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Carola Krauße-Reim
Wenn die Vergangenheit nicht vergessen werden kann

Buch-Rezension von Carola Krauße-Reim Sep 2020

Zum 50. Geburtstags ihres Vaters wollen die Kinder von Kim Mey ihm ein besonderes Geschenk machen: Sie haben Tevi Gardiner nach P. in Österreich eingeladen - die Frau, die mit Kim als Kind aus Kambodscha geflohen ist, mit ihm zusammen in Österreich Zuflucht fand und die er 23 Jahre nicht mehr gesehen hat. Doch sie wecken damit Ängste, alte Wunden brechen auf, und Kim und Tevi müssen sich ihrer Vergangenheit stellen…

3-8-20

Diese Zahlenkombination kennt in Kambodscha wirklich jeder: 3 Jahre, 8 Monate und 20 Tage währte das Terrorregime der Roten Khmer. Vom 17.4.1975 bis zum 6.1.1979 hatte die Organisation unter Pol Pot das Sagen. Sie wollten aus dem Königreich einen kommunistischen Agrarstaat machen und verfolgten dieses Ziel, indem sie die Stadtbevölkerung und die Intellektuellen des Landes versklavten und die Landbevölkerung knechteten. Sie setzten auf Angst und Schrecken, begingen unvorstellbare Gräueltaten und hinterließen nach ihrer Entmachtung durch die Vietnamesen ein ausgeblutetes Land, das nach manchen Schätzungen bis zu 1/3 seiner Bevölkerung verloren hatte. Bis heute kämpft Kambodscha mit diesem dunkelsten Kapitel seiner Geschichte, wobei die Aufarbeitung der Diktatur und des Genozids nur schleppend vorangeht. Wem Kambodscha bis jetzt nicht so bekannt war, der findet im Anhang des Buches eine kurze Zusammenfassung seiner Geschichte - wobei der Schwerpunkt auf der Zeit der Diktatur liegt - und ein Glossar eventuell unbekannter Begriffe.

Gekonnte Verknüpfung von Realität und Fiktion

Die Österreicherin Judith Taschler ist bekannt für ihre „berührenden und eindringlichen Geschichten“. Auch im vorliegenden Buch schafft sie es wieder mit einer gekonnten Mischung aus Realität und Fiktion, den Leser zu fesseln. Im Vordergrund steht Kim Mey, der als 14-Jähriger zusammen mit Tevi Chhang in Ines‘ Familie kam. Tevi verließ die Familie, um bei einer Verwandten in Frankreich zu leben, und Kim heiratete Ines und gründete mit ihr eine Familie.

Immer wieder wird die Schilderung der Gegenwart im Jahr 2016 durch Rückblicke in die Familien May und Chhang vor und während der Herrschaft der Roten Khmer oder durch Tagebuchaufzeichnungen von Monika, Ines‘ Mutter, unterbrochen. Dadurch erfährt der Leser nach und nach, was in der Kindheit von Kim und Tevi geschah, wie es mit ihnen weiter ging und welche Auswirkungen ihre Vergangenheit noch heute auf sie und ihre Familien hat. Der sehr angenehme Schreibstil entführt in eine Geschichte, die anrührend, fesselnd und spannend ist und zum Schluss mit einer Wendung aufwartet, die es in sich hat. Aber vor allem die Passagen während der Diktatur beinhalten Gewaltszenen, auf die man vorbereitet sein muss und die umso schlimmer sind, weil man weiß, dass dies die grausame Realität in Kambodscha war.

Kim und Tevi sind ihr Leben lang gezeichnet

Taschler hat aus den handelnden Figuren Charaktere geformt, die alle in ihrer Glaubwürdigkeit überzeugen. Ines, Monika und deren Mutter Martha haben schon einiges durchgemacht, als die beiden Flüchtlingskinder zu ihnen kommen. Diese Vorgeschichte prägt die drei und vereinnahmt den Leser, denn sie ist so normal, dass man sich die Frauen sehr gut vorstellen kann. Für uns weniger vorstellbar ist die Vergangenheit von Kim und Tevi, die in Rückblicken ans Licht kommt. Doch die Autorin vermittelt auch diese Figuren sehr glaubhaft: Die verwöhnte Tevi aus reichem Elternhaus, die von einer Minute zur nächsten ein völlig anderes Leben führen muss, das beherrscht ist von Tod, Arbeit und Grausamkeit; extrovertiert wie sie ist, geht sie mit dieser Vergangenheit offensiv um. Kim, der Sohn eines Fischers aus der Nähe von Sihanoukville, der auch in die Fänge der Roten Khmer gerät, kämpft ebenfalls um sein Leben, doch er verschweigt, was ihm widerfahren ist, will die Vergangenheit ausblenden, was ihm aber nicht wirklich gelingt. Tevi und Kim sind die beiden tragischen Charaktere, die die Geschichte tragen und den Leser mitreißen, denn sie vereinen Sympathie und Antipathie, wenn sie abweisend, arrogant, wortkarg und gleichzeitig bedauernswert, gezeichnet und sehr alleine sind.

Fazit

Gekonnt verbindet Taschler eine fiktive Familiengeschichte mit historischen Fakten. Empfehlenswert ist Das Geburtstagsfest für jeden, der an dieser Kombination Gefallen findet. Belohnt wird der Leser mit einer durchweg fesselnden und spannenden Story, wobei man auf grausame Fakten gefasst sein muss, denn die Zeit der Roten Khmer und des Genozids ist der in jeder Hinsicht dunkelste Tiefpunkt in der Geschichte Kambodschas.

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