Fast ein neues Leben

Erschienen: September 2020

Bibliographische Angaben

- HC, 111 Seiten

Couch-Wertung:

80

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Sebastian Riemann
Fremdsein leben und leiden

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Nov 2020

Das Leben von Migranten wird gern hinter Zahlen und pauschalen Aussagen versteckt; selten erhält man Einblicke in die tagtäglichen Herausforderungen, die sich ihnen in Deutschland stellen. Anna Prizkau hat einen Band mit zwölf Kurzgeschichten vorgelegt, in denen sie das Thema aus einer sehr persönlichen Perspektive aufgreift. Ihre Protagonistin ist ein junges Mädchen, mitunter eine junge Frau, die ihr altes Land verließ und mit den Eltern, aber ohne die Freunde und die weiteren Verwandten, nach Deutschland kam. Fremd fühlt sie sich aufgrund der Sprachbarriere. Auch wenn sie schnell lernt, fehlen ihr oft die Worte, um das Geschehen um sie herum zu verstehen oder um eine passende Antwort zu geben. Fremd fühlt sie sich aber auch wegen der kulturellen Unterschiede: Die Leute in Deutschland verhalten sich anders als die Leute im alten Land. Manchmal scheinen sie nett und hilfsbereit zu sein; manchmal sind sie offenkundig feindselig. Fremd fühlt sie sich, weil sie von allen stets als Fremde behandelt wird. Ständig wird sie gefragt, woher sie kommt, ständig wird sie als Ausländerin bezeichnet und nicht ernst genommen.

Die Protagonistin strebt nach einem neuen Leben. Sie unternimmt alles Notwendige und Mögliche, um sich den neuen Gegebenheiten anzupassen - aber so richtig reicht es nicht. Ihr neues Leben ist immer unvollständig oder unverständlich. Nie kommt sie dort an, wo sie gern hin möchte. Und nie kann sie ihr altes Leben gänzlich hinter sich lassen - auch wenn sie es versucht, ihre alte Sprache und ihr altes Land versteckt, ihre Eltern niemals den Freunden vorstellt, ihre Schmerzen und Erniedrigungen nicht zeigt.

In Wir tanzten Macarena führt Anna Prizkau das Spiel mit Ahnungen, mit Stereotypen und mit unseren Denkgewohnheiten auf ein beachtliches Niveau. Die sehr kurze Geschichte wird von einem jungen Mädchen erzählt, das bei einer Freundin eingeladen ist. Der Vater der Freundin fragt die Erzählerin nach Ausdrücken in der alten Sprache; er will wissen, wie man „mein Liebling“ sagt. Widerwillig gibt die Protagonistin Auskunft und fühlt sich dabei unwohl. Der Vater der Freundin scheint sich ihr annähern und ihre Unsicherheit ausnutzen zu wollen. Die Kleine zweifelt, sie weiß nicht, wie sie das Nachfragen des Mannes deuten soll. Er ist Lehrer und als solcher eine Respektsperson, die zu achten ist. Das Mädchen schämt sich seiner Gedanken.

Auf nur sehr wenigen Seiten vermag es Prizkau, ein mehrschichtiges Geflecht an Beziehungen zu erschaffen, das eine komplizierte und leicht missverständliche Situation kreiert. Am Ende entpuppen sich die Absichten des Lehrers und verwundern den Leser und die Protagonistin, die Angst vor ihm hatte.

Im Fackelläufer steht die Frage im Raum, wie weit man sich in einer neuen Kultur anpassen und wie viel man von seiner alten bewahren will. Ein Bekannter der Protagonistin hat seinen Turban abgelegt, um in einer Burschenschaft aufgenommen zu werden. Für sie ist dies eine eindeutige Grenzüberschreitung; sie verliert den Respekt vor ihm. Früher hatte sie ihn immer bewundert für seinen Turban und seine stolze Art, dieses Kleidungsstück zur Schau zu stellen.

Zugleich befindet sich der Freund der Protagonistin in einer ähnlichen Lage: Auch er muss entscheiden, wie viel von seiner Persönlichkeit und seiner Geschichte er der Öffentlichkeit preisgeben und wie viel er sich vor den Augen der Anderen bewahren will. Auch er muss sich verbiegen und verstellen, um den allgemeinen Ansichten zu genügen.

Fazit

Anna Prizkau verwandelt das Fremdsein in prägnante Geschichten und Emotionen, die unter die Haut gehen. Ihr Stil ist einfühlsam und direkt. Eine wahre Bereicherung.

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