Fremde Schwestern

  • Knaur
  • Erschienen: Januar 2011
  • München: Knaur, 2011, Seiten: 297, Originalsprache
Fremde Schwestern
Fremde Schwestern
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Rita Dell'Agnese
85

Belletristik-Couch Rezension vonAug 2011

Gefangen zwischen Fremdsein und Vertrautheit

Für Franka ist das Leben vorhersehbar. Ihre Arbeit als Drehbuchautorin ebenso, wie ihre Beziehung zum Musiker Jan, mit dem sie zwar gelegentlich das Bett, nicht aber die Wohnung teilt. Diese klare Struktur wird eines Morgens zerstört, als Frankas Schwester Lydia vor der Türe steht – an der Hand ihre Tochter Merle. Beide sind verwahrlost. Es ist schon einige Jahre her, seit Franka ihre Schwester das letzte Mal sah. Getrennt haben sich die beiden Frauen damals nicht im Guten. Auch jetzt ist Franka alles andere als glücklich über den unerwarteten Besuch. Bevor sie jedoch Lydia und Merle wieder vor die Türe setzen kann, bricht Lydia bewusstlos zusammen. Im Krankenhaus erfährt Franka, dass es schlecht um Lydia steht. Und so muss sie sich mit ihrer Nichte Merle auseinandersetzen, die es ihr nicht eben leicht macht.

Eine unspektakuläre Geschichte. Davon mag man ausgehen, bevor man sich auf den Roman von Renate Ahrens einlässt. Auch der Einstieg in das Buch ist zwar nett, lässt aber nicht vermuten, dass sich auf den folgenden rund 290 Seiten eine berührende, weitab von Kitsch bewegende Geschichte verbirgt. Zwar trumpft Renate Ahrens von Beginn an mit einer überzeugenden Sprache auf, doch lässt sie die Leser erst einmal Fuß fassen in der Wohnung, in der alles seinen Platz hat, nur eben kein Platz für Menschen wie Lydia und Merle. Franka, unbewusst noch immer an seelischen Wunden knabbernd, die Mutter und Schwester ihr einst zufügten, möchte Lydia und letztlich auch Merle so schnell wie möglich los werden. Nur so kann sie das Bild aufrecht erhalten, das sie sich in den vergangenen Jahren geschaffen hat. Mit aufmerksamer Beobachtung von Frankas krampfhaftem Bemühen, Schwester und Nichte so schnell wie möglich wieder aus ihrem Leben verschwinden zu lassen, überrascht die Autorin ihre Leser angenehm. Sie zeichnet weder das Bild einer Antiheldin und dasjenige einer Heldin – vielmehr präsentiert sie das Psychogramm einer Frau, die sich über Jahre hinweg in klare Strukturen gerettet hat, um sich nicht mit ihren eigenen Gefühlen auseinandersetzen zu müssen.

Nun könnte die Autorin ein eher analytisches Buch über die jeweiligen Charaktere vorlegen, um das schwierige Gefüge der nicht mehr gelebten Beziehung sichtbar zu machen. Doch sie bleibt bei ihrem fast etwas saloppen Erzählstil, der es – weder anbiedernd noch despektierlich – ermöglicht, sich sowohl in die Person von Franka als auch in jene von Lydia hinein zu versetzen. Und der auch der strengen Haltung von Franka etwas an Schärfe nimmt. Selbst das Bemühen Merles, ihrer Mutter gegenüber loyal zu bleiben und der ihr fremden Tante mit Ablehnung zu begegnen, ist stimmig und folgerichtig. Renate Ahrens lässt die Leser teilhaben an der Zerrissenheit des kleinen Mädchens, das mit seinen sieben Jahren so viel schon erlebt hat und doch nicht richtig mit der Situation umgehen kann, in die sie die schwere Krankheit ihrer Mutter geworfen hat. Während Franka und Merle eine vorsichtige Annäherung versuchen – unterstützt von Jan, der sich allerdings im Hintergrund hält – muss sich Lydia mit ihrer Eifersucht auseinandersetzen. Dies wird dem Leser in einer leicht verdaulichen und dennoch eingängigen Art serviert.

Was auch immer man vom Roman Fremde Schwestern erwartet haben mag – Renate Ahrens beeindruckt, konfrontiert und überzeugt. Sie präsentiert eine kurze Zeitspanne im Leben einiger Menschen, die plötzlich auf sich selber zurückgeworfen sind und versuchen müssen, aus ihrer bisherigen Struktur auszubrechen und das Fremde, das Anderssein eines einst vertrauten Menschen zu respektieren. Die Geschichte hallt nach und wirft die Frage auf, wie weit man sich auch von der eigenen Maxime entfernen kann, ohne sich dabei selbst zu verleugnen. Ein gelungenes Leseerlebnis, mit dem die Autorin auf sich aufmerksam macht.

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