Wo wir Kinder waren

Erschienen: Januar 2021

Bibliographische Angaben

- HC, 416 Seiten

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Vom Rückblick auf eine glückliche Kindheit

Eva, Iris und Jan sind Erben der ehemals prächtigen Spielzeugfabrik Langbein in Sonneberg. In der Kaiserzeit gegründet, befand sie sich in der Weimarer Republik auf ihrem Höhepunkt, überstand zwei Kriege, deutsche Teilung und Verstaatlichung, nur um nach der Wiedervereinigung kläglich unterzugehen. Nun ist von der ehrbaren Langbein-Tradition nichts mehr übrig. Streit und Verbitterung haben sich auf die Hinterbliebenen übertragen. Doch als bei einer Internetauktion eine der seltenen Langbein-Puppen auftaucht – sorgfältig genäht und von ihrem Großvater persönlich bemalt –, rückt die verblasste Vergangenheit wieder heran und wirft unzählige Fragen auf: nach Schuld und Verlust, aber auch nach Hoffnung und Neubeginn.

Eine mitreißende Familiengeschichte über ein fast vergessenes Handwerk

Wo wir Kinder waren

Wo wir Kinder waren

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Letzte Kommentare:
24.02.2021 14:52:16
leseratte1310

Schon seit der Kaiserzeit gibt es die Spielzeugfabrik der Familie Langbein in Sonneberg. Sie hat die politischen Wirren und die Kriege überstanden, doch die Wiedervereinigung bringt das Ende. In der Familie Langbein gibt es Verbitterung und Streitigkeiten. Das Werk muss leergeräumt werden und Eva, Iris und Jan, die Cousins sind, machen sich ans Werk. Dabei kommen Erinnerungen hoch und sie kommen sich wieder näher. Dann taucht bei einer Internetauktion eine Langbein-Puppe auf, die noch der Großvater bemalt hat. Sie Cousins fassen ein Plan, sie wollen die Tradition ihrer Familie wieder aufleben lassen.
Bereits das Buch „Was uns erinnern lässt“ der Autorin Kati Naumann hat mir gut gefallen und daher wollte ich auch dieses Buch unbedingt lesen. Sie führt uns mit diesem Roman zurück in die Vergangenheit und die deutsch-deutsche Geschichte. Die Firma Langbein hatte oft mit Schwierigkeiten in dieser wechselhaften zeit zu kämpfen. Aber ihnen war immer wichtig, den Betrieb zu erhalten und ihren Arbeitern ein Auskommen zu sichern. Doch als die Mauer fiel, kommt auch das Ende. Die im Westen und die im Osten hatten sich auseinandergelebt und man fand keinen Weg mehr zueinander. Auch die Mauer in den Köpfen wollte nicht so schnell fallen. Eva und ihr Cousin Jan sind in Sonneberg aufgewachsen und Iris kommt aus dem Westen. Sie müssen sich erst zusammenraufen, doch dann erkennen sie, was die Familie geleistet hat und dass es wichtig ist, sich zu vergeben.
Das Buch lässt sich gut und flüssig lesen. Die Charaktere sind lebendig und stimmig dargestellt. Auch die Gegend am Rennsteig im Thüringer Wald ist sehr atmosphärisch beschrieben.
Ein schöner und berührender Roman.

18.02.2021 16:05:23
Internetmaus

Vielleicht bin ich der Kopf, und ihr seid die Hände, aber die Fabrik ist das Herz, das uns alle am Leben erhält.
Das ist der Leitspruch von Albert Langbein, dem Gründer der gleichnamigen Sonneberger Puppenfabrik. Mit der Figurengruppe der thüringisch-fränkischen Kirmes, an der viele Sonneberger Fabrikanten, auch Albert, beteiligt waren, wurde die Spielzeugstadt bekannt. Diese Schaugruppe lebensecht wirkender Figuren, war auf der Weltausstellung 1910 in Brüssel, zu sehen.
Kati Neumann hat die Familiengeschichte auf zwei Zeitebenen angesiedelt. Sie entstand in Anlehnung an die Vergangenheit ihrer Vorfahren. Diese hatten bereits 1879 die Puppenfabrik Peter Scherf in Sonneberg gegründet. Der flüssige Schreibstil der Autorin, mit einfachen, kurzen Sätzen macht das Lesen leicht. Leider fehlt dadurch auch die Tiefe und viele Dinge, vor allem in der Gegenwart, sind recht oberflächlich geblieben. So bin ich von dem Buch hin und her gerissen und ich muss sagen, leider enttäuscht.

Beginnend mit einer Internetauktion, in der eine Langbein Puppe versteigert wird, tauchen wir in die Geschichte ein. Diese kaum noch zu findende sehr alte Puppe ist jetzt in Amerika. Zwei, der anscheinend letzten Nachfahren überbieten sich bei dieser Auktion, ohne es voneinander zu wissen. Sie hatten sich aus den Augen verloren. Nun nehmen sie Kontakt auf und kommen in der alten Fabrik wieder zusammen, die, wie so viele Betriebe jeder Größe und Branche, Opfer der Wiedervereinigung wurden. Eva, ihr Cousin Jan und ihre Cousine Iris, sind die Hauptprotagonisten. Sie wollen gemeinsam die alte Fabrik und die Wohnung leer räumen. So kommt es, dass sie immer tiefer in die Vergangenheit ihrer Eltern, Großeltern und den Urgroßeltern, die die Spielzeugfabrik gründeten, eintauchen.

Sehr akribisch erzählt die Autorin von der Arbeit der Menschen in Sonneberg zur Kaiserzeit. Diese führt die ganze Familie am Küchentisch zusammen. Jede, noch so kleine Hand, muss mit helfen. Albert Langbein kommt zu dem Entschluss sein Haus um einen Anbau zu erweitern und eine Fabrik zu gründen. Gut dargestellt ist, wie die Puppenherstellung einem ständigen Wandel unterliegt. Die Familiengeschichte von 3 Generationen, 2 Kriege, fast alles ist sehr gut recherchiert und hat mir gefallen. Mit der deutschen Einheit geht diese Ära zu Ende. Das Billiglohnland DDR gibt es nicht mehr.

Das Haus mit Fabrik soll geräumt und dann vermietet werden. Dieser Erzählstrang gefiel mir nicht und ist sehr oberflächlich. Die Handlungen von Cousin und Cousinen sind oft nicht nachvollziehbar. Es sind erwachsene Personen, die ihre Lebensmitte überschritten haben, was ich auf Grund ihrer Handlungen kaum glauben kann. Sie haben keinen greifbaren Charakter, streiten sich, warum auch immer und über ihren persönlichen Hintergrund erfahren wir nichts. Das finde ich sehr schade. Meine Erwartungen lagen höher, zumal ich die Zeiten von Verstaatlichung über die Hoffnungen durch die Wende und dann den Ausverkauf der DDR sehr bewusst erlebt habe.

08.02.2021 13:34:11
MarySophie

Handlung
Langbein-Puppen stehen für Qualität, Einzigartigkeit und Handarbeit: Die Spielzeugfabrik Langbein wurde in der Kaiserzeit gegründet, konnte in der Weimarer Republik große Erfolge erzielen, selbst die Weltkriege konnten ihr nichts anhaben und auch die deutsche Teilung und die folgende Verstaatlichung hat die Firma ausgehalten. Nur nach der Wiedervereinigung konnte nicht an alte Erfolge angeknüpft werden und mittlerweile ist sie nicht mehr existent. Und auch die Familie wurde auseinandergetrieben, Streitereien und Verbitterung beschränken den Kontakt auf das Nötigste.
Zufällig treffen sich Eva, Iris und Jan, drei der Erben der ehemals prächtigen und bekannten Spielzeugfabrik, wieder, nachdem im Internet eine der seltenen Langbein-Puppen versteigert wurde. Die Puppe wurde noch vom Großvater persönlich bemalt und lässt die Drei an die Vergangenheit denken. Dabei kommen zahlreiche Fragen auf und langsam keimt die Hoffnung nach einem Neubeginn...

Meinung
Ich mag das Cover sehr gern, es wirkt nostalgisch und idyllisch, stellt eine wunderschöne Stadtansicht dar, die einfach nur bezaubernd ist. Die obere Hälfte wird vom Himmel, sowie dem Titel und dem Namen der Autorin in Anspruch genommen, dazu sieht man im Hintergrund noch ein wenig Landschaft. In der unteren Hälfte wurde eine alltägliche Szene dargestellt, man sieht Autos und Menschen, die unterwegs sind und dazu noch niedliche Häuser. Alles in allem ein sehr gelungenes und stimmiges Bild, welches mir gefällt und ich denke, es wird auch in einer Buchhandlung auffallen.

Erstmals entdeckt habe ich den Roman bei Vorablesen. Auf den ersten Blick fand ich das Cover zwar schön, aber ich muss ehrlich zugeben, dass ich vom Inhalt noch nicht komplett überzeugt war. Das kam erst, nachdem eine Person in meinem Umfeld gemeint hat, dass das Buch interessant klingt. Ab diesem Moment habe ich gesehen, was sie meint und mich hat es nicht mehr losgelassen, mein Wunsch, es zu lesen wurde immer größer. Deshalb habe ich kurzerhand bei Vorablesen Punkte dafür eingesetzt, um die Geschichte sicher lesen zu können. Ich hatte das starke Gefühl, wenn ich es nicht tue, werde ich etwas verpassen. Ein herzliches Dankeschön also an Vorablesen, sowie den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Es liegt eine wunderschöne und zum Inhalt passende Gestaltung der Umschlaginnenseiten vor. Diese wurden jeweils mit dem Stammbaum der Familie Langbein ausgestattet, sodass man direkt auf einen Blick sehen kann, wie die Personen miteinander verwandt sind, wann sie geboren und gestorben sind und teilweise auch, welche Ehepartner sie gewählt haben. Auf einen Blick hat man außerdem die wichtigsten Personen versammelt und im Grunde stellt dieser Stammbaum nicht nur die verwandtschaftlichen Beziehungen dar, sondern dient auch gleichzeitig als Personenverzeichnis. Den die abgedruckten Namen stellen die Hauptprotagonisten dar, es gibt nur wenige weitere Personen, die auftauchen. Der Fokus liegt stets auf der Familie Langbein und man verfolgt im Roman der Werdegang verschiedener Generationen und Personen.

Ich empfand den Start in den Roman sehr angenehm, allerdings war mir dieser ja noch aus der Leseprobe bekannt und ich konnte mich noch grob daran erinnern, was auf diesen Seiten beschrieben wurde. Daher war ich sofort in der Handlung drin und habe mich ohne Probleme zurechtgefunden. Viele Orte, aber auch die Personen konnte ich mir nach guter Zeit ganz gut vorstellen, vor allem von den Schauplätzen der Handlung hatte ich häufig Bilder vor Augen.
Ich empfand die Sprache weder als zu einfach, noch als zu anspruchsvoll. Anhand zahlreicher Beschreibungen von der Herstellung von Spielwaren, allen voran von Puppen erhält die Schreibweise der Autorin einen besonderen Charakter und sie stellt diese Prozesse nicht nur haargenau dar, sondern zeigt auch, dass sie sich hervorragend in dieser Thematik auskennt. Über jede der Epochen wurden Details eingebunden, die im Kopf hängen bleiben und die jeweilige Zeit genau darstellen. Diese historischen Punkte tauchten zahlreich auf und geben einen sehr guten Eindruck von den Handlungszeiten, lassen die Geschichte rund wirken und sind sehr genau beschrieben. Dieser Aspekt ist wirklich mein großes Highlight des Buches und zeugt von einer akribischen und umfassenden Recherche.
Zudem ließ sich die Geschichte durchweg flüssig und gut lesen, sie hat immer wieder kleine Hinweise auf Geheimnisse gegeben, die im weiteren Verlauf der Geschichte gelöst werden. Auf diese Weise bleibt die Handlung spannend und der Leser wird dazu angeregt, immer wieder über die Handlung nachzudenken und sich auszumalen, was im weiteren Verlauf noch folgen könnte.

Anhand des Klappentextes hatte ich es mir bereits gedacht: die Handlung findet auf mehreren zeitlichen Ebenen statt. Man begleitet Eva, Iris und Jan in der heutigen Zeit, erfährt von ihren Kindheitserinnerungen und den Erlebnisse, die im Zusammenhang mit der Puppenfabrik stehen, als auch von ihrem Lebensweg. Dazu gibt es noch allerhand Kapitel, die vergangene Zeiten erläutern, wobei diese 1912 starten und sich langsam bis ins Jahr 1978 erstrecken. Man erlebt auf diese Weise zwei Weltkriege mit, die Teilung Deutschlands, sowie die Verstaatlichung der Betriebe. Anhand von lebendigen und authentischen Beschreibungen der Situation, sowie Handlungen der Protagonisten entsteht ein umfassender Einblick in die Zeit und in geschichtliche Ereignisse. Letztendlich folgt man vielen Personen durch die Geschichte, erlebt verschiedene Perspektiven und kann sich daher ein umfangreiches Bild der Figuren, aber auch der geschichtlichen Abschnitte machen.
Ich muss sagen, dass ich die unterschiedlichen Erzählperspektiven gern mochte, es entsteht immer Abwechslung und man konnte beobachten, mit was für Themen sich die Generationen auseinandergesetzt haben und was ihnen auf dem Herzen lag. Dadurch kann man einen Hauch des Zeitgeistes erahnen und die Geschichte der fiktiven Firma Langbein sehr genau verfolgen.
Hier muss ich allerdings sagen, dass mir vor allem die Zeit vor 1960 sehr gefallen hat und ich diese mit großem Interesse verfolgt habe. Nach dem Mauerbau gestaltete sich die Handlung zwar immer noch spannend und informativ, konnte mich aber nicht mehr so fesseln und packen wie zuvor. Vielleicht liegt es daran, dass ich die Zeit nach 1960 zwar historisch wichtig finde, sie mich aber persönlich nicht so reizt und sie mir vielleicht zu nah an der heutigen Zeit ist. Ich kann es selbst nicht genau benennen, aber ab diesem Zeitpunkt hatte ich nicht mehr so ganz das Verlangen, ganz schnell und flüssig weiterzulesen.

Oft wurden Zeitsprünge eingesetzt, die ein paar Wochen oder Monate, teils gar Jahre übersprungen und die Geschichte setzt einiges später erst wieder ein. Ich fand dieses Stilmittel sehr passend und sinnvoll, so gestaltet sich die Handlung als bündig und nie zu langatmig, für meinen Geschmack konnten dadurch keine Längen entstehen und es gibt außerdem nicht zu viel Drumherum. Man konnte trotzdem bestens nachvollziehen, wie die Personen gelebt haben, wie sich die Politik entwickelt hat, aber auch die Puppenfabrik und die Herstellung verschiedener Objekte wurde immer wieder angesprochen.

Ich hatte ja bereits kurz erwähnt, dass die Spannung durchweg auf einem guten Niveau war. Sie war nicht immer zu spüren, oft gab es schlichte Beschreibungen von alltäglichen Abläufen und Verrichtungen, die Einblicke in verschiedene Lebensweisen geben. Aber anhand von Andeutungen und Geheimnissen, die immer wieder auftauchen und nach und nach aufgedeckt werden, erhält die Geschichte ein angenehmes und sehr passendes Maß an Spannung. Letztendlich werden viele offene Fragen beantwortet, was zu einem runden und stimmigen Ende führt.

Als Setting dient durchweg Sonneberg und die Umgebung. Hier lernt man die Stadt auf verschiedene Weisen kennen und kann mitverfolgen, wie sie sich über die Jahre entwickelt. Es gibt außerdem zahlreiche Hinweise auf die Umgebung, auf Wälder und kleine Berge. Dies vermischt mit den Beschreibungen der Stadt ergibt letztendlich ein rundes Bild der Gegend.
Am besten vorstellen konnte ich mir durchweg das Stammhaus der Familie Langbein. Nicht nur von der Fassade und dem Garten, den angrenzenden Gebäuden hatte ich zahlreiche Bilder vor Augen, sondern auch von den einzelnen Räumen des Hauses. Zudem herrschte hier eine besondere Stimmung vor, die einerseits altmodisch war, aber auch irgendwie gemütlich und urig. Sehr ansprechend und das hat viel zum Charme des Hauses und den Szenen, die dort stattgefunden haben, beigetragen!

Vor allem Personen der Familie Langbein tauchen im Buch auf, man merkt deutlich, dass sie im Mittelpunkt stehen. Nur wenig außenstehende Figuren nehmen noch eine Rolle ein, die jedoch recht klein und nur selten für die weitere Handlung bedeutend ist. Viele der Protagonisten mochte ich gern, sie haben besondere und aussagekräftige Wesen erhalten und zeichnen sich in ihrem Auftreten, ihren Handlungen und Aussagen aus. Besonders hat es mir gefallen, dass durchweg Entwicklungen vorhanden sind und die Personen mit kleinen Spleens ausgestattet wurden, die immer wieder auftauchen. Dadurch kommen sie sehr lebendig und realitätsnah daher, bei einigen konnte ich mir gut vorstellen, dass sie tatsächlich gelebt haben.

Fazit
Nachdem ich das Buch nicht mehr aus dem Kopf bekommen hatte, war ich natürlich sehr gespannt darauf und die Leseprobe hatte ihr Übriges getan, dass ich letztendlich mit vielen Hoffnungen und Erwartungen in die Geschichte gestartet bin. Und ganz lange Zeit wurden diese auch vollkommen erfüllt und ich bin flüssig und mit viel Interesse durch die Handlung gekommen, mochte die Darstellungen der verschiedenen Zeiten und die einzigartigen Charaktere. Das Setting war traumhaft und die Schreibweise hat ihr Übriges getan, um mich so angenehm durch die Geschichte zu geleiten.
Ein wenig nachgelassen hat für mich die Spannung, aber auch mein Interesse, je mehr die DDR Zeit fortgeschritten ist. Diese Zeit kann mich in Büchern einfach nicht begeistern und ab hier waren die anderen Aspekte (Schreibweise, historische Details, … ) immer noch sehr angenehm, aber ich wurde von der Handlung nicht mehr ganz gefangen genommen. Sehr schade, ansonsten hätte sich der Roman wirklich zu einem wahren Highlight entwickeln können!
Trotzdem möchte ich eine dicke Empfehlung aussprechen. Allein für die unglaubliche Recherche der Autorin lohnt es sich, in die Story einzutauchen und mehr über die Herstellung von Puppen, aber auch über die Familie Langbein zu erfahren!

30.01.2021 19:54:18
annakatharina

Deutsche Geschichte, Familienstreit und Einblicke in die Spielzeugindustrie

In ihrem Roman „Wo wir Kinder waren“ schreibt Kati Naumann über die Geschichte der Familie Langbein beginnend mit dem Jahr 1910 bis zur deutschen Teilung und Wiedervereinigung. Im Zentrum der Geschichte stehen die Ereignisse rund um die familiengeführte Puppenfabrik und die Streitigkeiten und Zerwürfnisse innerhalb der Familie. Zur leichteren Zuordnung der einzelnen Familienmitglieder ist ein Stammbaum im Buch abgebildet.
Die Autorin wechselt kapitelweise zwischen Gegenwart und Vergangenheit. In der Gegenwart räumen die drei Erben der Puppenfabrik im Rahmen einer Haushaltsauflösung das alte Familienhaus Raum für Raum aus. Dabei stoßen sie immer wieder auf Gegenstände, mit denen sie selbst Erinnerungen verbinden oder die für andere Familienmitglieder bedeutsam waren. In den anschließenden Rückblenden erfährt der Leser oder die Leserin dann die Hintergründe. Nach und nach werden auch die Ursachen für das Verhalten einzelner Familienmitglieder aufgedeckt, die zu Konflikten und Zerwürfnissen geführt haben.
Bei der Recherche hat die Autorin einigen Aufwand betrieben und fügt die individuelle Geschichte der Familie gekonnt in den Kontext rund um die deutsche Geschichte ein. Nebenbei gibt sie Einblicke in die Spielzeugindustrie.
Das Buch war interessant und berührend und hat mir sehr gut gefallen. Auch die Stimmungen in den unterschiedlichen Zeiten und die schmerzlichen und existenzbedrohenden Auswirkungen für die Familie während der Kriege und der deutschen Teilung werden sehr gut herausgearbeitet.

26.01.2021 11:45:22
Kerstin1975

Buchinhalt:

1898 gründete Albert Langbein im thüringischen Sonneberg seine Puppenfabrik – und legt damit den Grundstein für eine vier Generationen umfassende Dynastie der Spielzeugproduktion, die zwei Weltkriege, deutsche Teilung, Brände und Verstaatlichung übersteht. Vier Generationen Langbeins hauchen dem Unternehmen Leben und Seele ein und die Fabrik ist Dreh- und Angelpunkt des Familienlebens.

120 Jahre später ist vom Familienzusammenhalt nichts mehr zu spüren. Streit und Missgunst unter der Erbengemeinschaft vergiften zunehmend die schönen Erinnerungen, die sich die drei Urenkel des Firmengründers, Jan, Iris und Eva, bewahrt haben. Erst, als eine Langbein-Puppe im Internet auftaucht, kehrt die Vergangenheit in Form von Kindheitserinnerungen zurück und mit ihr die längst verloren geglaubte Familientradition....

Persönlicher Eindruck:

„Wo wir Kinder waren“ nimmt den Leser mit in eine facettenreiche, authentische und liebevoll erzählte Familiengeschichte, die sich über vier Generationen erstreckt. Es ist ein Roman, der sich an die Familiengeschichte der Autorin anlehnt und in kapitelweisem Wechsel Vergangenheit und Gegenwart zu einem tiefgründigen, stimmigen Ganzen verwebt. Dabei ist der Stil bildhaft und heimelig, man fühlt sich als Leser sofort zuhause und zugehörig am Langbein‘schen Küchentisch.

Die Autorin vermag gekonnt die fiktionalen Elemente und die historischen Gegebenheiten miteinander zu verbinden und schafft dadurch eine ganz eigene Atmosphäre, der man sich beim Lesen nicht entziehen kann: sie schildert Familienleben, Alltag und die Arbeit in der Fabrik, auch kleinere Anekdoten der jeweiligen Epoche und ruft dem Leser dabei die Erzählungen der eigenen Eltern oder Großeltern in Erinnerung.

Es ist dabei gerade die Beschreibung des täglichen Lebens in den einzelnen Generationen, die mir besonders gefallen hat, seien es nun Kaiserreich, Weimarer Republik, 2. Weltkrieg oder die DDR. Die Figuren haben Tiefgang und sind absolut glaubwürdig, gerade weil sie das Leben unzähliger Menschen der damaligen Zeit so beispielhaft und authentisch beschreiben.

„Die Fabrik ist das Herz“ ist dabei ein Satz, den Mine Langbein bereits zu Beginn aufgreift und der sich über alle vier Langbein-Generationen spannt. Dem Leser wird dadurch plastisch vor Augen geführt, dass es sich beim Puppenmachen in dieser Familie um mehr als nur um einen Beruf handelt. Es ist eine Berufung, der alle Generationen treu bleiben. Auch Krieg und deutsche Teilung, Verstaatlichung und Enteignung ändern nichts daran: es ist auch eben der Familienzusammenhalt, der die Langbeins Höhen und Tiefen überstehen lässt.

Mit dem Gegenwartsteil spannt die Autorin gekonnt einen Bogen, der die offenen und noch losen Fäden der Vorväter gekonnt miteinander verbindet und schließlich auch den Grund für den jahrelangen Familienstreit, der irgendwann nach dem Krieg entstand, aufdeckt.

Ein Familienstammbaum, geschichtlicher Abriss über das Zeitalter der Spielzeugproduktion in Thüringen und ein Interview mit der Autorin in Bezug auf ihre persönliche Familiengeschichte runden dieses absolut empfehlenswerte Buch ab.

„Wo wir Kinder waren“ ist wahrlich nicht nur irgendein historischer Roman unter vielen – das Buch hat mich emotional sehr gefesselt und absolut begeistert. Eine ungetrübte Leseempfehlung – mein Buchhighlight 2021!

Film & Kino:
The Crown - Staffel 3

Die Queen in ihrer vordergründig repräsentativen Rolle ist eine zeitgeschichtliche Ikone, sodass der Erfolg der seit 2016 bei Netflix laufenden Serie „The Crown“ nicht verwundert. Die dritte Staffel markiert allerdings einen Umbruch: Die Royal Family ist in den 60er-Jahren angekommen und viele Rollen werden neu besetzt, da auch die Blaublüter nicht vor dem Altern gefeit sind. Titel-Motiv: © Des Willie / Netflix

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