Die Frau, die nicht alterte

Erschienen: November 2020

Bibliographische Angaben

- aus dem Französischen von Katrin Segerer

- TB, 176 Seiten

Couch-Wertung:

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Sandra Dickhaus
Ist es Fluch oder Segen, irgendwann nicht mehr zu altern?

Buch-Rezension von Sandra Dickhaus Nov 2020

Martine (die im Laufe der Geschichte Betty genannt werden möchte) lebt eigentlich ein zufriedenes Leben: Sie hat einen netten Mann, führt eine glückliche Ehe, hat ein gesundes Kind und widmet sich nach ihrem Studium der Familie – ganz so, wie sie es sich vorgestellt hat. Ein Fotograf nimmt sie eines Tages in sein Projekt auf, bei dem er Menschen immer am gleichen Tag des Jahres in der gleichen Position porträtiert, um ihren Alterungsprozess sichtbar zu machen. Dabei entdeckt er, dass die Menschen immer schöner und interessanter werden, umso weiter ihr Leben fortgeschritten ist. Nach dem dritten Porträt fällt ihm auf, dass sich Bettys Gesicht überhaupt nicht verändert – keine Falte, keine Alterungserscheinungen prägen ihr Gesicht. Auch Betty nimmt diesen Fakt wahr, und es belastet sie und die Menschen in ihrer Umgebung immer mehr. Doch zu Beginn macht dies jeder mit sich selbst aus: Ihre beste Freundin beispielsweise möchte zwanghaft jung aussehen - auch mit fünfzig noch - und lässt die unterschiedlichsten Schönheitskorrekturen an sich vornehmen. Und Betty? Die sieht auch mit 49 Jahren noch aus wie eine Dreißigjährige. Wenn sie mit ihrem Mann André unterwegs ist, bemerken beide die Tuscheleien, da er seinem Alter angemessen aussieht und sie daneben wie seine junge Geliebte erscheint. Dabei möchte Betty doch nichts anderes, als in Würde zu altern – genau wie die Menschen in ihrer Umgebung. All diese alltäglichen Probleme mit einem junggebliebenen Gesicht belasten Betty und ihre Familie. Kann sich das Ganze noch zum Positiven wenden?

Wie ist es, für immer auszusehen wie mit 30?

Der vor allem durch die Medien geprägte Verjüngungswahn zeigt dass dem Alterungsprozess Einhalt geboten werden soll – immer jünger, frischer und vor allem makellos muss man aussehen, egal in welchem Alter. Vitalität und Jugendlichkeit sind hohe Tugenden, die es scheinbar anzustreben gilt, was sich aber als Fake erweist, erkennt man, dass man es nicht aufhalten kann, älter zu werden. Ewige Jugend: Genau dies erlebt die Protagonistin dieses Romans, und leidet darunter. Hier wird deutlich, wie belastend es sein kann, völlig makellos und immer wie dreißig auszusehen und nicht mit seinen Liebsten zu altern. Betty fühlt sich wie in einer anderen Welt und ist eher genervt über die Bemerkungen zu ihrem jungen Aussehen. Erschreckend wird deutlich, dass einem ein Stück Lebensgeschichte genommen wird, wenn man in einem gewissen Alter feststeckt und damit allein ist. Einsamkeit bestimmt so Bettys Leben. In einer wunderbar bildreichen Sprache führt der Autor durch das Leben seiner Hauptfigur; zahlreiche poetische Aussprüche und erfrischende Erkenntnisse zum Älterwerden vervollständigen diesen Eindruck. Dabei ist Betty immer authentisch gezeichnet und man kann sich mit ihr identifizieren.

Selbst Bettys erwachsener Sohn hat ein Problem mit ihrem jungen Aussehen

Schwieriger nachzuvollziehen sind die Reaktionen ihres Umfeldes, den Freunden und besonders der Familie. So stellt ihr Sohn, der in einem Alter von dreißig Jahren heiratet, seine Mutter sowohl beim ersten Treffen als auch auf seiner eigenen Hochzeit als seine Cousine vor, nicht als die Frau, die ihm das Leben schenkte; so weiß demnach seine Ehefrau auch nichts von der eigentlichen Existenz seiner Mutter. Als Grund hierfür gibt er an, seine Mutter sehe jetzt genauso alt aus wie er. Selbst sein Vater spielt diese Schmierenkomödie mit. Die Unterstützung durch ihre Familie fehlt, sie lassen Betty in dieser Situation im Stich, weil sie damit nicht klarkommen. Das ist sehr schwierig nachzuvollziehen, hat man sie doch ins Herz geschlossen, und ihr junggebliebenes Äußeres ändert nichts an ihrem Liebreiz und ihrem aufgeschlossenen Charakter. Kopfschüttelnd sitzt man als Leser vor der Geschichte und möchte die Betty Nahestehenden rütteln, denn hier wird deutlich, wie oberflächlich wir doch sind und einen Menschen nach seinem Äußeren beurteilen.

Fazit

Eine eindringliche, wunderbar bildreich geschriebene Geschichte über das Älterwerden und Jungbleiben, die erschreckend vor Augen führt, wie sehr wir doch auf Äußerlichkeiten schauen und uns wenig die Mühe machen, an der Oberfläche zu kratzen. Fein gezeichnete Charaktere zeigen, was in unserem Alltag zu kurz kommt: die Akzeptanz des eigenen Ichs, nämlich genau so wie es ist, und auch die gegenüber anderen Menschen. Eine Hommage an das Älterwerden.

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