Das Zimmer aus Samt

Erschienen: Juli 2020

Bibliographische Angaben

- OT: The Velvet Hours

- aus dem Englischen von Charlotte Breuer und Norbert Möllemann

- TB, 448 Seiten

Couch-Wertung:

95

Leser-Wertung

-
Zum Bewerten, einfach Säule klicken.
1 50 100

Zum Bewerten, einfach Säule klicken.

Bitte bestätige - als Deine Wertung.

Gebe bitte nur eine Bewertung pro Buch ab, um die Ergebnisse nicht zu verfälschen. Danke!

0 x 91-100
0 x 81-90
0 x 71-80
0 x 61-70
0 x 51-60
0 x 41-50
0 x 31-40
0 x 21-30
0 x 11-20
0 x 1-10
B:0
V:0
W:{"1":0,"2":0,"3":0,"4":0,"5":0,"6":0,"7":0,"8":0,"9":0,"10":0,"11":0,"12":0,"13":0,"14":0,"15":0,"16":0,"17":0,"18":0,"19":0,"20":0,"21":0,"22":0,"23":0,"24":0,"25":0,"26":0,"27":0,"28":0,"29":0,"30":0,"31":0,"32":0,"33":0,"34":0,"35":0,"36":0,"37":0,"38":0,"39":0,"40":0,"41":0,"42":0,"43":0,"44":0,"45":0,"46":0,"47":0,"48":0,"49":0,"50":0,"51":0,"52":0,"53":0,"54":0,"55":0,"56":0,"57":0,"58":0,"59":0,"60":0,"61":0,"62":0,"63":0,"64":0,"65":0,"66":0,"67":0,"68":0,"69":0,"70":0,"71":0,"72":0,"73":0,"74":0,"75":0,"76":0,"77":0,"78":0,"79":0,"80":0,"81":0,"82":0,"83":0,"84":0,"85":0,"86":0,"87":0,"88":0,"89":0,"90":0,"91":0,"92":0,"93":0,"94":0,"95":0,"96":0,"97":0,"98":0,"99":0,"100":0}
Julian Hübecker
Ein emotional vollgepackter Roman über eine faszinierende Frau

Buch-Rezension von Julian Hübecker Nov 2020

Paris in den späten 1940ern ist eine unsichere Zeit, mit den Nazis vor den Toren des Landes. Die junge Solange will Schriftstellerin werden und hat ihre Muse in ihrer Großmutter Marthe de Florian gefunden. Diese hat ein aufregendes Leben geführt und enthüllt Stück für Stück ihre Vergangenheit. Doch der Zweite Weltkrieg rückt immer näher, und Solange muss als Halbjüdin um ihr Leben fürchten ...

„‘Ich bin alt genug, um zu wissen, dass Männer von zwei Dingen getrieben werden: Krieg und Sex.‘ Sie lächelte. ‚Und für Krieg habe ich mich noch nie interessiert.‘“

Solange ist bereits 19, als sie ihre Großmutter kennenlernt. Diese gab ihren Sohn Henri, Solanges Vater, kurz nach der Geburt ab, sodass dieser selbst erst spät seine leibliche Mutter kennenlernen durfte. Solange ist schnell fasziniert von Marthe de Florian, einer Kurtisane, die dank des reichen Gönners Charles ein Leben in Luxus genießen durfte. Selbst eine Wohnung und genügend Unterhalt, um sich an den schönen Künsten zu erfreuen, hat er ihr bezahlt und sie so zu einer sorglosen Frau gemacht.

Mit jedem Besuch enthüllt Marthe mehr von ihrer Vergangenheit: wie sie Ende des 19. Jahrhunderts in ärmlichen Verhältnissen aufwuchs, erst Näherin, dann Tänzerin geworden ist und schließlich von Charles entdeckt wurde. Solange saugt ihre Geschichten mit Vergnügen auf, doch ihre gemeinsame Zeit ist begrenzt: Marthe ist bereits in ihren Siebzigern und ihre Vitalität lässt zunehmend nach - und Hitlers Armee rückt immer weiter vor und macht Paris zu einem Pulverfass.

Ein wenig Licht in diese Düsternis bringt der Jude Alex, der gemeinsam mit seinem Vater antike Bücher kauft und verkauft. Solange und er verlieben sich ineinander und träumen von einer gemeinsamen Zukunft. Als die Gerüchte immer lauter werden, dass Juden in ganz Europa deportiert werden, müssen sie sich entscheiden: das Land verlassen oder auf die französische Armee vertrauen ..?

„Ihre Finger wanderten zu dem Schmetterling. Ich war noch nie einem Menschen begegnet, der mich mit einer simplen Geste so in Bann schlagen konnte.“

Während dieser Roman das erste Buch der Autorin für mich war, kribbelt es mir bereits in den Fingern, noch weitere von ihr zu lesen. Dieses Buch ist ein echtes Überraschungspaket und – ein Kompliment an den Verlag – auch das Äußere passt hervorragend zur Opulenz im Inneren. Selten hat mich ein Buch gleichzeitig so berührt, fasziniert und erstaunt!

Das Zimmer aus Samt wird aus zweifacher Sicht erzählt: Um 1940 herum berichtet Solange von den unruhigen Zeiten in Paris, von den Ängsten der Menschen, die den nahenden Krieg fürchten, während die Wohnung ihrer Großmutter den krassen Kontrast bildet und wie ein Schutzraum wirkt; Marthes Geschichte beginnt 1888 in Paris, eine Zeit des aufstrebenden Europas, und mittendrin eine Tänzerin mit großen Träumen.

Marthe de Florian ist ganz klar der Mittelpunkt des Romans: Sie trägt eine Sinnlichkeit und einen Stolz zur Schau, der mit jedem Satz durchscheint. Sie ist ein würdevoller Charakter, der auch im hohen Alter nichts von seinem Glanz verliert. Ihre Liebe für das Teure und Schöne, für chinesische Porzellanvasen und duftende Veilchen, für Ölgemälde und seidene Kleider entspricht ebenso ihrem Wesen wie die verletzliche Seite, die Angst, irgendwann ohne Charles zu sein und die Scham, ihr Kind abgegeben zu haben.

Noch faszinierender wird ihre Geschichte dadurch, dass es diese Frau und auch Solange wirklich gegeben hat. Viel weiß man nicht, und Alyson Richman hat die großen Lücken fiktiv gefüllt - jedoch strahlt zwischen jeder Zeile eine gewaltige mysteriöse Aura, sodass man jedes Wort glauben möchte. Dazu ein Fakt am Rande: Im Buch wird von Marthe ein Porträt angefertigt – dieses gibt es wirklich und kann im Internet gefunden werden. Dadurch bekommt man von ihr ein Gesicht und der Mythos wird perfekt.

Fazit

Obwohl man nicht viel über Marthe de Florian weiß, so hat Alyson Richman eine fantastische Geschichte zwischen den Fakten gesponnen und dabei poetisch und wortgewandt ihr Leben erzählt. Dank ihrer kraftvollen Ausdrucksweise hallt das Geschriebene noch lange nach.

Deine Meinung zu »Das Zimmer aus Samt«

Hier kannst Du einen Kommentar zu diesem Buch schreiben. Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer, respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Danke!

Letzte Kommentare:
11.11.2020 11:21:01
Orange

Paris, dazu eine Familiengeschichte auf zwei Zeitebenen, das sind für mich die Zutaten, aus denen tolle Bücher entstehen können und bei denen ich nicht widerstehen kann. Zudem hat mich hier das außergewöhnliche und schlichte Cover neugierig gemacht, welches sich aus der breiten Masse hervorhebt.
Zunächst lernen wir die junge Marthe de Florian kennen. Sie ist eine sehr bemerkenswerte Frau. Sie wurde als Tochter einer Wäscherin in den dunklen Gassen von Paris geboren, hat sich aus eigener Kraft, mit Witz und Charme, ein besseres Leben erschaffen und lebt jetzt in einer vornehmen Wohnung voller Samt und Seide. Ihr Name ist erfunden, die Vergangenheit vollständig ausradiert. Sie lebt als Geliebte ein Leben im Verborgenen, ist scheinbar gefangen im goldenen Käfig und geht in ihrer Rolle dennoch vollkommen auf. Mich hat sie mit ihrer Eleganz und ihrem Sinn für die schönen Dinge im Leben vollkommen fasziniert.
Die Entstehung ihres Portraits fand ich wunderbar und sehr detailreich beschrieben, so als ob man als Leser selbst dabei gewesen wäre. Mit diesem Gemälde hat Boldini sie unsterblich gemacht, in ihrer Jugend festgehalten und die Zeit überdauern lassen.
Die zweite Zeitebene setzt 1938 an. Solange hat früh ihre Mutter verloren, von ihr aber die Liebe zu Büchern geerbt. Sie wächst bei ihren Vater auf. Er bringt sie mit Marthe zusammen und während Solange in Marthe´s Geschichte eintaucht und von ihr gänzlich hingerissen ist, überfällt Hitler-Deutschland Polen und löst damit den zweiten Weltkrieg aus, der auch vor Frankreich und Paris nicht haltmachen wird .
Ich kannte schon andere Romane dieser Autorin und auch mit diesen hat sie meine Erwartungen voll und ganz erfüllt und ich hatte wundervolle Lesestunden mit Marthe und Solange. Mit ihrer sprachlichen Eleganz hat sie sich selbst übertroffen und lässt die Belle Èpoque vor dem geistigen Auge wieder auferstehen.
Auch wenn die Geschichte zum größten Teil fiktiv ist, hat sich die Autorin, wie sie im interessanten Nachwort schreibt, von einen Zeitungsartikel inspirieren lassen. In Paris wurde 2010 erstmals eine Wohnung geöffnet, die über 70 Jahre verschlossen und in der alles noch original erhalten war. Es stellte sich heraus, dass diese Wohnung Marthe de Florian gehörte.

Von mir eine ganz klare Leseempfehlung für diesen tollen Roman verbunden mit fünf hochverdienten Sternen.

Film & Kino:
The Crown - Staffel 3

Die Queen in ihrer vordergründig repräsentativen Rolle ist eine zeitgeschichtliche Ikone, sodass der Erfolg der seit 2016 bei Netflix laufenden Serie „The Crown“ nicht verwundert. Die dritte Staffel markiert allerdings einen Umbruch: Die Royal Family ist in den 60er-Jahren angekommen und viele Rollen werden neu besetzt, da auch die Blaublüter nicht vor dem Altern gefeit sind. Titel-Motiv: © Des Willie / Netflix

zur Film-Kritik