Was dann nachher so schön fliegt

  • KiWi
  • Erschienen: Mai 2020

- TB, 368 Seiten

Was dann nachher so schön fliegt
Was dann nachher so schön fliegt
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Kirsten Kohlbrei
88

Belletristik-Couch Rezension von Kirsten Kohlbrei Feb 2022

Stimmiges Szenario vor authentischer Kulisse

Mitte der achtziger Jahre, Bochum, im Herzen des Ruhrgebiets. Der zwanzigjährige Volker Winterberg hat sein Abi in der Tasche und leistet seinen Wehrersatzdienst in einem Altenheim. Mit dem Versuch, den Bewohnern würdevoll zu begegnen und sie sinnvoll zu beschäftigen, macht sich der Zivi beim hauptberuflichen Pflegepersonal zutiefst unbeliebt. Abgestumpft von der täglichen Routine unter Zeitdruck, sind die Heiminsassen für die Festangestellten oft nur noch Objekte, die es mit geringstem Aufwand schnellstmöglich zu füttern und zu säubern gilt. Mit einem, von Anweisungen und Dienstplänen reglementierten Tagesablauf, nun zum arbeitenden Teil der Bevölkerung zu gehören, ist für Volker neu und wird von ihm letztlich auch nur als unvermeidliche Übergangslösung wahrgenommen.

Traumjob Schriftsteller

Denn eigentlich sieht er sich auf dem Weg in ein Dichterdasein. Die Lyrik ist sein Metier. Dort möchte er „ein richtiger Schwerstarbeiter der Literatur werden, so wie Peter Rühmkorf“ oder die Angehörigen der Gruppe 47 und arbeitet akribisch an seinen Gedichten. Und nicht ohne Erfolg. Als er sich bei der Ausschreibung eines Wettbewerbs für Nachwuchsautoren beteiligt, wird er ausgewählt und für einige Tage nach Berlin eingeladen. Bei seinen Streifzügen durch die Stadt trifft er auf lebendige Spuren literarischer Vergangenheit. Gleichzeitig findet sich Volker plötzlich mitten im aktuellen Literaturgeschehen wieder. Auf der Tagesordnung stehen Workshops, Lesungen oder Veranstaltungen mit politischen Vertretern. Dazu das erste Radiointerview. Unter der Wucht der Eindrücke und dem Feedback auf seine Texte bleibt die Auseinandersetzung mit dem eigenen Schreiben und dem persönlichen Rollenverständnis nicht aus. Vor allem die Bekanntschaft mit dem extrovertierten Schriftstellerkollegen Thomas vermittelt ihm eine Idee von Schein und Sein in der literarischen Öffentlichkeit. Außerdem ist da noch Katja, die Germanistikstudentin, die den Shuttlebus für die Newcomer fährt. Nach einer gemeinsamen Nacht im Hotel, sind die Gefühle zueinander unklar und als Volker abreist, verbleibt die aufkommende Beziehung in einer Art Schwebezustand.

Leidenschaft als Broterwerb

Zurück in Bochum erwartet ihn sein wenig glamouröser Alltag mit anstrengenden Diensten im Pflegeheim, Sauftouren im Freundeskreis und der eher überschaubaren Literaturszene des Ruhrgebiets. Aus Berlin schreibt Katja lange Briefe, die bei Volker jedoch keine wirklich tiefen Gefühle wecken und mehr pflichtgemäß oberflächlich beantwortet werden. Die verlockende Vorstellung in Berlin seine Dichterambitionen effektiver umsetzen zu können, lässt ihn Katjas Einladung, sobald seine Zivizeit beendet ist, zu ihr zu kommen trotzdem annehmen.

Volkers Aufbruch in ein neues Leben gestaltet sich letztlich dann aber doch ganz anders.

Autor Hilmar Klute, Jahrgang 1967, stammt selbst aus Bochum, gut möglich also, dass in seiner Hauptfigur Volker viel vom jungen Hilmar steckt. In jedem Fall fängt er die Stimmung der 80er Jahre sehr gekonnt ein, ebenso gelingt es ihm, die Handlungsschauplätze authentisch abzubilden. Sei es die Darstellung des Ruhrgebiets ohne Abdriften in typische „Pott“-Klischees oder die Beschreibung Berlins mitten in der Zone gelegen, geteilt von einer Mauer, deren Fall noch Zukunftsmusik ist. Bei Lesern seiner Generation punktet der Wiedererkennungseffekt, etwa durch Kneipen, die selbst frequentiert wurden oder Reminder an längst überholte Ladenöffnungszeiten, mit einem einzigen verkaufsoffenen Samstag im Monat.

Virtuos aufs Papier gebracht

Klute fächert seinen Text in mehrere Ebenen. In Echtzeit beschreibt er Volkers Erlebnisse in der Gegenwart, etwa Situationen im Altenheim oder den Berlinaufenthalt. In Rückblenden erfährt der Leser mehr über Geschehnisse im Vorfeld, über Stationen, die ihn zu dieser Lebenswirklichkeit gebracht haben. Dabei wird greifbar, wie richtungsweisend und sinngebend die Literatur für Volkers Leben ist, wie sehr sie sein Handeln und Wahrnehmen wechselseitig bestimmt. Dieser Leidenschaft zollt eine weitere, imaginäre Ebene Tribut, die die Gruppe 47 lebendig werden lässt. Indem Volker sich fiktive Begebenheiten zu deren Zusammenkünften überlegt und sich Begegnungen mit den teilnehmenden Autoren ausmalt. Parallel zu den Anstößen, die er dabei von seinen Dichteridolen erhält, sucht er als Debütant auch in der Realität die inspirierende Nähe und den Rat der erfahrenden Zunftkollegen. in der Heimat ebenso wie in Berlin, wenn er etwa mit Heiner Müller an der Bar der Akademie für Künste ins Gespräch kommt. Aus dem Antwortenkonglomerat kann Volker letztlich seinen persönlichen Weg nur selbst herausfiltern. Auf dessen ernsthaft ambitionierter Suche begleitet man den weltoffenen und in keiner Weise im Elfenbeinturm verharrenden jungen Dichter.

Wobei sein innerliches Brennen für die Literatur und das geschriebene Wort durch Hilmar Klutes von Sorgfalt und Wertschätzung für die Sprache geprägtes Schreiben nachdrücklich äußere Gestalt bekommt.  

Fazit

Hilmar Klutes Buch ist ein Coming-of-Age-Roman besonderer Art, der nicht nur von der Literatur als Lebensinhalt erzählt, sondern gleich auch den Beweis für deren wunderbaren Reichtum liefert. Dazu ein unterhaltsamer Ausflug in die deutsche Nachkriegsliteratur. Also genau eins jener Werke, die mit viel Nestwärme vom Autor bedacht, nachher so schön fliegen. 

Was dann nachher so schön fliegt

Hilmar Klute, KiWi

Was dann nachher so schön fliegt

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