Das Volk der Bäume

Erschienen: November 2020

Bibliographische Angaben

- OT: The People in the Trees

- aus dem Englischen von Stephan Kleiner

- TB, 480 Seiten

Couch-Wertung:

77
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Yannic Niehr
Wo liegt das wahre Herz der Finsternis?

Buch-Rezension von Yannic Niehr Dez 2020

Wie tief der Fall …

Die Wissenschaft war sein Leben, doch Ende der 90er Jahre findet sich Dr. Alfred Norton Perina, eine Koryphäe auf dem Gebiet der Biologie und Humanmedizin, plötzlich im Gefängnis wieder. Der Vorwurf: Er habe sich sexuell an seinen zahlreichen Adoptivkindern vergangen. Die Geschichte dahinter ist so komplex wie unglaublich:

Im Jahre 1950, zu Beginn seiner vielversprechenden wissenschaftlichen Karriere, darf Norton den Anthropologen Tallent auf die abgelegene mikronesische Insel Ivu’ivu begleiten, um die dortigen Menschen und ihre Gebräuche zu studieren. Hintergrund ist vor allem eine Legende, die sich um den Inselstaat rankt: Es soll dort nämlich Menschen geben, die nach dem rituellen Verzehr des Fleisches einer in der lokalen Mythologie vergötterten Schildkröte – der Opa’ivu’eke – aufhören zu altern. Tatsächlich gelingt es dem Team, dieses „Volk der Bäume“ ausfindig zu machen und die kühnsten Erwartungen zu bestätigen. Zu Forschungszwecken nimmt Perina eine der Schildkröten mit zurück in die Staaten. Die Veröffentlichung seiner im eigens dafür etablierten Labor durchgeführten Experimente bringen ihm sogar den Nobelpreis ein.

Der Traum von der Unsterblichkeit hat jedoch einen großen Haken: Wer nämlich von der Opa’ivu’eke isst, wird Opfer eines schleichenden, aber unwiderruflichen völligen geistigen Verfalls – ein Zustand, den Perina schließlich „Selene-Syndrom“ tauft. Das hindert jedoch Scharen von Neugierigen nicht daran, die kleine Insel zu überlaufen, die bald nicht mehr wiederzuerkennen ist. Ohne den Grund genau benennen zu können, beginnt Perina im Laufe weiterer Exkursionen nach Ivu’ivu, dort Kinder in seine Obhut zu nehmen. Wird der Fluch der Opa’ivu’eke ihm am Ende zum Verhängnis werden ..?

„Der Dschungel hat ihn verschlungen“

Hanya Yanagihara strukturiert ihren Roman als einen Bericht Perinas, seine große Beichte. Zugetragen wird diese den Leser:innen jedoch nicht direkt, sondern seitens eines engen wissenschaftlichen Mitarbeiters, Dr. Ronald Kubodera, über den man jedoch (bis kurz vor Schluss) kaum etwas erfährt. Seine Fußnoten sowie die Einbettung fiktiver Zeitungsartikel, die diesen Bericht rahmen und kontextualisieren, verleihen dem Buch einen Anstrich nüchterner Authentizität – die im Zusammenspiel mit dem abgefahrenen Inhalt nur umso verstörender erscheint. Literarisch ist Das Volk der Bäume wie eine Mischung aus wissenschaftlicher Publikation, verträumtem Reisebericht und klassischem Abenteuerroman angelegt. Unter dieser abgeklärten Oberfläche jedoch schwelt der Wahnsinn.

„Ich begriff damals, dass es eine bestimmte Denkweise gibt, die Menschen zu Wissenschaftlern macht, und ich entschied, dass dies die Denkweise war, die ich bewunderte“

Im Grunde handelt es sich um die klassische, traurige, aus der Menschheitsgeschichte nur allzu vertraute Geschichte der Zerstörung und Aneignung eines Paradieses, überlagert von einer Note magical realism. Die zentrale Figur des Perina ist Dreh- und Angelpunkt der Haupthandlung, und Yanagihara gelingt es virtuos, dem Leser nie ganz Aufschluss über sein wirkliches Wesen zu geben. Zum Einen wird er dargestellt als geltungssüchtiger, emotionsloser Forscher, der sich rücksichtslos und ohne Reue nimmt, was nie für ihn gedacht war, der alles mit klinisch-kaltem Blick seziert und im Versuch, den Dingen auf den Grund zu gehen, geradezu über Leichen gehen würde; zum Anderen ist auch er (wie man selbst beim Lesen) betroffen, als seine revolutionäre Entdeckung ins Rollen bringt, dass die Insel von einer Horde Pharmakologen, Missionare und Touristen vereinnahmt, vergewaltigt, vernichtet wird; schnell ist auch das wissenschaftliche Wunder versiegt. In einem cleveren Schachzug schildert die Autorin diesen Vorgang kondensiert auf nur wenigen Seiten, sodass er einem mit geballter Wucht auf den Magen schlagen kann. Im letzten Drittel wird das Buch zu einer fast schwarzhumorigen Allegorie auf den Kolonialismus und seine weitreichenden Folgen.

„Meine Zeit auf Ivu’ivu lehrte mich, dass jede Form von Ethik oder Moral kulturabhängig ist“

Über Perinas sexuelle Vorlieben werden zunächst nur wenige Anspielungen fallengelassen. Fast permanent muss man seine Wahrnehmung neu justieren, bis die Dinge auf den letzten Seiten fast schon bösartig in ein eindeutiges Licht gerückt werden. Bleibt am Ende das Bild eines Mannes, der sich als unantastbar betrachtet und – mithilfe seines durch und durch apologetischen Kollegen – nach angerichtetem Schaden konsequent jeder Verantwortung entziehen will (auf fast schon perfide Art werden die Bewohner von Ivu’ivu und ihre Welt passagenweise so rückständig und andersartig, so widerwärtig und abstoßend beschrieben, dass es wie Perinas verzweifelter Versuch wirkt, die Leser:innen auf seine Seite zu ziehen)? Bleibt das Bild eines Mannes, der der Welt viel gegeben hat und von dieser undankbar verstoßen wurde? Bleibt das Bild eines Mannes, der tief im Inneren immer nur auf der Suche nach Liebe war und darüber vom Weg abgekommen sein mag (seine offenbar durch Eifersucht hervorgerufene, fast schon kindische Abneigung gegenüber Tallents Assistentin Esme mutet gleichzeitig extrem unangebracht und auf seltsame Weise rührend an)? Oder ergibt sich das Bild eines Mannes, der seine eigene Schuld, seine Gewalt und seine Besessenheit als Größe verkennt? Fest steht: Weder die Menschen von Ivu’ivu, noch Perinas Schar an Adoptivkindern erhalten die Gelegenheit, ihre Sicht der Dinge in einem umfassenden Bericht zu schildern. Und je weiter man in das undurchschaubare, undurchdringliche Dickicht von Hanya Yanagiharas abgründiger, finsterer Prosa vordringt, desto fassungsloser wird man. Als schön kann man diese Lektüre kaum bezeichnen, doch offenbart sie erschreckend tiefe Einblicke in den menschlichen Zustand – vor denen man sich vielleicht lieber verschlossen hätte.

Fazit

Leichte Kost ist Das Volk der Bäume nicht. Doch es zwingt einen (während es dies gleichzeitig so schwer wie möglich macht), sich dazu in Beziehung zu setzen und in sein ureigenes, persönliches Herz der Finsternis vorzudringen. Ein schwieriger und unangenehmer, aber spannender literarischer Trip!

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