Der Buchspazierer

Erschienen: November 2020

Bibliographische Angaben

- HC, 224 Seiten

Couch-Wertung:

45
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Carola Krauße-Reim
Friede – Freude - Eierkuchen

Buch-Rezension von Carola Krauße-Reim Nov 2020

Carl Kollhoff ist der Buchspazierer: Er liefert ausgewählten Kunden ihre Bücher ins Haus, immer zu Fuß durch die Gassen der Altstadt. Seit einiger Zeit begleitet ihn die 9-jährige Schascha, ein ebenso vorlautes wie gewitztes kleines Mädchen. Als Carl in Schwierigkeiten kommt, gerät seine Welt ins Wanken - und die Macht der Bücher gleich mit ...

Hier hat sich einer einen Wunsch erfüllt

Carsten Henn ist Weinjournalist und Autor zahlreicher Kriminalromane. Mit Der Buchspazierer hat er sich, nach eigenem Bekunden, einen „große(n) Herzenswunsch“ erfüllt. Das merkt man dem Buch an, denn es basiert auf eigenen Prioritäten, ist belebt durch Vorbilder seines eigenen Umfeldes und selbst seine Haustiere kommen (wenn auch in verminderter Anzahl) darin vor. Als Vielleser freut man sich immer ganz besonders, wenn Bücher eine Hauptrolle in Geschichten spielen; jedoch merkt man nach zahllosen gelesenen Romanen auch sehr schnell die Defizite, die in Büchern auftauchen können und die das Lesevergnügen schmälern – so auch hier.

Die Figurenzeichnung bleibt oberflächlich

Carl ist ein schrulliger alter Herr, der die engen Grenzen der Altstadt schon seit vielen Jahren nicht mehr überschritten hat, der lieber allein als in Gesellschaft ist, und der Bücher zum Leben braucht. Das verbindet ihn mit Schascha, die ebenso vorlaut wie neunmalklug und auch oft alleine ist. Diese substantiellen Charakterisierungen kann man lediglich aus den Aktionen der Figuren herausholen; wie ihr Innenleben aber aussieht, erfährt der Leser dadurch nicht. Nie wird ein Gedanke oder ein Gefühl beschrieben – immer muss man aus den Handlungen darauf schließen. Selbst als Carl am persönlichen Abgrund steht, bleibt der Leser nur Beobachter. Er dringt nicht in die Gefühlswelt des alten Mannes ein, sondern begleitet ihn lediglich auf seinem beschwerlichen Weg. Welche Emotionen Carl durchlaufen muss, wenn alle seine Bücher weg sind und er sich völlig verlassen fühlt, kann man nur erahnen – was für ein Potential ist hier verschwendet worden! Auch die Gedanken- und Gefühlswelt der anderen Figuren bleibt unerwähnt. Wieso nicht das Dilemma der Buchhändlerin durch ihre Gedanken und Ängste beschreiben, anstatt es nur wieder indirekt während eines Friedhofbesuches an den Leser zu bringen? Wieso lässt der Autor uns nicht an den Gedanken des kleinen Mädchens teilhaben, die ganz offensichtlich enorm Wichtiges in Gang setzen? So bleibt der Leser immer nur Beobachter, kann keine Empathie oder Antipathie entwickeln und kommt auch nie wirklich in der Geschichte an, die durch diese fehlende emotionale Komponente farblos bleibt.

Alles so gerückt, dass es passt

Dass Bücher einen ganz besonderen Zauber entwickeln können, kann wohl jeder Lesewurm nachvollziehen. Carsten Henn hat das allerdings auf die Spitze getrieben und Büchern eine schon magische Kraft verliehen, die sehr unterschiedliche Menschen glücklich macht, ja sie regelrecht heilt. Dafür mussten Figuren gezeichnet werden, die sehr an der Realität vorbei gehen und  so geformt wurden, wie sie nötig waren, um die märchenhafte Handlung überhaupt zu ermöglichen. Man hat den Eindruck, dass hier ein Roman geschrieben wurde, der sich nur auf die Übermittlung der Botschaft „Bücher haben Kraft“ konzentriert; dabei bleiben Logik und Realitätsbezug völlig auf der Strecke. Das geht bei den Charakteren los und setzt sich in der Handlung fort, die so gebogen wurde, dass sie der Idee des Autors dient, ohne auch nur den Ansatz vom wahren Leben zu haben, und die dann in einem haarsträubenden Finale gipfelt, das zwar zum Rest der Konstruktion passt, aber alles andere als glaubwürdig ist. Der Roman ist eine einzige Seifenoper, was sehr schade ist, denn die Grundidee ist hervorragend – nur leider sehr dürftig umgesetzt.

Fazit

Der Buchspazierer hat ein sehr schön gestaltetes Cover, das einen Roman mit Büchern als Protagonisten verspricht – genau das richtige für Bücherfreunde. Aber die Geschichte ist unrealistisch und lässt dem Leser immer nur die Position des Beobachters. Hier wurde sehr viel Potential verschenkt und so kam eine ziemlich seichte Erzählung heraus, in deren Happy End alle noch lange glücklich und zufrieden leben und sich ein Eis mit bunten Zuckerstreuseln gönnen.

Der Buchspazierer

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