Robinsons Tochter

Erschienen: August 2020

Bibliographische Angaben

- OT: Crusoe's Daughter

- aus dem Englischen von Isabel Bogdan

- HC, 320 Seiten

Couch-Wertung:

85

Leser-Wertung

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Carola Krauße-Reim
Jeder ist eine Insel

Buch-Rezension von Carola Krauße-Reim Sep 2020

Die 1928 in North-Yorkshire geborene Jane Gardam veröffentlichte ihr erstes Buch mit 43 Jahren und wurde in Deutschland auch erst relativ spät entdeckt. Nach dem Erfolg ihrer Trilogie rund um „Old Filth“ werden nun nach und nach auch ihre anderen Romane herausgebracht - so auch Robinsons Tochter, der bereits 1985 im englischen Original erschien.

Das Leben der Polly Flint

Mit sechs Jahren kommt Polly 1904 nach North-Yorkshire in das „Gelbe Haus“ ihrer Tanten. Dort wächst sie geliebt und behütet, aber weltfremd auf. Ihre Tanten Mary und Frances sind sehr gottesfürchtig, wie es sich für Töchter eines Erzdiakons ziemt, doch auf ein kleines Mädchen sind sie nicht vorbereitet. Polly wird von dem Hausdrachen Mrs. Woods unterrichtet, die in ihrer Strenggläubigkeit noch extremer ist als die beiden Tanten. Doch Polly lernt Deutsch und Französisch und stillt ihren Durst auf Literatur in der umfangreichen Bibliothek des Hauses. Ihr Lieblingsbuch ist Robinson Crusoe von Daniel Defoe, das sie manchmal sogar mehrmals im Jahr liest und das eine Art Kompass für ihr Leben wird. Denn Polly fühlt sich genauso allein gelassen wie Robinson, obwohl sie von Menschen umgeben ist.

Der Leser begleitet Polly durch ihr ganzes Leben bis ins hohe Alter: Er durchlebt alle Höhen und Tiefen, bangt mit ihr im 1. Weltkrieg um die Soldaten, erlebt, wie sie sich verliert, wieder fängt und im 2. Weltkrieg zwei jüdische Mädchen aus Deutschland bei sich aufnimmt. Dabei sind das „Gelbe Haus“ und Robinson Crusoe die zwei immer währenden Konstanten im Leben der Polly Flint.

Die Protagonistin erzählt selbst

Jane Gardam lässt Polly Flint als Ich-Erzählerin auftreten. Dadurch erhält der Leser einen tiefen Einblick in ihre Gefühlswelt, die geprägt ist von der Religiosität im „Gelben Haus“. Und dennoch schafft es Polly den Leser immer wieder zu verwundern, indem sie so gar nicht angepasst reagiert: Sie verweigert die Konfirmation, pflegt die ungeliebte, altgewordene Mrs. Wood und macht sich Gedanken über ihre Familie, die nicht immer so sittsam gewesen zu sein scheint, wie sie es hätte sein sollen. Obwohl der Leser Polly sehr nahe kommt, wird stets eine Distanz gewahrt, die auch bei den anderen Figuren zu beobachten ist. Gardam beschreibt sie durchweg treffend und genau, trotzdem wird man nicht endgültig warm mit ihnen; immer wieder verwundern sie durch untypische Verhaltensweisen oder völlig überzogene Szenen. Der Leser bleibt so immer nur Beobachter, kann dadurch relativ emotionslos dem Leben von Polly folgen und ihr Tun bewerten. Dennoch fesselt die Geschichte, auch wenn es manchmal extrem surreal wird - aber das kennt man ja von Jane Gardam schon.

Robinson Crusoe als Lebenskompass

Für Polly ist Robinson Crusoe mehr als ein Buch: Sie identifiziert sich mit dem Schiffbrüchigen, zieht Kraft aus seiner Art, mit der Tragödie umzugehen und analysiert jede Zeile in einem ihrer Aufsätze, die der Übersetzung des Werkes in die deutsche und französische Sprache folgen. In ihrer Umgebung fühlt sich Polly zwar geborgen und geliebt, aber trotzdem immer allein. Wie auf einer unbekannten Insel im Meer lebt sie ihr isoliertes Leben. Sie verliebt sich und wird abgewiesen; sie könnte in eine Familie aufgenommen werden und flieht; sie zieht sich völlig zurück und droht, an sich selbst zu scheitern – und immer ist Robinson bei ihr. „Du warst mein Brot. Du bist mein Brot“, sagt sie in ihrem letzten imaginären Dialog mit ihm. Polly brauchte niemanden mehr als ihn, um auf ihrer Insel zu überleben, und gleichzeitig zieht sie Weisheiten aus diesem fiktiven Leben, die ihr reales bereichern und gleichzeitig erschließen.

„Er ist nicht verrückt. Er ist tapfer. Er ist wunderbar. Er ist so, wie Frauen fast immer sein müssen: auf einer Insel. Festgesetzt. Eingesperrt. Die einzige Möglichkeit zu überleben ist, zu sagen, dass es Gottes Wille ist.“

Aber auch alle anderen Figuren leben in ihrem Inneren isoliert, obwohl sie äußerlich immer in Gesellschaft sind: Die aufgedonnerte Lady, die sich mit Künstlern umgibt; der reiche Erbe, der an seinen Gefühlen scheitert; die Industriellengattin, die als Jüdin von der Gesellschaft gemieden wird; die Tanten, die nur Gott zum Freund haben und an der Realität zu Grunde gehen; und nicht zuletzt die Großeltern – der Erzdiakon, der nur Gott und seine Steine liebt und seine Frau, die vor Einsamkeit andere Wege geht. Aber sie alle haben eben nicht Robison Crusoe zur Seite wie Polly, die in ihrem Leben immer auf der Insel der Einsamen war und dennoch ihre Art von Glück gefunden hat.

Fazit

Mit Robinsons Tochter hat Jane Gardam eine Lebensgeschichte geschrieben, die nie langweilig  zu lesen ist. Sie ist ausdrucksstark, mit gut eingesetzter Ironie und vielen surrealen Momenten gespickt. Gleichzeitig verlangt sie vom Leser, immer zwischen den Zeilen zu lesen, um Wichtiges, aber nicht Ausgesprochenes nicht zu verpassen. Wer gerne Familienromane liest, sich aber gleichzeitig nicht in die Abgründe der anspruchslos geschriebenen Trivialliteratur begeben will, ist bei Jane Gardam gut aufgehoben.

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Letzte Kommentare:
02.10.2020 15:12:28
Sagota

"Robinsons Tochter" von Jane Gardam ist im Verlag HanserBerlin (HC, 2020) erschienen und wurde (wie die Vorgänger der englischen Autorin) von Isabel Bogdan ins Deutsche übersetzt. Im Original (Crusoes Daughter) erschien der Roman bereits 1985 und ich freute mich sehr auf diesen Roman, da Jane Gardam zu meinen britischen LieblingsautorInnen zählt.

England, 1904:

Polly Flint, Hauptprotagonistin dieses wundervollen Romans, erzählt uns ihr Leben in der Ich-Form, wodurch nach und nach eine besondere Nähe zu den Gefühlen und Gedanken Pollys geschaffen wird und sie dem Leser mehr und mehr ans Herz wächst....
Als 6jähriges Mädchen wird Polly von ihrem Vater, einem Seemann, zu Aunt Mary und Aunt Frances ins "Gelbe Haus", auch Oversands genannt, von Wales aus ins nördliche England gebracht, wo sie fortan (nach vielen Pflegefamilien, ihre Mutter Emma starb, als Polly ein Jahr alt war) leben sollte. Die Tanten sind die älteren Schwestern ihrer Mutter; die weiteren Bewohner sind Charlotte und Mrs. Woods; erstere das Hausmädchen und Mrs. Woods eine alleinstehende ältere Witwe, die Polly in Französisch und etwas Deutsch unterrichten wird. Aunt Mary ist von strengem Wesen; Frances dagegen sanftmütiger und das Leben der frommen Tanten ist nicht gerade auf Kinder zugeschnitten: So gibt es für Polly in dem großen und geheimnisvollen Haus kaum Abwechslung, auch wenn die Tage (und sogar die Wochenenden, samstags wird z.B. grundsätzlich gebeichtet und Sonntag folgen die Kirchgänge) durchgetaktet sind: Sehr interessiert ist Polly jedoch an den in reicher Zahl vorkommenden Bücher im Gelben Haus und liest alles, was ihr in die Hände fällt; einige englische Klassiker wie Jane Austens Romane z.B. Doch ein Buch hat es ihr ganz besonders angetan: Daniel Defoes "Robinson Crusoe".

Im Laufe der Zeit, die sich stellenweise biografisch lesen, wird dieses Buch die "Rettungsinsel" und das Zentrum geistigen Denkens, mentaler Stärke und Kraft für Polly, denn das Leben hält allerlei für sie bereit: Selbst eher Güte als Liebe und Zuneigungsbekundungen von den Tanten erfahren, verliebt sich Polly als 16jährige erstmals in Paul Treece, einem angehenden Dichter Anfang 20, der in "Thwaite", dem Haus eines alten Freundes der Familie, zu Gast ist: Der ältere, wortkarge, aber sehr sympathische Mr. Thwaite hat sie in sein Haus eingeladen, das so anders ist als das "Gelbe Haus"; laut Lady Celia, der Schwester von Mr. Twaithe, weiß man hier nicht, wem man im Flur so über den Weg laufen könnte... Das Haus ist ein Zufluchtsort und Ort der Regeneration, wie es scheint, für (etwas versponnen anmutende) Dichter, Maler und Schriftsteller (und -innen), um die sich Celia sehr liebevoll kümmert. Mr. Thwaite dagegen bleibt eher im Hintergrund, jedoch strahlt er eine "Sanftheit, Zufriedenheit und einen Frieden aus, verbreitet in jedem Raum eine angenehme Atmosphäre" - und spricht stets eher im "Telegrammstil". Diese interessante und überaus sympathische Figur, die am Ende des Romans eine Schlüsselrolle im Leben Pollys zukommen soll, hat mich sehr fasziniert.

So trifft man Menschen, die Polly kennenlernt: Stanley, den armen Jungen, der jeden Mittwoch ins Gelbe Haus kommt und von Charlotte verköstigt wird; die Zeits - eine jüdische Familie mit deutschen Wurzeln, mit denen Polly - sie ist 16 - eine wichtige Freundschaft pflegt und in dessen Sohn Theo sie sich verliebt; der bereits genannte Paul Treece, der ebenso wie Theo Zeit im 1. Weltkrieg zu Felde ziehen müssen. Wir verfolgen die Entwicklung Pollys zu einer jungen, klugen und verletzlichen Frau, die Liebe, Enttäuschung, Verlust, Depression, aber auch wahre Freundschaft erlebt: Alice, die nach Charlotte ins Gelbe Haus als Hausmädchen arbeitet, zieht die selbst etwas "schiffbrüchig" gewordene nun über 30 Jahre alte Polly wieder an Land: Auch in dieser Situation (Polly griff etwas häufig zur Whiskyflasche) und der Wende ist "Robinsons Tochter" ihr wie immer ein literarischer Leuchtturm:

"Denn meine Befreiung lag greifbar vor mir, alles war bereitet, und ein großes Schiff wartete nur darauf, mich hinzubringen, wohin ich wollte". (S. 279)

Die Zeitgeschichte des letzten Jahrhunderts (beide Weltkriege) sind in die Handlung verwoben und ein wichtiger Einschnitt in Pollys Leben, die - selbst nur privat unterrichtet und nie selbst in einer Schule gewesen - Kinder unterrichtete (ihre Mutter Emma war eine wundervolle Lehrerin), geschieht kurz vor Ausbruch des 2. Weltkrieges: In einem Brief aus Deutschland wird Polly gebeten, zwei jüdische Mädchen, die mit einem Flüchtlingszug in London ankommen, abzuholen und sich um sie zu kümmern. So begeben sich der nun 80jährige Mr. Thwaite, Ms. Maitland (seine Haushälterin) und Polly auf die Reise nach London und wieder einmal bin ich fasziniert von dem Empathievermögen des alten Herrn: Während der Zug von Yorkshire Richtung London rollt, überlegt er, wo in Holland der Zug der Kinder jetzt sein könnte....

Eine ganz besondere, wundervoll erzählte, atmosphärisch dichte Lebensgeschichte einer Frau mit allen dramatischen Wendungen, die das Leben für sie bereithalten sollte - von ihrer Kindheit bis ins hohe Alter, die auch gesellschaftliche Veränderungen im England des 20. Jahrhunderts aufzeigt; von feiner Ironie gezeichnet und hier und da mit dem Jane Gardam so eigenen britischen trockenen Humor gewürzt, kann ich diese besondere Reise durch Polly Flints selbstbestimmte Lebenswelt sehr empfehlen. Von mir gibt es daher 4,5 Sterne und einen besonderen Platz (neben den Vorgängern) im Bücherregal!

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