Die Schwimmerin

Erschienen: November 2020

Bibliographische Angaben

- HC, 320 Seiten

Couch-Wertung:

72
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Yannic Niehr
Eine Frau schwimmt sich frei

Buch-Rezension von Yannic Niehr Jan 2021

Weilerbach, 1942: Als Kriegsflüchtlinge kommen die junge Elisabeth Sonne und ihre Mutter in dem kleinen Dörfchen nahe des Schwabenlandes im eigens dafür zur Verfügung gestellten Dachboden einer Schule unter. Nach der Zerbombung Düsseldorfs haben sie nun nicht nur den Vater bzw. Ehemann, sondern auch ihre Heimat verloren. Elisabeth ist ein blitzgescheiter Freigeist. Sie freundet sich mit der Pastorenfamilie Nolting an und verliebt sich in deren Sohn, den belesenen Rüdiger. Als dieser jedoch zum Kriegsdienst eingezogen wird, heuert sie auf dem Hof ihres ehemaligen Klassenkameraden Xaver an. Der bringt ihr im nahegelegenen Weiher das Schwimmen bei. Doch dabei bleibt es nicht …

Essen, 1962: Betty könnte sich nicht glücklicher schätzen, endlich unter der Haube zu sein. Ihr Mann Martin verdient gut, die beiden ziehen in eine eigene gemeinsame Wohnung, das Wirtschaftswunder steht in voller Blüte – eigentlich rosige Aussichten. Noch immer gehört das Schwimmen zu Bettys Tagesablauf; vor allem schwimmt sie, um zu vergessen. Doch dann verändert sich alles, als Betty im Schwimmbad die geheimnisvolle, widerborstige Claudia kennenlernt. Immer wieder läuft das Mädchen ihr über den Weg. Und gerade als Betty denkt, sie hätte ihr kleines Geheimnis endlich hinter sich gelassen, lässt diese seltsame „Claudia“ durchblicken, dass sie gewisse Dinge über Betty weiß – und beginnt, sie zu erpressen …

„Nun präsentierte Gott ihr die Rechnung, und sie sah, dass sie immer noch im Soll war …“

Gina Mayer hat viel recherchiert, um in diesem Buch die Geschichte einer Protagonistin im untergehenden Dritten Reich ausbreiten und ihr bis in die Wirtschaftswunderjahre der jungen Bundesrepublik folgen zu können. Die beiden Handlungsstränge um Elisabeths Jugendliebschaften und die politischen Wirren während der letzten Jahre des Zweiten Weltkrieges und um die erwachsene Betty, die von ihrer Vergangenheit eingeholt wird, entfalten sich dabei parallel – jeweils ein bis zwei Kapitel lang wird die Geschichte auf einer Zeitebene vorangetrieben, bevor wieder auf die andere gewechselt wird. Dabei begegnet einem ein bunter Reigen an Figuren, die glaubhaft, wenn auch nicht alle vielschichtig gezeichnet sind. Immer wieder wirft die Autorin in kleinen Einschüben einen Blick auf das zukünftige Schicksal einzelner Charaktere, was einen beim Lesen zwar manchmal etwas holprig aus der Handlung herausreißt, jedoch dazu beiträgt, ein möglichst authentisches Panorama des geschichtlichen Hintergrundes abzubilden, vor dem der Plot angesiedelt ist. All das gelingt ihr in recht einfacher, aber treffsicherer Sprache. Besonders charmant ist die Tatsache, dass Mayer auch die Mundarten der verschiedenen Figuren verschriftlich, sodass man oft automatisch das passende Lokalkolorit assoziiert.

„Eine Bahn Brust, eine Bahn Rücken, eine Bahn Kraul. Schwerelos …“

Im Nachwort erläutert Gina Mayer, die selbst in Düsseldorf lebt, dass sie durch ihren Vorgängerroman Die Protestantin auf das Thema von Erziehungsheimen (meist in kirchlicher Hand) für minderjährige werdende Mütter gestoßen sei, und dass gerade die teils erschütternden, martialischen Methoden, mit denen die jungen Mädchen in solchen Anstalten „auf den rechten Pfad zurückgeführt“ werden sollten (die allerdings nicht selten langfristige soziale wie psychische Spuren hinterließen), sie zum Schreiben von Die Schwimmerin inspiriert habe. Dafür, dass es sich um Mayers Kernanliegen handelt, wird aber gerade dieser zentrale und wichtige Aspekt im Buch erst sehr spät aufgegriffen und nicht allzu ausführlich geschildert, was den Roman im Nachhinein ein wenig an Reiz einbüßen lässt. Überhaupt gibt es einige kleinere Handlungsfäden, die zwar nicht direkt ins Leere laufen, aber auch nicht immer thematisch sinnvoll zuende geführt oder verknüpft werden.

Dennoch ist Elisabeth/Betty eine einnehmende Hauptfigur, deren Reise man besonders in den leisen, sich nach und nach offenbarenden Tönen gerne verfolgt: ihr Stolz und Durchhaltevermögen, ihre früh geweckte Fähigkeit, kritisch für sich selbst zu denken, und ihr Wille zu kämpfen – all dies liest sich kurzweilig und gelegentlich berührend. Das düstere Geheimnis, für das sie sich innerlich so lange selbst bestraft hat, mag aus heutiger Sicht letztendlich eher unspektakulär wirken – doch genau das ist wohl der Punkt: Gina Mayer erzählt hier die Geschichte einer Frau, die durch die moralische Linse einer anderen Zeit beurteilt wird, in welcher die gesellschaftlichen Vorstellungen von Geschlechterrollen noch deutlich enger gefasst waren und manchmal ein selbstbestimmtes Leben ohne Stigma, Scham, Verlust, Schmerz oder Reue erschwerten. Knapp, aber schön herausgearbeitet wird von der Autorin schließlich die tiefere Bedeutungsebene des titelgebenden Schwimmens als Symbol für die weiblichen Anstrengungen, in jenen Zeiten nicht unterzugehen.

Fazit

Nicht alles in Die Schwimmerin ist rund oder stilistisch bemerkenswert. Doch dass sich Gina Mayer für Kürze statt für episches Breitwalzen entscheidet, ist sehr erfrischend. Insgesamt handelt es sich bei diesem Roman um ein unterhaltsames Zeitgemälde und das interessante Porträt einer Frau und ihres Lebensweges, das zu lesen sich durchaus lohnt.

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