Der letzte Prinz

Erschienen: Oktober 2020

Bibliographische Angaben

- OT: Lampedusa

- aus dem Englischen von Malte Krutzsch

- HC, 288 Seiten

Couch-Wertung:

90
Wertung wird geladen
Carola Krauße-Reim
Ein Kanadier fühlt sich tief in die sizilianische Seele ein

Buch-Rezension von Carola Krauße-Reim Nov 2020

Nach dem Mystery-Thriller Die Frau in der Themse widmet sich der Kanadier Steven Price jetzt einem ganz anderen Thema: der fiktiven Vorgeschichte zum Roman Der Leopard von Guiseppe Tomasi di Lampedusa, dem meistverkauften Buch des 20. Jahrhunderts in Italien und von Lucchino Visconti hochkarätig besetzt verfilmt.

Der letzte Fürst von Lampedusa

Guiseppe Tomasi di Lampedusa ist Fürst von Lampedusa und Herzog von Palma und der Letzte seines Geschlechtes. Seine Ehe mit Alexandra von Wolff-Stomersee, Licy genannt, ist ebenso ungewöhnlich wie glücklich, aber kinderlos. Als der 59-jährige Guiseppe 1955 erfährt, dass er unheilbar erkrankt ist, will er etwas hinterlassen, das an ihn erinnert – einen letzten Fußabdruck in der langen Liste seiner Vorfahren. Schon immer ein Büchernarr und Liebhaber der anglistischen Literatur, geistert bereits lange der Gedanke an einen eigenen Roman in seinem Kopf herum. Und es gelingt: Er fängt an zu schreiben und merkt, dass er in die Geschichte der fiktiven sizilianischen Adelsfamilie Salina während des Risorgimentos Bruchstücke der Geschichte seiner eigenen Familie verewigen kann. Die Lampedusas waren ein mächtiger und wohlhabender Clan mit Stammburg bei Palma und Palästen in Palermo und andernorts, doch während dem Risorgimentos büßten auch sie viel von ihrer lokalen Macht ein, und durch die Zerstörung ihrer Palazzi während des 2. Weltkrieges und lang andauernder Misswirtschaft auch ihre finanzielle Sicherheit.

Fiktion trifft auf Realität

Genau wie Lampedusa hat Steven Price‘ Roman einen historischen Hintergrund; sogar noch mehr, da er zwar eine fiktive Geschichte erzählt, aber seine Personen alle tatsächlich existiert haben. Das ist immer ein schwieriges Unterfangen, weiß man zwar um ihre Aktionen und Historie, aber nichts von ihren Emotionen und Gedanken. Doch Price hat es hervorragend geschafft, die Personen mit Leben zu füllen und sie dem Leser nahe zu bringen - und zwar auf ganzer Linie, denn auch die Nebenfiguren werden so fein gezeichnet, dass selbst sie zu unverwechselbaren Charakteren werden. Guiseppe Tomasi lernt man als stillen Menschen kennen, der gerne und gut speist, Bücher liebt und  lieber alleine seinen Gedanken nachhängt, als sich in ständiger Gesellschaft zu bewegen. Er gibt nie alles von sich preis, sondern wahrt selbst seiner Frau gegenüber immer eine gewisse Distanz. Guiseppe weiß um den Verlust der Macht, die einmal mit seinen Titeln verbunden war, und er akzeptiert es; mit seiner prekären finanziellen Situation hat er sich arrangiert, indem er sie weitestgehend ignoriert. Der Leser ist ganz nah bei diesem Menschen, der wie eine Insel erscheint, begleitet ihn, wenn er durch die Straßen Palermos streift (immer auf der Suche nach der Vergangenheit), wenn er die Trümmer seines geliebten Palazzos betrachtet und den Gedanken an seine Mutter und seine Kindheit nachhängt, und er erahnt, wie das Leben der Fürsten von Lampedusa einst war. In Rückblicken erfahren wir von Momenten, die das Wesen des letzten Fürsten geformt haben: Familiäre Tragödien, der 1. Weltkrieg und die starke Persönlichkeit seiner Mutter hatten großen Einfluss auf Guiseppe und haben ihn zu dem Menschen gemacht, der er jetzt ist – scheinbar schwach und fatalistisch. Licy dagegen ist eine auch nach außen starke Frau. Als gebürtige adlige Lettin, hängt sie nicht an der alten sizilianischen Pracht; die relative Armut meistert sie gekonnt, ebenso wie die Introvertiertheit ihres Gatten, dem sie immer zur Seite steht. Sie ermutigt ihn, immer an seinen Roman zu glauben und nicht aufzugeben, auch wenn sich kein Verleger finden will. Sie weiß, dass Guiseppe eine grandiose Geschichte geschrieben hat, die sein Vermächtnis sein wird und mit der er gleichzeitig die Brücke zu seinen Ahnen spannt.

Ein Roman mit unglaublicher Sogwirkung

Von der ersten Seite an begleitet der Leser Guiseppe Tomasi – in der Gegenwart und in Rückblicken auch in die Vergangenheit. Der auktoriale Erzähler wahrt immer Distanz und baut dennoch auf die Verbindung von Leser und Protagonist, die auch meisterlich gelingt. Durch perfekt gesetzte Worte, von denen jedes gut überlegt zu sein scheint, formen sich Sätze, die auf der Zunge zergehen und das Kino im Kopf in Gang setzen. Der distanzierte und dennoch opulente und atmosphärisch dichte Schreibstil entführt den Leser in eine dem Untergang geweihte Welt - in ein Sizilien, wie es nicht mehr existiert und das trotzdem noch, anders als das Festland Italien, der alten Grandezza nachhängt. Man begleitet den alternden Fürsten durch ein Palermo, das noch immer gezeichnet ist vom Krieg, spürt die Hitze zwischen den Trümmern der zerstörten Häuser, riecht den Gestank des Fischmarktes genauso wie den Jasmin in der Abenddämmerung und kann sich die Kargheit der Landschaft im glutheißen Sommer gut vorstellen. Aber der Roman ist nichts für zwischendurch; er fordert Aufmerksamkeit vom Leser. Die wörtliche Rede ist nicht gekennzeichnet und der komplexe Stil verlangt konzentriertes Lesen. Dennoch hat die Geschichte eine Sogwirkung, der man sich nicht entziehen kann und das, obwohl man den Ausgang schon kennt.

Fazit

Der letzte Prinz ist Erzählkunst auf höchstem literarischem Niveau. Steven Price lässt den Leser teilhaben an der Entstehung des Romans Der Leopard und entführt in die dem Untergang geweihte Welt des sizilianischen Adels. Dabei ist das Buch nicht nur etwas für Tomasi-Lampedusa-Fans, sondern macht im Gegenteil jedem Leser Lust auf den einzigen Roman dieses Autors, der seinen Erfolg nicht mehr erleben durfte.

Der letzte Prinz

Der letzte Prinz

Deine Meinung zu »Der letzte Prinz«

Hier kannst Du einen Kommentar zu diesem Buch schreiben. Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer, respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Danke!

Letzte Kommentare:
Loading
Loading
Letzte Kommentare:
Loading
Loading

Film & Kino:
The Crown - Staffel 3

Die Queen in ihrer vordergründig repräsentativen Rolle ist eine zeitgeschichtliche Ikone, sodass der Erfolg der seit 2016 bei Netflix laufenden Serie „The Crown“ nicht verwundert. Die dritte Staffel markiert allerdings einen Umbruch: Die Royal Family ist in den 60er-Jahren angekommen und viele Rollen werden neu besetzt, da auch die Blaublüter nicht vor dem Altern gefeit sind. Titel-Motiv: © Des Willie / Netflix

zur Film-Kritik