Der Sommer ohne Männer

  • Argon-Verlag
  • Erschienen: Januar 2011
  • Berlin: Argon-Verlag, 2011, Titel: 'Der Sommer ohne Männer', Seiten: 6, Übersetzt: Eva Mattes
Der Sommer ohne Männer
Der Sommer ohne Männer
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Wolfgang Franßen
79

Belletristik-Couch Rezension von Wolfgang Franßen Mär 2011

Unter Frauen

Der Titel Der Sommer ohne Männer verspricht eine leichte Lektüre für den Strand, die a lá Dora Heldt oder Tommi Jaud den humorvollen Nach-Rosamunde-Pilcher–Mainstream-Markt bedient. Siri Hustvedt ist eine zu intelligente Autorin, um in die Falle zu tappen.

In kurzen Kapiteln aus manchmal vier, fünf oder gar nur einer Zeile, erzählt sie vom Überleben nach einer Trennung. Die New Yorker Dichterin Mia wird von ihrem Mann verlassen und landet gleich zu Anfang der Geschichte in der Psychiatrie. Das ist kein Burn-Out. Es ist der völlige Zusammenbruch, nachdem sich ihr Mann Boris nicht mehr zu ihr sondern zu einer Französin hingezogen fühlt und gleich bei ihr einzieht.

Viele Ehen enden dramatisch. Ältere Männer in der Krise suchen ihr Glück bei jungen Frauen und verfallen ihn, so dass sie alle Brücken hinter sich einreißen. Mias Mann nennt das Pause. Seine Frau verfällt inzwischen der klinischen Depression. Siri Hustvedt langweilt uns jedoch nicht mit der therapeutischen Genesung einer zutiefst verletzten Frau.  Den Aufenthalt in der Klinik behandelt sie nur über wenige Seiten. Ihre Mia ist stark und verzweifelt genug, zur Selbsthilfe zu greifen. Sie nimmt zwar weiterhin die Hilfe ihrer Therapeutin Doktor S. in Anspruch, aber sie verbietet sich nicht weiterzuleben.

Dichterinnen sagt man nach, dass sie ein feines Gespür für die Welt umgibt. Also könnte Mia sich ebenso gut in den Elfenbeinturm der Dichtung zurückziehen, um ihren Schmerz in Zeilen zu verarbeiten. Doch Mia leitet lieber einen Poetikkurs und begibt sich in die Obhut ihrer neunzigjährigen Mutter, die altersweise einer Gruppe älterer Damen in einem Heim vorsteht.

Der Roman ist ein Konglomerat aus tagebuchähnlichen Notizen, Briefen, E-Mails, tiefenpsychologischen Ansichten über die Liebe, den Mann an sich, die Frau, den Sex, über die Literatur. Am Schluss steht das Wort "Abblende". Ein Begriff aus dem Kino. So fragmentarisch, szenisch ist auch die Handlung dem Schnitt unterworfen. Die Autorin bietet viele Ansichten zum Thema: wie werde ich als Ehefrau mit einem untreuen Ehemann fertig, der als weltberühmter Naturwissenschaftler es nie verstanden hat, ein Gespür für mich zu entwickeln. Oder: wie werde ich vor allem mit mir fertig, die das alles mit sich hat machen lassen. Neben witzigen, wie geistreichen Einwürfen, fragt Mia sich, wer bin ich, nachdem ich mich in die Ehe begeben habe, und wer bin ich dreißig Jahre danach? Eine Frage, die sich Hustvedts Heldin nie gestellt hätte, wäre ihr Mann Boris bei ihr geblieben.

Leicht wird die Geschichte durch die schillernden Nebenfiguren. Durch eine Heiminsassin, die Mia ans Herz legt, dass es vor allem auf die heimlichen Vergnügungen ankomme. Sie weiht die Heldin in das Geheimnis ihrer Handwerksarbeiten ein und entblättert leicht pornografische Tableaus, die sich hinter einem Knopf verbergen.

Außerdem ist da Mias Tochter Daisy, die Schauspielerin, die ihr Kommen ständig ankündigt, sobald das Stück nicht mehr gespielt wird, in dem sie gerade auftritt. Daisy sorgt sich um den zu Anfang moralisch verurteilten Vater, der nach kurzer Zeit und der Erkenntnis, dass man sein altes Leben nicht einfach abstreift, von seiner Französin vor die Tür gesetzt wird und nachts durch die Straßen New Yorks irrt. Er scheint zu verwahrlosen. Er bereut.

Während Mia sich um den "Hexenzirkel" kümmern muss - jene Gruppe junger Mädchen, die  gegen eines ihrer Mitglieder des Poesieseminars mobbt, und es tatsächlich schafft, sie soweit zu zermürben, dass sie wie Mia zusammenbricht – wächst die frisch Getrennte allmählich zum Zentrum des weiblichen Überlebenskamps um sie herum an.

Die Leser dürfen miterleben, wie der Schmerz verweht, das eigene Schicksal das Schicksal vieler ist. Dass jeder auf seine Weise eine Lösung in seinem Leben finden kann. Hier berühren wir die Schwachstelle des Romans. Es wirkt wie ein Ratgeber für jene verworrenen Tage, wo das Leben sich unbedingt in Zukunft besser anfühlen muss. Das Zauberwort heißt: Durchhalten. Alles hat seine Zeit.

Ob Boris zu Mia zurückkehrt? Ob Mia ihren Boris noch einmal bei sich aufnimmt? Eine spannende Frage für eine Sommerlektüre. Wir werden sehen.

Abblende.

Der Sommer ohne Männer

Siri Hustvedt, Argon-Verlag

Der Sommer ohne Männer

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