Unter den Linden 6

Erschienen: Juni 2020

Bibliographische Angaben

- Broschur, 464 Seiten

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Lea Gerstenberger
Frauenbewegung an der preußischen Universität

Buch-Rezension von Lea Gerstenberger Sep 2020

Drei Frauen, drei Lebensgeschichten – und die Eroberung der männerdominierten Universität im frühen 20. Jahrhundert.

Das Recht auf Bildung ist im kaiserzeitlichen Preußen keine Selbstverständlichkeit. Zwar florieren die Wissenschaften an der Friedrich-Wilhelms-Universität (der heutigen Humboldt-Universität) zu Berlin, für Frauen öffnen sich ihre Pforten aber nicht. Die junge Lise Meitner hatte es in Wien etwas leichter: Sie kommt 1907 als promovierte Physikerin nach Berlin. Anerkennung findet sie jedoch nur inoffiziell; von einer bezahlten Stelle oder der Aussicht auf eine Professur kann sie nur träumen, obwohl Koryphäen wie Max Planck ihre Leistungen anerkennen. Gemeinsam mit Otto Hahn forscht sie in einem behelfsmäßigen Labor und unbezahlt an der Radioaktivität, muss sich den Lebensunterhalt aber nebenbei als Lehrerin verdienen.

Das Leben ist vorgezeichnet

Hedwig Brügger geht es nicht besser: Als Tochter aus gutem Hause ist ihr eine langweilige Ehe vorbestimmt. Nur, weil sie die Unterschrift ihres Mannes fälscht, darf sie sich überhaupt in den Hörsaal setzen – wo sie die bissigen Kommentare der männlichen Studenten und die Arroganz von Geschichtsprofessor Lenz ertragen muss. Ihren Ehrgeiz bremst das nicht, und der attraktive Privatdozent Albert Lenneberg unterstützt ihr Vorhaben, sich die Promotion zu erkämpfen, droht aber bald, zu einem riskanten Ablenkungsfaktor für ihre wissenschaftliche Arbeit zu werden.

Und die junge, mittellose Anni schließlich hat ein Leben als Hausmädchen vor sich. Doch bei ihrem Dienstherrn, dem grummeligen Kulturpolitiker Friedrich Althoff, kann sie immerhin heimlich in der Bibliothek lesen. In ihr wächst der Wunsch, noch mehr zu lernen, vielleicht sogar das Abitur abzulegen – und Hilfe kommt von unerwarteter Seite…

Durch Zufall begegnen sich diese drei Frauen zu Beginn des Romans und werden zu Freundinnen, sodass wir als Leser aus mehreren Perspektiven mitbekommen, wie steinig ihre Wege zu mehr Bildung, Selbstbestimmung und akademischer Anerkennung waren. Nicht nur galt es, sich in einer ausgemachten Männerdomäne zu behaupten, sondern die Entscheidung für die Wissenschaft war auch eine gegen das traditionelle Familien- und Eheleben.

Lise Meitner – eine von vielen realen Figuren im Roman

Auf der Grundlage historischer Fakten lässt Ann-Sophie Kaiser das preußische Berlin und wichtige Aspekte der Frauenbewegung aufleben. Viele der Ereignisse im Roman sind historisch oder zumindest von realen Begebenheiten inspiriert, etwa die Gründung einer Studentinnenverbindung und einer studentischen Frauenzeitschrift. Und auch eine der Hauptfiguren beruht auf einer historisch sehr bedeutsamen Figur, nämlich Lise Meitner selbst: Als große Physikerin forschte sie mit dem Chemiker Otto Hahn und lieferte die physikalische Erklärung für die Kernspaltung. Trotz ihres Anteils an der Entdeckung des Phänomens bekam Hahn allein den Nobelpreis verliehen.

Der Mangel an Anerkennung wird auch im Roman deutlich: Der Ansprechpartner ist stets Otto Hahn; als der renommierte Physiker Ernest Rutherford das Labor besucht, wird Lise zum Stadtbummel mit dessen Ehefrau abkommandiert. Ihre ehemalige Wirkungsstätte, das heutige Institut für Biochemie der Freien Universität Berlin, heißt immerhin seit 2010 versöhnlich „Hahn-Meitner-Bau“. Respekt mussten sich diese Frauen hart erarbeiten, wobei sie wichtige Pionierarbeit leisteten und dazu beitrugen, den Universitätsbetrieb auch regulär für ihre Geschlechtsgenossinnen zu öffnen. Die Autorin stellt diese Kraftprobe glaubwürdig dar, eingebettet in den Zeitgeist, der im Berlin jener Jahre spürbar ist. Altgediente Herren verweigern sich der Modernisierung, merken aber, dass ihnen die Argumente ausgehen – und manch ein vermeintlicher Hardliner entpuppt sich als wichtiger Unterstützer des Frauenstudiums.

Die Protagonistinnen bringen durch ihre verschiedenen biographischen Hintergründe Abwechslung in den Roman, auch wenn die einzelnen Handlungsstränge relativ vorhersehbar sind. Trotzdem wird das kaiserzeitliche Berlin auf vielseitige Weise lebendig, auch abseits der Universität. Als Leser lernen wir das harte Leben der Dienstboten, die beengten Verhältnisse in den Mietskasernen und die politische Stimmung kennen, die schließlich in den Ersten Weltkrieg mündete. Nach einer wahren Flut an Romanen über Medizinstudentinnen und Ärztinnen jener Zeit bietet die Lektüre über Physikerinnen und Historikerinnen eine angenehme Abwechslung und eröffnet auch Einblicke in die Arbeitsbedingungen der damaligen Strahlenforschung – angenehm waren sie, völlig ohne Schutzvorkehrungen, beileibe nicht.

Kein Aha-Erlebnis am Ende

So ist der Roman die ersten beiden Drittel über sehr kurzweilig und spannend zu lesen, zieht sich allerdings zum Ende hin gehörig in die Länge. Die Konflikte wiederholen sich irgendwann, man hätte die Geschichte also schon früher beenden können. Was das Innenleben der Protagonistinnen angeht, ist Hedwig besonders nachvollziehbar gelungen – bei Lise dagegen merkt man die Behutsamkeit der Autorin, dem realen Vorbild nicht allzu viel andichten zu wollen. Anni ist, obwohl ihr Erzählstrang eine wichtige Abrundung der Geschichte darstellt, sehr stereotyp geraten; was ihr widerfährt, kennt man schon aus vielen anderen Büchern. Sprachlich hätte der Roman stellenweise etwas mehr Dynamik vertragen, lässt sich aber locker lesen.

Fazit

Überzeugend werden drei Frauen geschildert, die sich in verschiedenen Disziplinen profilieren wollen und gemeinsam für mehr Anerkennung und Frauenbildung kämpfen. Der Roman ist angenehm zu lesen und liefert kurzweilige Perspektiven, flacht jedoch zum Ende hin ein wenig ab.

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