da diese unsichtbaren, verbindenden Bande - Familie eben.

Denn Familie sind wir trotzdem

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