Unter ihren Augen

Erschienen: März 2020

Bibliographische Angaben

- TB, 416 Seiten

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Yannic Niehr
Alles eine Frage der Haltung … ?

Buch-Rezension von Yannic Niehr Jul 2020

Lieselotte Daube kann es nicht glauben: Hochgekämpft hat sie sich aus einfachsten Verhältnissen im Hannover der 20er Jahre; jetzt hat es das Arbeiterkind mit dem eisernen Willen zu einer der besten Schülerinnen an der Habenicht-Schule für Bewegungslehre gebracht. Sogar Schulleiterin Berta Habenicht, deren strengem Blick nichts entgeht, hat ein Auge auf sie geworfen. Vielleicht sogar auf mehr als eine Art und Weise? Immer wieder gerät Lotte mit Gefühlen in Konflikt, die sie sich selbst nicht eingestehen will. Als sie eines Tages allen Mut zusammennimmt und Berta gesteht, was sie wirklich empfindet, weist diese sie jedoch ab: Zwar hat sie Lottes Talent erkannt und möchte sie fördern und protegieren, mehr jedoch nicht. Es kommt zum Bruch.

Jahre später ist Lotte ihrer damaligen Lehrerin entwachsen: Sie hat sich die Theorien des berühmten Laban angeeignet und führt erfolgreich eine eigene Tanzschule. Unterstützt wird sie dabei von ihrem Ehemann Erwin; ihr Interesse am gleichen Geschlecht hält sie so konsequent unter Verschluss, dass sie sogar sich selbst erfolgreich etwas vormachen kann. Trotzdem kann sie ihrem Innenleben nie ganz davonlaufen und sieht sich stets aufs Neue mit schwierigen Fragen diesbezüglich konfrontiert. Auch fühlt sie durchaus einen gewissen Neid auf diejenigen Frauen, die ihre Neigungen frei ausleben. So ist die Beziehung zwischen Berta und ihrer Kollegin Dorothea Bragge – haben auch beide ihre Alibi-Männer – schon seit Lottes Zeiten als Schülerin an der Habenicht-Schule eine Art offenes Geheimnis. Aufgrund ihrer Berufswahl kreuzen sich die Wege von Lotte und Berta notgedrungen immer wieder, sodass sich ihr Verhältnis mehr und mehr zu einem perfiden Machtkampf entwickelt. Doch alles droht sich zu verändern, als sich ein braunes Lauffeuer in Deutschland ausbreitet…

„Aber es war in ihrem Blut…“

Dorit Davids Roman spannt sich über die 20er und 30er Jahre und beleuchtet dabei den Mikrokosmos der Tanzschulen. Ihr Stil hat eine unverwechselbare Qualität und bedient sich einer manchmal schnoddrigen Direktheit, die sehr gekonnt die alte Zeit aufleben lässt und der Leserschaft das Gefühl gibt, die damalige Hannoveraner Luft mit den Figuren gemeinsam zu atmen. Wie im Nachwort anklingt, hat die Autorin sich von wahren Begebenheiten inspirieren lassen. Bemerkenswert ist die dabei herausgekommene thematische Vielseitigkeit: Das Buch ist sowohl ein historischer Gesellschaftsroman als auch eine eine einfühlsam-eindringliche Charakterstudie und nicht zuletzt ein packendes Eifersuchtsdrama. Immer weiter spitzen sich die Intrigen zwischen Lotte und Berta zu, bis das emotionale Chaos, das diese beiden ganz besonderen Frauen (die so unterschiedlich und einander doch so ähnlich sind) aneinander kettet, im Hexenkessel der Umstände außer Kontrolle gerät.

„Du hättest dich nicht anlegen sollen mit einer, die du selber stark gemacht hast…“

Der Konkurrenzkampf zwischen Lotte und Berta bildet über weite Strecken das Herzstück des Buches – bis das nationalsozialistische Gedankengut an Zulauf gewinnt und die Welt der Figuren auf den Kopf stellt. Die Charaktere (und das gilt für Hauptfiguren wie für das schillernde Nebenensemble gleichermaßen) werden dabei immer vielschichtig und nuanciert gezeichnet, doch auch die Beschreibung der politischen Veränderungen gelingt Dorit David außergewöhnlich gut: nämlich als schleichender Prozess, dem viele erst Bedeutung beimessen, als es bereits zu spät ist. Das macht regelrecht betroffen, liest sich aber auch passagenweise fast so spannend wie ein Politthriller. Das Katz-und-Maus-Spiel zwischen den beiden Protagonistinnen steht dem aber in nichts nach. David gelingt es, ihre Themen geschickt und glaubhaft zu verbinden, und das beinahe gänzlich ohne Holzhammer. Sie beleuchtet gesellschaftliche Einstellungen zur Homosexualität ebenso intelligent wie das Leben im damaligen Künstlermilieu. Außerdem kommt ihr ihr professioneller Hintergrund als Dozentin für Bewegungstheater spürbar zugute: Gerade die Sequenzen, welche tatsächlich von Tanz und Bewegung handeln, sprühen förmlich von berauschender Dynamik.

Fazit

Unter ihren Augen geht unter die Haut. Über gelegentliche literarische Unbeholfenheiten und den einen oder anderen Tippfehler, der sich durchmogeln konnte, mag man dabei getrost hinwegsehen, denn die Geschichte ist sprachlich und vor allem inhaltlich einnehmend, hat sie doch einiges zu sagen über weibliche Selbstbestimmung. Aber auch darüber, was Menschen sich selbst und einander antun können – aus politischen wie persönlichen Motiven. Ein derart relevantes und gleichzeitig unterhaltsames Buch sollte man sich nicht entgehen lassen!

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