Meine dunkle Vanessa

Erschienen: August 2020

Bibliographische Angaben

- OT: My Dark Vanessa

- aus dem Englischen von Ulrike Thiesmeyer

- HC, 448 Seiten

Couch-Wertung:

80

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Sabine Bongenberg
Keine einfache Kost

Buch-Rezension von Sabine Bongenberg Sep 2020

Die 14-jährige Vanessa Wye hatte unbedingt auf die noble Privatschule gewollt; jetzt aber fühlt sie sich dort einsam. Mit der ehemals besten Freundin hat sie sich zerstritten und mit neuen Freundschaften tut sich der etwas ungelenke Teenager schwer. Wie wohltuend ist es dann doch, dass sich der 42-jährige Englischlehrer Jacob Strane offensichtlich für sie interessiert. Vanessa, die sich als selbstbestimmten und „erwachsenen“ Teenager begreift, beginnt eine Affäre mit ihrem Lehrer, die sich bis zu ihrem Erwachsenendasein fortsetzt. Dann aber muss sie erfahren, dass andere junge Frauen Jacob Strane des sexuellen Missbrauchs und der Übergriffigkeit anklagen. Vanessa versteht die Welt nicht mehr. Was sich zwischen ihnen abspielte, das war doch wahre Liebe, muss wahre Liebe gewesen sein - oder etwa doch nicht?

Pale Fire

Die amerikanische Autorin Kate Elizabeth Russell beschreibt in ihrem Erstlingswerk Meine dunkle Vanessa eine sexuelle Beziehung zwischen einem 42-jährigen erwachsenen Mann und einer 15-jährigen Jugendlichen. Natürlich tritt hier meine Einschätzung schon nach dieser Wortwahl zutage, denn von einer ausgereiften Liebesbeziehung zwischen diesen beiden zu sprechen, halte ich für nicht möglich. Jacob Strane ist ein ausgereifter und intellektuell geschliffener Erwachsener, der beginnt, eine einsame Jugendliche zu umgarnen. Mit Unbehagen stellt der Leser dabei fest, wie geschickt er hierbei vorgeht: Der literarisch interessierten Schülerin werden Romane oder Gedichte, die bereits die Marschrichtung vorbereiten, empfohlen. Natürlich wird aus „gegebenem Anlass“ dabei ein besonderes Augenmerk auf den aus gutem Grund umstrittenen Roman Lolita von Vladimir Nabokov gelegt, wo eine minderjährige „Nymphe“ einen Erwachsenen verführt. Alsbald geht Stranes Saat auf: Vanessa glaubt, in ihren Lehrer verliebt zu sein, hat – vordergründig einvernehmlichen – Sex mit ihm und ist sogar bereit, die Schuld auf sich zu nehmen, als die ganze Sache aufzufliegen droht. Auch als Erwachsene, aus deren Leben sie in einer zweiten, zeitlich versetzten Ebene berichtet, glaubt sie immer noch an die echten und wahren Gefühle ihres Lehrers, der sich – ihrem Empfinden nach – nicht anders helfen konnte.

Russell zeigt auf beklemmende Weise, wie sich beide Parteien ihre Beziehung zurechtrücken: Vanessa, die den Leser als Ich-Erzählerin ungewollt nah an Jacob Strane heranrücken lässt,  ist sicher, ein romantisches Opfer zu bringen. Ihr älterer – und nicht einmal sonderlich attraktiver – Lehrer ist in sie verliebt, sie ist seine Rettung, seine Bestimmung, seine Qual, und mit diesen Vorgaben muss sie verantwortungsvoll umgehen. Strane dagegen sucht sich mit dem Instinkt des Jägers das einsame Tier in der Herde aus und formt es zu seinem Instrument. Vanessa wird aufgefordert, sich wie ein kleines Mädchen zu kleiden, ihn „Daddy“ zu nennen und so seine pädophilen Neigungen zu bedienen. Selbstredend ist sie als Erwachsene für ihn uninteressant. Russell beschreibt Vanessas Kindheit und auch ihr Erwachsenendasein rein aus der Sicht der verformten jungen Frau, die immer noch meint, insbesondere ihren Mentoren gefallen zu müssen. Verzweifelt hält sie immer noch an ihrer Version der selbstbestimmten Liebe fest, die gesellschaftliche Schwierigkeiten zu überwinden hatte und letztendlich an den Vorgaben der Gesellschaft scheiterte.

„Meine dunkle Vanessa“ – als Zitat ein Auszug aus dem Gedicht Pale Fire, ebenfalls aus der Feder Nabokovs – ist keine einfache Lektüre. Eine Jugendliche ist kein gleichberechtigter Partner eines erwachsenen, gebildeten Mannes – dennoch scheint Vanessa das auf keinen Fall einsehen zu können, vielleicht auch nicht zu wollen. Manchmal möchte man sie packen und schütteln. Trotzdem ist es auch Vanessas eigene Bestimmung, dass sie das, was sie für sich richtig hält, als ihren eigenen Weg fortführen muss. Diesen Weg aber muss sie erst einmal finden und dann auch beschreiten wollen. Immerhin tritt in den letzten Abschnitten auch bei der Heldin eine Entwicklung ein, die die Beziehung zu ihrem ehemaligen Lehrer in ein neues Licht setzt.

Fazit

Kate Elizabeth Russell erzählt in Meine dunkle Vanessa eine beklemmende Verführung und den Weg in den sexuellen Missbrauch. Klare Schuldzuweisungen werden nicht ausgesprochen, Russells Weg ist vielmehr so subtil wie der des Verführers. Das ist nicht immer einfach zu lesen und auszuhalten, dennoch hat die Autorin meiner Einschätzung nach ein wichtiges Buch geschrieben, denn vielleicht zeigt sie damit, welche Beeinflussungen und Veränderungen eine Gesellschaft verstärkt im Auge haben sollte, damit es gerade den Jacob Stranes dieser Welt doch etwas schwerer gemacht wird, als sie es vielleicht jetzt noch haben.

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