Erschienen: August 2020

Bibliographische Angaben

- aus dem Englischen von Peter Groth

- TB, 400 Seiten

Couch-Wertung:

76

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Yannic Niehr
Allein am Rand der Welt

Buch-Rezension von Yannic Niehr Nov 2020

Sweetland: Der leicht irreführende Name einer zerklüfteten kleinen Insel vor der Küste Neufundlands. Gleichzeitig auch der Nachname des alten Moses, nach dessen Vorfahren das Eiland benannt sein soll und der fast sein gesamtes Leben dort zugebracht hat. Der einst von ihm betriebene Leuchtturm ist nur noch ein Relikt der Vergangenheit. Hier gibt es nicht mehr viel, für niemanden, und doch nennt man es Heimat. Bald allerdings soll es damit vorbei sein, denn eine Umsiedlung aufs Festland steht an. Die Regierung bietet jedem Anwohner ein großzügiges Geldpaket als Starthilfe. Sweetland ist einer der letzten, die sich beharrlich weigern. Wozu auf seine alten Tage noch diese große Veränderung, wo er und die Insel doch schon immer zusammengehört haben? Zudem ist seine letzte größere Festlanderfahrung nicht gerade positiv verlaufen, denn ein Arbeitsunfall hat ihn einst übel entstellt. Von seinen vielen seelischen Narben ganz zu schweigen. Seine Sturheit ist jedoch manchem Nachbarn zuwider, und bald wird Sweetland Opfer von anonymen Gesten der Drohung. Davon lässt er sich aber nicht aus der Ruhe bringen.

Sweetland verbringt seine Tage mit Fischen, Holzhacken und der Kaninchenjagd im Umkreis seiner kleinen Hütte. Ab und an jedoch lässt er sich auch zu einem Plausch mit einem der anderen Bewohner hinreißen, von denen jeder so seine Meinung hat: die eigenbrötlerische Jugendromanze Queenie, der alte Loveless, die vergnügungssüchtigen Priddle-Zwillinge – das sind nur einige dieser Charakterköpfe. Eine besondere Verbindung hat er jedoch vor allem zu seinem autistischen Großneffen Jesse. Viele Ansässige sind wie Sweetland Urgesteine mit einer individuellen Verbindung zur Insel; und doch knicken sie nach und nach ein. So scheint sich auch Sweetland langsam zu einer anderen Entscheidung durchzuringen. Dann jedoch schlägt mal wieder das Schicksal zu, und der alte Mann bleibt. Nun ist er ganz allein …

„Die Insel war bucklig und karg und einsam“

Mit Sweetland bringt der kanadische Autor Michael Crummey seiner Leserschaft einen ganz besonderen Ort näher: rauh, roh, vielleicht ein wenig rückschrittlich und unwirtlich, aber mit einem Herzen aus Gold – ganz so wie sein namensgebender, störrischer letzter Bewohner. Ausschließlich durch Moses Sweetlands‘ Augen sehen wir diese Insel und ihre Menschen, die Bucht, das Meer – alles plastisch und authentisch. Ins Auge fällt vor allem die symmetrische Struktur des Romans: 7 Kapitel führen zu einem einschneidenden, tragischen Ereignis ziemlich genau in der Mitte des Buches, woraufhin sich weitere 7 Kapitel anschließen, die Sweetlands Erlebnisse schildern, nachdem er als einziger auf der Insel verblieben ist, was schließlich seine geistige Gesundheit ins Wanken bringt.

„Am Ende war so ein Leben eigentlich gar keine so gottverdammt große Sache, dachte er“

Immer wieder eingeschoben werden Rückblenden in die Vergangenheit, die sich durch fehlende Anführungszeichen in der wörtlichen Rede vom gegenwärtigen Geschehen abheben. Anfangs schildern sie vor allem Sweetlands gute Tat, als er einst mit seinem kleinen Boot schiffbrüchige Flüchtlinge rettete (inspiriert von einer wahren Begebenheit). Besonders in der zweiten Hälfte, als die Einsamkeit bereits an Sweetlands Psyche nagt, werden diese Einschübe jedoch zunehmend konfuser und die Verschränkung der Zeitebenen unübersichtlicher. So erfahren wir vom furchtbaren Tod von Sweetlands Bruder, von seinen kaum nennenswerten romantischen Beziehungen, von seinem grotesken Unfall, von seiner Familiengeschichte und von seiner Kindheit. Wir lernen Sweetland besser verstehen – die Insel und den Mann – und erkennen ein Leben voller Wünsche, Träume, Hoffnungen, aber auch voller Bitterkeit, Reue und Verzweiflung. Erfrischenderweise drückt Crummey nicht melodramatisch auf die Tränendrüse, sondern nutzt eine stilsichere Sprache pragmatischer Abgeklärtheit. Dank der ordentlichen Portion nüchternen Galgenhumors, welche die ruppige alte Hauptfigur an den Tag legt, wird man so abwechselnd zum Lachen, zum Weinen und zum Nachdenken angeregt.

Fazit

Sweetland ist ein tragikomischer, zutiefst menschlicher Nachruf auf die verlassenen und vergessenen Fleckchen Erde, die vom Fortschritt eingeholt und abgehängt werden. Gleichzeitig handelt das Buch jedoch auch davon, was es bedeutet, sich im Angesicht der Vergänglichkeit die Selbstbestimmung über das eigene Leben zu erhalten. Eine berührende und interessante Lektüre für melancholische Winterabende!

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Letzte Kommentare:
17.11.2020 19:52:31
Paul Kien

Ich habe das Buch auch gelesen und bin schnell in eine andere Welt versunken. Man lebt mit Sweetland und versteht diesen Einzelgänger, leidet mit ihm und freut sich wie er. Es ist eines der seltenen Bücher, die wirklich ein tieferes Verständnis ermöglichen, ein Abtauchen aus dem Hier und Jetzt und man erwacht am Schluss wie aus einem langen Traum. Unglaublich!

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