Der Garten meiner Mutter

Erschienen: Mai 2020

Bibliographische Angaben

- OT: All the Lives we never lived

- aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence

- HC, 416 Seiten

Couch-Wertung:

70

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Carola Krauße-Reim
Oh, so viele mögliche Leben...

Buch-Rezension von Carola Krauße-Reim Jul 2020

Myshkin wächst in einem kleinen Ort am Rande des Himalaya auf. Es sind die 30er Jahre in Indien: das Land strebt nach Unabhängigkeit, will sich von der Kolonialherrschaft der Briten befreien, während in Europa Nationalsozialisten an die Macht kommen. Inderinnen wie Myshkins Mutter Gayatri unterliegen der strengen Tradition, dass Frauen für Haus und Familie zuständig sind und sich ansonsten unauffällig zu verhalten haben. Doch Gayatri ist anders: Mit einem kunst- und literaturbegeisterten Vater gesegnet, strebte sie das Studium des indischen Tanzes und der Malerei an. Doch der Vater stirbt früh und Gay muss innerhalb weniger Wochen nach seinem Tod einen für sie ausgesuchten Mann heiraten. Fortan ist sie Hausfrau und Mutter, malt nur noch wenig und tanzt gar nicht mehr. Als sie den deutschen Künstler Walter Spieß kennenlernt, bricht sie aus ihrem Leben aus und geht mit ihm nach Bali - zurück bleibt der kleine Myshkin…

Myshkin lässt sein Leben Revue passieren

Fast 60 Jahre sind seit Gays Flucht vergangen. Jetzt, 1992, schreibt der inzwischen alte Myshkin die Geschichte seines Lebens auf, um zu verstehen, was seine Mutter veranlasste, ihn allein mit seinem Vater und Großvater zurückzulassen. Heraus kommt ein Tagebuch, dessen zentrales Thema die Freiheit ist. Gay wächst für indische Verhältnisse ungewöhnlich auf: Ihr Vater erkennt ihr künstlerisches Talent und fördert es, doch in ihrer erzwungenen Ehe wird sie eingeschränkt und verliert ihren Lebensmut. Sie verkümmert immer mehr, fühlt sich taub und unverstanden. Ihr Mann Nek, Dozent an einer Universität, hält sich für einen toleranten Ehemann, lässt Gay aber nur die Freiheiten, die er für angemessen hält - und dazu gehören die Interessen, die seine Frau ausleben will, eindeutig nicht! Gay leidet: „Ich habe nie jemanden gehören sollen, ich musste immer frei sein, ein Vagabund, ein Zigeuner.“ Doch sie fügt sich in ihr Schicksal, und sie liebt ihren Sohn, obwohl sie durch ihn noch mehr auf die Rolle der Hausfrau und Mutter reduziert wird: „Myshkin. Myshkin. Als ob nichts anderes wichtig wäre. Als ob die Welt ihre Bedeutung verloren hätte, nachdem er geboren wurde.“ Durch ihren Weggang aus Indien holt sie sich ein Stück der erhofften Freiheit zurück, nimmt aber gleichzeitig ihrem Sohn die Möglichkeit, in einer halbwegs intakten Familie aufzuwachsen, denn ihm fehlt jetzt nicht nur die Mutter, sondern auch ein fürsorglicher Vater. Nek sind seine Selbstverwirklichung und der Freiheitskampf Ghandis wichtiger als die blutende Seele seines Sohnes. Lediglich der Großvater sieht das Leid des Kindes und nimmt sich seiner an. So wächst Myshkin in einer Scheinfreiheit auf, die immer von der Frage dominiert wird, warum die Mutter ihn verließ. Erst Briefe, die Myshkin 1992 erhält, geben Einblicke in das Leben der Mutter auf Bali und zeigen das ganze Ausmaß ihres Leids…

Eine spannende Mischung aus Fiktion und Geschichte

Anuradha Roy ist eine herausragende Stimme der indischen Gegenwartsliteratur. Ihre Romane erhielten bereits zahlreiche Nominierungen und Auszeichnungen. Der Garten meiner Mutter kam auf die Shortlist des JCB Fiction Prize 2018 und des Hindu Literary Prize 2019, wurde für den Walter Scott Prize for Historical Fiction 2018 nominiert und gewann den Tata Book of the Year Award for Fiction 2018. Darin mischt die Autorin historische Personen, die Geschichte Indiens und Fiktion zu einem „zeitgeschichtlichen Panorama“ eines Staates, aber auch einer Familie. Der deutsche Maler Walter Spieß lebte lange auf Bali, die Tänzerin Beryl de Zoete gab es wirklich und den gewaltlosen Kampf der Inder gegen die britische Kolonialherrschaft natürlich auch. Die Mischung aus Realität und Fantasie macht die Magie dieses Buches aus - aber es verlangt dem Leser auch viel Geduld ab. Es dauert lange, bis man sich an den sehr ausführlichen und langatmigen Stil der Autorin gewöhnt hat. Roy erzählt sehr eindrücklich und ausdrucksstark, lässt ihre Protagonisten zu unverwechselbaren Charakteren werden, aber manche Passagen sind so ausschweifend, dass man fast die Lust auf den Rest der Geschichte verliert. Hat man sich aber einmal daran gewöhnt, dass manchmal auch die kleinste Kleinigkeit Erwähnung findet, wird die Handlung fesselnd und spannend, und die mehr als 400 Seiten sind dann doch schnell gelesen. Leider haben sich aber einige wenige Fehler eingeschlichen, die allerdings mehr verwundern als stören: so wird das kambodschanische Angkor Wat als Tempel Balis bezeichnet oder eine Stofftasche hat einen Besitzer, den sie eigentlich nicht haben kann.

Fazit

Anuradha Roy verlangt mit ihrem ausführlichen Stil und ihrer nicht immer linearen Geschichte Durchhaltevermögen vom Leser. Der Garten meiner Mutter ist eine Familiengeschichte, die den Leser in das Indien der 30er Jahre entführt und ihn gleichzeitig über den Begriff der Freiheit – und ihrer Grenzen – nachdenken lässt. Aus diesem Grund wäre eine wörtliche Übersetzung des Originaltitels All the Lives we never Lived wesentlich passender gewesen.

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