Das wirkliche Leben

Erschienen: April 2020

Bibliographische Angaben

- OT: La vraie Vie

- aus dem Französischen von Sina de Malafosse

- HC, 240 Seiten

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Sandra Dickhaus
Ein gemütliches Reihenhaus, eine vierköpfige Familie: so könnte Harmonie aussehen … Mitnichten!

Buch-Rezension von Sandra Dickhaus Jun 2020

Eine Familie: Vater, Mutter, zwei Kinder, und alles könnte so harmonisch sein. Doch das Gegenteil ist der Fall: In einem am Waldrand gelegenen Reihenhaus erlebt man alles andere als ein sorgenfreies Leben - denn hinter der hübschen Fassade ist es dunkel und bedrohlich. Die Mutter, unscheinbar und das willkommene Opfer, versucht noch nicht einmal, den Kindern eine schöne Kindheit zu bescheren. Sie ist viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Der Vater trinkt zu viel, schaut gerne fern und liebt die Jagd. Zuhause ist seine Familie nämlich seine Beute. In solch einer Atmosphäre aufzuwachsen ist nicht einfach. Das Mädchen, das die Geschehnisse aus der Ich-Perspektive schildert, versucht alles, um zumindest ihren kleinen Bruder Gilles vor dem Schlimmsten zu bewahren. Am Tag spielt sie mit ihm auf dem Autofriedhof und am Abend begleitet sie ihn zum Eiswagen, der mit dem „Blumenwalzer“ sein Kommen ankündigt. Doch auch dieses Stück Unbeschwertheit wird ihnen durch eine schreckliche Tragödie genommen…

Das Monster unter dem eigenen Dach

Seit dem besagten Vorfall ist nichts mehr wie es war. Der kleine Gilles, noch 7 Jahre alt, erwähnt das Erlebte mit keiner Silbe und auch die Eltern tun, als sei nichts passiert. Doch der Ich-Erzählerin fällt auf, dass sich ihr Bruder immer mehr verändert, und das nicht zum Guten: „Das Monster, das unter unserem Dach haust“, hat sich Zugang zu Gilles Gemüt verschafft. Den Eltern scheint es nicht aufzufallen, doch die Gewalt ist allgegenwärtig, körperlich wie psychisch. Man möchte die Mutter am liebsten schütteln und aus ihrer Lethargie reißen – doch es gelingt nur ein tatenloses Zuschauen.

Ein düsteres Geheimnis

Gilles beginnt Tiere zu quälen und zu töten: seine eigenen Haustiere, die geliebten Ziegen seiner Mutter und die Katzen der Nachbarschaft. Seine Schwester weiß all dies, doch sie bewahrt sein düsteres Geheimnis für sich, trägt es alleine mit sich herum und liebt ihren Bruder dennoch bedingungslos. Im Laufe der Erzählung wechselt sie von der Grundschule aufs Gymnasium, zeichnet sich dort mit Wissbegierde und außerordentlicher Intelligenz aus und darf sich mit einem Professor für Physik zu zusätzlichen Unterrichtsstunden treffen. Genau dies wird ihr heißersehnter Zufluchtsort der eigenen Veränderung. Hierin unterscheidet sich ihr Lebensweg von dem ihres gescheiterten Bruders: Gilles wird nicht versetzt, er tötet die Tiere nun immer brutaler und blutiger und zieht sich mehr und mehr zurück. Im Gegensatz zu seiner Schwester fehlt die kraftschöpfende Oase außer Haus.

Nun wird der Vater wieder ein wesentlicher Teil des Geschehens: Er hat sich ein neues Spiel ausgedacht, an dem seine vier Freunde teilnehmen: Sie sollen seine Tochter durch den Wald jagen. Und ab diesem Zeitpunkt bemerkt diese, dass sie niemals sicher sein wird vor den dunklen Wolken des Wahnsinns, die über ihrer Familie schweben.

Im Sog der Ereignisse – ein Weglegen kaum möglich

Ein Roman, der ein Weglegen nicht zulässt – einmal begonnen, will man immer weiterlesen. Das Geschehen wird aus der Sicht der Ich-Erzählerin beschrieben und sehr reflektiert analysiert, obwohl sie kaum elf Jahre alt sein kann. Der Erzählstil ist nüchtern, die Ereignisse sprechen für sich und brauchen keine großen Ausschmückungen. Der Satzbau ist recht einfach gehalten und lässt Luft für den Inhalt; lange, verschachtelte Sätze würden nur ablenken. Jegliche Veränderung im Verhalten der Familienmitglieder kann mitempfunden werden und man schaut mal mit Abscheu, mal mit Mitleid oder auch mit Verständnis auf all die Gegebenheiten, die sich einem empathischen Menschen teils völlig entziehen.      

Bemerkenswert ist auch die Protagonistin, die trotz aller Widrigkeiten immer ihre Selbstachtung und innere Stärke behält. Ihr gelingt es, sich von alldem abzugrenzen, auch wenn sie sich mittendrin befindet. Sie geht unbeirrt ihren eigenen Weg, durchschaut das Verhalten ihrer Eltern recht schnell und fällt gnadenlose Urteile. So schildert sie ihren Vater als „Koloss“ und ihre Mutter als einen Menschen, dessen Hauptfunktion es ist, das Essen zuzubereiten. Auch ihre kompromisslose Liebe und Loyalität zum kleinen Bruder, der sich in die absolut falsche Richtung entwickelt, beweisen, was sie für einen nicht zu brechenden Charakter besitzt – und das muss sie auch, sonst würde der gesamte Erzählstrang implodieren. Eine Erzählerin, die gefühlsduselig schildert, würde dem Leser das Einmalige an diesem Plot stehlen. So gerät man gerade deshalb in den Sog des Geschehens.

Fazit

Ein Roman, der nicht zu Unrecht in Frankreich ein großer Erfolg war und mit 14 Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Vielleicht liegt es daran, dass Adeline Dieudonné keine typische Autorin ist – sondern von Beruf Dramaturgin und Theaterschauspielerin. So gelingt es ihr optimal, dass man, egal wie nüchtern erzählt wird, immer mitfühlen und mitdenken kann. Nie wird man in eine bestimmte Ecke gedrängt; eine eigene Interpretation der Ereignisse und das Überlegen, wie man selbst in gewissen Situationen gehandelt hätte, scheinen gewollt. Ihr Debüt macht Lust auf mehr!

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