Tausend Morgen

Erschienen: Dezember 2020

Bibliographische Angaben

- OT: A Thousand Acres

- aus dem Englischen von Hannah Harders

- TB, 464 Seiten

Couch-Wertung:

85
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Sandra Dickhaus
Ein bedrückendes Familiendrama voller Gewalt, Tyrannei und Missbrauch

Buch-Rezension von Sandra Dickhaus Feb 2021

Ein Roman, der schon im Jahre 1991 zum ersten Mal veröffentlicht und später auch verfilmt wurde und nun, 30 Jahre später, wieder Beachtung findet: Der Farmer Laurence Cook lebt nach dem Tod seiner Frau mit seinen Töchtern Ginny, Rose und Caroline auf einem großen zu bewirtschaftenden Landstück in Iowa. Nachdem die Nachbarn ihre Schulden nicht mehr tilgen können, erweitert er seinen Besitz auf tausend Morgen. Seine Familie und seinen landwirtschaftlichen Betrieb führt er mit eiserner Faust und es bleibt unumstritten, wer das Sagen hat. Ginny und Rose können sich nie ganz abnabeln und leben mit ihren Männern und dem Nachwuchs weiterhin auf der Farm. Caroline allerdings findet den Absprung und ist nun Anwältin. Sie allein schaffte es, sich dem tyrannischen Vater zu widersetzen und ihm quasi zu entkommen. Als Laurence älter wird, überschreibt er seinen Töchtern den gesamten Besitz - dies geschieht natürlich nicht aus Großherzigkeit, sondern um die Erbschaftssteuer zu umgehen. Für die auf der Farm lebenden Töchter und deren von Laurence wenig geachteten Ehemänner geht ein Wunsch in Erfüllung: Sie denken, dass sie nun endlich frei sind und ihren Weg machen können. Doch weit gefehlt! Auf einmal werden alte Erinnerungen wach, Rose und Ginny sprechen zum ersten Mal über ihre Inzesterfahrungen, die lange in ihrem Inneren geschwelt haben. All dies ist nicht so einfach auszuhalten. Und Laurence lässt das nicht so auf sich sitzen …

Die psychologischen Folgen des allseits präsenten Vaters

Ein bedrückendes Familiendrama voller Gewalt, Tyrannei und vor allem Missbrauch in den eigenen vier Wänden - eine Geschichte, die zeigt, was nach so vielen Jahren des Zusammenlebens vor sich hin schwelen kann, um dann irgendwann mit einem großen Knall zum Vorschein zu kommen. Auch die psychologischen Folgen solch einer Familienstruktur und der überall präsenten Gegenwart des Vaters werden hier deutlich aufgezeigt: Die eine Schwester kann sich an Einzelheiten des Inzests erinnern, während die andere diese lange in ihrem Unterbewusstsein vergraben hat. Beide wollen nach dem Tod ihrer Mutter nur eines: nämlich die kleine Schwester Caroline vor den Übergriffen des Vaters schützen. Niemand in deren Umfeld ahnt angeblich etwas von den Vorgängen hinter verschlossenen Türen. Deutlich werden hier auch die festgefahrenen Rollen: Der Vater ist der Brötchengeber und die Töchter haben ihm zu gehorchen. Als Frau und auch als Kind hat man keine Rechte, muss sich unterordnen. Ginny und Rose nehmen diese Rolle auch zwangsweise ein, während die Jüngste, Caroline, ihre Freiheit sucht und sie als Anwältin auch findet. Sie schafft es, aus diesen festgefahrenen Strukturen zu entfliehen. Der Kampf, den die beiden ältesten Töchter nun führen, als sie ihre Erinnerungen an die vielen Nächte des Inzests übermannen, scheint viel zu spät. Erst im erwachsenen Alter beginnen sie, aufzubegehren. Als diese Wunde aufreißt, kann niemand mehr zurück; der Weg muss nun gegangen werden.

Dramatische Begebenheiten, aber teils zu ausschweifende Schilderungen

Trotz aller wirklich dramatischen Begebenheiten und dem düster gezeichneten Leben auf der Farm verliert sich die Autorin in ausschweifenden Beschreibungen und nimmt somit leider wieder die Spannung aus den in vier große Abschnitte geteilten Schilderungen heraus. Wobei man ihr nicht nachsagen kann, sie hätte die Protagonisten nicht detailreich und fein gezeichnet: Man kann an vielen Stellen tief ins Innere blicken und die oberflächliche Betrachtung durchbrechen. So ergeben sich aber auch neue Fragen - zum Beispiel, wie man als erwachsene Frau noch immer auf dem Grundstück mit dem eigenen Vater zusammen leben kann, der sie als Kind bzw. Jugendliche missbraucht hat.

Fazit

Psychologische Prozesse, die man hautnah miterlebt, gehen hier ihren Gang, Lügen, die ein Leben lang aufrecht erhalten wurden, platzen, Geschwister, die das Gleiche erlebt haben, kämpfen gegeneinander und Inzestopfer empfinden ihr eigenes Schweigen als bedrohlich. Es geht  hinterher nur noch darum, sich gegenseitig weh zu tun und zu zerstören. Ein vielschichtiges Drama, das man nicht auf einen Blick durchschauen kann und das noch einige Zeit nach dem Weglegen des Buches im Gedächtnis bleibt.

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