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Julian Hübecker
Eine poetische Reise zum Ich

Buch-Rezension von Julian Hübecker Sep 2020

Schrumpfköpfe haben viele Namen; am häufigsten ist wohl Tsantsa. Bis ins 20. Jahrhundert hinein fanden sie Abnehmer – nur die Verwendung hat sich stark gewandelt. In diesem poetischen Roman begleitet man nicht irgendeinen Schrumpfkopf, sondern einen, der ein Bewusstsein entwickelt und über 200 Jahre lang Menschen von unterschiedlichem Schlag kennenlernt…

„Es ist der erste Schritt zu einem Ich, das wollen, empfinden und Anteil nehmen kann, eine Formulierung, die er unabsichtlich beschleunigt, als mir sein grausamer Tod einen Schock erteilt.“

Unser Schrumpfkopf hat keinen festen Namen; je nach Besitzer kann dieser wechseln oder auch komplett ausbleiben. Dies mag verschiedene Gründe haben: manch einer kann sich nicht recht mit dem makabren Gesellen anfreunden, andere versuchen spätestens dann den Tsantsa loszuwerden, wenn er beginnt zu sprechen. Obwohl der kleine Kopf nämlich eigentlich nur ein eingelaufener Hautsack unbekannter Herkunft ist, ist er in der Lage zu singen, reden, schreien - allgemein also sich zu artikulieren.

Seinen Anfang nimmt der Schrumpfkopf 1780 in Caracas – hier setzt sein Bewusstsein ein. Seitdem wechselt er von einem Besitzer zum anderen, erlebt verschiedene Länder und Kulturen, deren Entwicklungen über die Zeit, macht zwei Weltkriege und einige andere Konflikte durch, muss Experimente, Beleidigungen und Attentate überstehen. Doch das wirklich erstaunliche ist seine Entwicklung: Wie ein Kind auf dem Weg zum Erwachsenwerden macht er mehrere Veränderungen durch - ja, sogar ein Geschlechtstrieb entwickelt sich, der befriedigt werden will.

Zu seinem Glück findet er auch Besitzer, die es mit ihm aushalten, ihn sogar als Familienmitglied betrachten. So gewinnt er an Selbstvertrauen, wird sich seiner selbst immer mehr bewusst, entwickelt einen Überlebenswillen und vielfältige Fertigkeiten. Die Jahrhunderte vergehen, und irgendwie bleibt das Gefühl, dass seine Geschichte noch nicht auserzählt ist…

Eine überzeugende Idee

Jan Koneffke hat mit Die Tsantsa-Memoiren wohl eine der originellsten Ideen dieses Jahres geschaffen, indem er einen Schrumpfkopf zum Leben erweckt hat. Da diese Trophäen bekanntermaßen in ihrem Wirken sehr eindimensional sind, bestand natürlich die Gefahr einer sehr einseitigen Erzählweise - dies hat der Autor geschickt umgangen, indem er Tagebucheinträge oder Berichte eines Psychiaters (ja, unser Schrumpfkopf musste tatsächlich zum Kopfdoktor) einfließen ließ.

Die Schwierigkeit, die ich mit dem Roman vielmehr hatte, ist seine Unausgewogenheit: Während das erste Jahrhundert authentisch die Zeit widerspiegelte, zogen sich die folgenden Jahrzehnte ungemein und konnten keine Spannung aufbauen. Dabei waren mit dem Ersten und Zweiten Weltkrieg zwei explosive Ereignisse zur Hand, wurden aber eher am Rande abgefrühstückt. Auch hat der Tsantsa für meinen Geschmack zu wenig von der Welt entdecken dürfen – vielleicht wäre dadurch zu viel Authentizität verloren gegangen.

Schließlich überzeugt einfach der Schrumpfkopf, der einem näherkommt als so mancher „normaler“ Protagonist. Sein Werden verfolgt man mit Vergnügen, seine Person wächst einem schnell ans Herz und seine politischen und gesellschaftlichen Ansichten sind vorbildlicher als die von so manchem Zeitgenossen. Alte wie aktuelle Missstände, z.B. Sklaverei und Antisemitismus, werden angesprochen und von ihrer widerlichsten Seite gezeigt.

Fazit

Die Tsantsa-Memoiren lassen einiges an Spannung und Raffinesse vermissen. Letztendlich ist es aber ein starker Roman, der auch zwischen den Zeilen viel Substanz verbirgt und daher nicht zur Oberflächlichkeit verkommt.

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