Menschliche Dinge

Erschienen: August 2020

Bibliographische Angaben

- OT: Les Choses humaines

- aus dem Französischen von Maja Ueberle-Pfaff

- HC, 384 Seiten

Couch-Wertung:

80

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Sandra Dickhaus
Eine nahezu perfekte Familie, die in ihren Grundfesten erschüttert wird

Buch-Rezension von Sandra Dickhaus Sep 2020

Ein Roman, der von außen noch nicht viel verrät, eher schlicht gehalten ist; auch der Titel könnte so vieles bedeuten ...

Hinter der einfachen Fassade verbirgt sich ein Vulkan, ein brodelndes Feuer, das immer weiter entfacht wird - und genügend Öl gibt es allemal. Familie Farel hat alles, was sie begehrt - zumindest äußerlich scheint es so: Sie sind schön, reich und erfolgreich - eine nahezu perfekte Familie. Allerdings wird schnell klar, welche Abgründe sich auftun: Das Ehepaar Farel führt seit vielen Jahren ein Doppelleben und der Musterknabe Alexandre hat bereits versucht, sich das Leben zu nehmen. Jean Farel, ein wichtiger Medienmogul, soll einen besonderen Preis erhalten, und dort treffen die drei zum letzten Mal unversehrt zusammen. Es geschieht so einiges: Jean schläft mit der Praktikantin des Senders, Claire hat einen neuen Lebensgefährten und Alexandre besucht eine exzessive, alkoholgeschwängerte Party. Genau nach diesem Abend wird die Polizei auf sie aufmerksam und steht plötzlich vor der Tür. Die Anschuldigung ist enorm: Es liegt eine Anzeige wegen Vergewaltigung vor. Ein aufreibender Prozess muss klären, was an dem Abend eigentlich geschah ...

Gilt ein leises „Nein“?

Ein Roman, den zu beschreiben es aufgrund seiner Vielschichtigkeit nicht einfach ist! Eine Bilderbuchfamilie am Abgrund und die Geschehnisse darum herum machen nachdenklich und wütend. Dabei ist die Frage nach Schuld überhaupt nicht einfach zu klären, da die Umstände und Sichtweisen mehr als komplex sind. Gilt ein leises „Nein“ als Grund, den Geschlechtsverkehr zu beenden? Wie sehr muss sich Frau wehren, damit der Sex als nicht einvernehmlich gilt? All diese Fragen gilt es zu beantworten, und das vermag ein schwieriger Schritt zu sein. Dabei geht es um Macht, Sex, Missbrauch und die Glaubwürdigkeit einer jungen Frau, die angibt, vergewaltigt worden zu sein. Dabei ist es für das Opfer schwer und menschenunwürdig, vor Gericht die Tat noch einmal zu durchleben und dem vermeintlichen Täter, der das Ganze leugnet bzw. als einvernehmlich darstellt, gegenüber zu stehen. Auch die Presse ist dabei ein wichtiger Faktor, die immer wieder neue Dinge ausgräbt und Schuldzuweisungen preisgeben kann. Dabei kreiert die Autorin die Geschichte mit einer einfachen, klaren Sprache und redet nicht um den heißen Brei herum, was ein flüssiges Lesegefühl hinterlässt.

Wer spricht die Wahrheit? Wem kann man glauben?

Zwischendurch hat man das unangenehme Gefühl, dass man sich auf die Seite des mutmaßlichen Täters ziehen lassen könnte. Seine Familie und auch die Öffentlichkeit empfinden ihn eher als Opfer einer Machenschaft, wobei die junge Frau sehr schüchtern und introvertiert wirkt; das ganze Geschehen hat sie sichtbar zermürbt. Die Wahrheitssuche gibt dem Roman die Spannung, die er braucht, und zeichnet Charaktere, denen man in voller Größe nicht gegenüber stehen möchte. Die Autorin beleuchtet hier - ohne selbst wertend einzugreifen - ein hochaktuelles Thema. Man muss sich selbst eine Meinung bilden, und das ist bis zum Ende sehr schwierig. Deutlich wird: Je mehr Macht und Ansehen eine Person hat, desto weniger wird sie als schuldig angesehen; die Menschen zweifeln an ihrer Verantwortlichkeit, ohne jemals hinter die Fassade blicken zu können.

Fazit

Objektiv schildert Karine Tuil das Schicksal einer vergewaltigten Frau, die sich traut, sich zu wehren, aber an einem vorgefertigten Bild der Gesellschaft an ihrer Situation und den prominenten Mitwissern zu scheitern droht. Ein nervenaufreibender Prozess lässt den Leser so manches Mal ratlos oder auch schockiert zurück. Angelehnt an reale Fälle, bildet das Buch ein wichtiges Zeugnis von Macht und Machtlosigkeit ab und erinnert an die Wichtigkeit der MeToo-Debatte.

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Letzte Kommentare:
02.08.2020 07:04:54
miss.mesmerized

Einfluss und Macht, darum geht es im Paris 2016. Jean Farel ist seit Jahrzehnten angesehener Journalist und Moderator der wichtigsten politischen Diskussionssendung im Land. Alle Präsidenten kennt er, alle wichtigen Franzosen hat er interviewt. Seine Frau Claire ist ebenfalls gefragt als Journalistin und Essayistin, dass ihre Ehe schon lange nur noch Show für die Öffentlichkeit ist, ist für beide mit ihren jeweiligen Partnern in Ordnung. Ihr gemeinsamer Sohn Alexandre ist ebenfalls mehr als wohlgeraten: mit besten Noten die Schule abgeschlossen, an der besten Universität Frankreichs angenommen und nun Student in Stanford. Doch der Abend, an dem Jean Farel eine der höchsten Ehren des Landes zuteilwird, wird ihr Leben durcheinanderwirbeln. Am nächsten Morgen steht die Polizei vor der Tür mit einem Durchsuchungsbeschluss, es liegt eine Anzeige vor: Alexandre soll die Tochter von Claires Lebensgefährten brutal vergewaltigt haben.

Karine Tuil greift in ihrem Roman eine reale Begebenheit auf, den sogenannten „Fall Stanford“, der die allseits bekannte Verbindungskultur an den amerikanischen Universitäten mit ihren alkoholreichen Partys und den zahlreichen, meist verschwiegenen, Übergriffen auf oft noch minderjährige Studentinnen über die Landesgrenzen hinaus in den Fokus der Öffentlichkeit brachte. Tuil nähert sich dem eigentlichen Geschehen auf höchst interessante Weise, stehen zunächst Alexandres Eltern im Zentrum der Handlung, immer jedoch auch schon mit Bezug zu dem, was heute unter dem Hashtag #metoo-Debatte subsumiert wird. Facettenreich wird das Thema beleuchtet und der Komplexität dadurch auch im Rahmen von Fiktion durchaus gerecht, weshalb der Roman erwartungsgemäß 2019 gleich für mehrere angesehene französische Literaturpreise nominiert war.

„Menschliche Dinge“ ist ein vielschichtiger Roman, der zahlreiche Diskussionspunkte liefert. Obwohl die Vergewaltigung im Mittelpunkt steht, ist für mich aber die Figur Jean Farel fast noch zentraler. Er ist als Inbegriff des alten, mächtigen Mannes, der in seinem Narzissmus hervorragend skizziert ist. Es vergeht kaum eine Seite, auf der man nicht über ihn den Kopf schütteln muss, sein verächtlicher Umgang mit Frauen, die Paranoia bezüglich seines Aussehens und Ansehens, exzentrisch plant er die Ordensverleihung, sein Parallelleben mit Françoise, seine rücksichtslose Kindererziehung – man weiß gar nicht, wo man anfangen soll. Eine hochinteressante Persönlichkeit hat die Autorin geschaffen, wobei es zahlreiche reale Vorlagen gegeben haben dürfte, man denke nur an Dominique Strauss-Kahn, den Farel an einer Stelle bewundert. Aber es gibt auch einen Bruch, der sich in seiner Langzeit-Geliebten zeigt: als Françoises Demenz immer weiter voranschreitet, verlässt er sie nicht, sondern behandelt sie liebevoll und zärtlich, fast besser als zuvor.

Auch Claire ist als Gegenpart spannend geraten, beginnt ihre Geschichte mit dem Monica Lewinsky Skandal und wird sie später durchaus als Vertreterin des Feminismus präsentiert. Sie gerät in das ganz persönliche Dilemma zwischen ihren Ansichten als öffentliche Frau und ihrem Sohn als Beschuldigtem. Dieses lässt sich nicht auflösen und sie ist es letztlich, die die ganz große Verliererin ist. Immer wieder hat sie wie viele erfolgreiche Frauen Sexismus und übergriffiges Verhalten schweigend ertragen, um ihre Karriere nicht zu gefährden und weil sie wusste, dass dies nun einmal der Preis ist, den sie als Frau dafür zu zahlen hat. Am Ende hat sie alles verloren, während ihr Mann immer noch in die Kameras lächelt.

„Ihr ganzes Leben lang hatte ihr Handeln im Widerspruch zu den Werten gestanden, zu denen sie sich öffentlich bekannte. Auch das war Gewalt: die Lüge, das verfälschte Bild des eigenen Lebens. Die Verleugnung. Der Weg, den sie abseits der Realität eingeschlagen hatte, um diese ertragen zu können.“

Den Großteil der Handlung nehmen die Ermittlungen und der Prozess ein. Zwei sich widersprechende Aussagen, die beide wahr und falsch sein können. Gewinner gibt es hier keine, Alexandre ist seelisch gebrochen hat sein Studium und seine Berufsaussichten aufgeben müssen. Mila ist psychisch gezeichnet von den Erlebnissen und fern davon, in so etwas wie Normalität zurückkehren zu können. Es bleiben Zweifel an beiden Darstellungen, was ich von Karine Tuil sehr gelungen finde, denn genau hier liegt oftmals die Krux: Selbst- und Fremdwahrnehmung können voneinander abweichen, die gleiche Situation unterschiedlich beurteilt werden. Das darf kein Freibrief für Gewalt sein, aber ebenso wenig für spätere Anklagen aus Scham vor dem eigenen Handeln. Die Nicht-Auflösung wird dem Konflikt daher mehr als gerecht.

Noch viel mehr ließe sich sagen zu diesem herausragenden Roman, der neben den Figuren und komplexen Problematik auch durch eine pointierte Sprache überzeugt. Für mich ein Lesehighlight in jeder Hinsicht.

Film & Kino:
The Crown - Staffel 3

Die Queen in ihrer vordergründig repräsentativen Rolle ist eine zeitgeschichtliche Ikone, sodass der Erfolg der seit 2016 bei Netflix laufenden Serie „The Crown“ nicht verwundert. Die dritte Staffel markiert allerdings einen Umbruch: Die Royal Family ist in den 60er-Jahren angekommen und viele Rollen werden neu besetzt, da auch die Blaublüter nicht vor dem Altern gefeit sind. Titel-Motiv: © Des Willie / Netflix

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