Die beste Depression der Welt

Erschienen: März 2020

Bibliographische Angaben

- HC, 320 Seiten

Couch-Wertung:

87

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Yannic Niehr
Vielleicht ist für mich Überleben generell ein belastetes Thema

Buch-Rezension von Yannic Niehr Apr 2020

Alles nur wegen eines verdammten Blogeintrages… Nachdem Vera im Internet über ihren Suizidversuch berichtete und damit zu zweifelhaftem Ruhm gelangt ist, tritt ein großer Verlag an sie heran mit der Idee, sie könne doch einen Ratgeber zum Umgang mit Depressionen schreiben. Eine großzügige Vorauszahlung winkt ebenfalls – wie hätte sie da Nein sagen können? Das Problem ist nur: wird man fast jeden Tag in einen Strudel aus Prokrastination, Antriebslosigkeit, Überdruss, Selbstvorwürfen und Wertlosigkeit gerissen und stellt schon das Duschen ein fast unbezwingbares Hindernis dar, ist das tatsächliche Schreiben eines Buches ein praktisch unmögliches Unterfangen. Zum Glück gibt es ja viel, mit dem man sich ablenken kann: Besuche der besten Freundin Pony, die selbst Erfahrungen mit Depressionen hat und ein wenig Verständnis aufbringen kann; grübelnde Beschäftigungen mit den Verletzungen der Vergangenheit; Verreisen, Meditieren, Lachyoga, Schamanismus; und natürlich viel Gelegenheitssex. Doch wird Vera irgendwo die Inspiration finden, die sie sucht?

„Mein sexy Weg aus der Depression!

Schritt 1: Besorg dir Kokain

Schritt 2: Sex

Schritt 3: siehe Schritt 1“

Helene Bockhorst ist bereits seit einigen Jahren als Stand-Up-Comedienne unterwegs. Mit Die beste Depression der Welt hat sie ihr Romandebut vorgelegt – und das ist äußerst gelungen! Psychische Erkrankungen (besonders solche, die man nicht so leicht als etwas abtun kann, was nur „irgendwelche total Verrückten in der Geschlossenen“ bekämen) sind auch heute noch ein gesellschaftliches Tabu. Mit ihrem Buch trägt Bockhorst nicht nur mit dazu bei, dass dieser Diskurs sich langsam etwas auflockert, sondern schafft es sogar, ihren leisen, trockenen Humor in diese Seiten fließen zu lassen.  Ob sie sich nun daran versucht, Bäume zu umarmen, einen Kampffisch zu pflegen oder einfach nur trübsinnig im Bett liegt, außerstande, einen wichtigen Anruf zu tätigen – für all diese Situationen hat Bockhorst ihrer Hauptfigur Vera ein paar witzige Sprüche in den Kopf gelegt. Denn solange sie es noch schafft, über die Absurdität zu lachen, sich trotz bestem Willen zu nichts aufraffen zu können und deswegen schlecht zu fühlen, haben die düstersten Gedanken noch nicht endgültig die Oberhand über sie gewonnen.  

„Es ist okay, grundlos depressiv zu sein, auch wenn der fehlende Grund einen sicherlich etwas runterziehen kann“

Humor ist das beste Werkzeug, um gerade ernsten Themen offen und ehrlich zu begegnen. Tatsächlich ist dies aber nicht einfach nur ein urkomisches Buch, sondern ist auch die Protagonistin sehr einfühlsam gezeichnet. Authentisch taucht der Leser ein in einen Verstand, von dem die Welt der Meinung ist, er würde nicht so funktionieren, wie er sollte (die Sprunghaftigkeit der Kapitel und von Veras Gedankengängen bilden diesen Eindruck sehr ansprechend nach). Das wird immer wieder überraschend tiefgründig und emotional. Denn auf ihrer Suche nach der Motivation probiert Vera zwar so einiges aus, was helfen soll: Fitness („Jillian Michaels sucks. I need more Anita in my life“), Bäume umarmen, Ernährungsumstellung… mit dem Buch will es dennoch nicht so recht klappen. Vielleicht muss man dafür also tiefer graben. So ist sich Vera nicht zu schade, an die schmerzhaften Wurzeln vorzudringen und ihre problematische Kindheit sowie ihr schwieriges Verhältnis zu ihrem (noch) Ehemann, mit dem sie längst nicht mehr zusammen sein will und sich doch nicht von ihm lösen kann, unter die Lupe zu nehmen. Letztendlich wird Veras Suche nach der „besten Depression der Welt“ – die Art von Depression, die wirklich Stoff für ein Buch bietet, das geradezu geschrieben werden will! – also auch zu einer Art Selbstfindungstrip. Zum Glück ist dieser sowohl berührend, als auch erhellend, als auch urkomisch.

Fazit

Wenn auch nicht jede einzelne Zote vollends zündet, bringt Helene Bockhorsts Romandebut der Leserschaft trotzdem ein schwieriges und nach wie vor vielfach missverstandene Thematik, die für viele kein unkompliziertes Happy-End beinhaltet, auf charmante, witzige und unverstellte Art und Weise näher, ohne zu beschönigen, zu verklären oder zu belehren. So gerät Die beste Depression der Welt dabei ganz unverhofft selbst irgendwie zu einem Depressionsratgeber. Gerade in unsicheren Zeiten kann für ein solches Werk nur eine klare Leseempfehlung ausgesprochen werden!  

 

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Letzte Kommentare:
27.04.2020 18:00:35
miss.mesmerized

Ein Buchvertrag! Unglaublich! Und dann soll sie auch noch über etwas schreiben, von dem sie wirklich Ahnung hat: Depressionen. Aber genau da liegt auch Veras Problem, denn ebendiese Depression ist es, die erfolgreich verhindert, dass sie auch nur ein einziges Wort zu Papier bringt. Oder die Wohnung aufräumt. Oder morgens aufsteht. Oder Kontakt zu Menschen hält. Einzig ihre Freundin Pony schaut regelmäßig nach ihr und versucht ihr ein wenig Leben einzuhauchen, während ihr Lektor ihr im Nacken sitzt und Ergebnisse sehen will. Es gibt aber auch viel zu viele Dinge, die sie immer wieder vom Schreiben abhalten, oder die getan werden müssen, bevor sie endlich anfangen kann zu schreiben. Aber vielleicht ist doch ganz einfach nur nicht die Richtige, um einen Ratgeber zu verfassen, wie man eine Depression überwindet und auch das Schreiben eines Buches ist nur eine weitere Sache, bei der sie grandios scheitert.

Zugegebenermaßen war mir die Autorin bis dato kein Begriff, da ich mit Comedians nur sehr wenig anfangen kann und meist eher einen weiten Bogen um alles mache, was dem nur ansatzweise nahekommt. Helene Bockhorst zählt offenbar zu den erfolgreichsten ihres Faches, was natürlich etwas irritiert, dass ausgerechnet jemand mit diesem Background über so etwas wie Depressionen schreiben soll. Aber im Grunde ist das ja genau der Trick daran: es kann jeden treffen und viele leiden heimlich und schaffen es sogar, ihr Umfeld lange zu täuschen.

Auch wenn die Protagonistin versucht, einen Ratgeber zu schreiben, ist das Buch weit davon entfernt, es ist ein Roman, der jedoch für mein Empfinden sehr authentisch und nachvollziehbar die Gedankengänge einer Betroffenen einfängt und dadurch durchaus ein Stück weit Aufklärung und Verständnis schafft. Die ewige Prokrastination, unzählige – von außen betrachtet – unsinnige Gedanken, die sie davon abhalten, etwas zu tun. Der grundsätzliche Wille, der jedoch immer wieder versandet. Hier hilft es sehr, dass die Autorin aus dem Humorfach kommt, denn es gelingt ihr tatsächlich, das ganze Drama unterhaltsam und bisweilen sogar komisch zu gestalten, ohne dass man über die Vera lachen würde und der Spaß auf dem Rücken einer psychisch Kranken ausgetragen würde. Der Roman liest sich locker leicht, trotz der schweren Thematik, für mich eine wirklich rundum gelungene Geschichte.