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Carola Krauße-Reim
Wenn der Krieg Schicksal spielt

Buch-Rezension von Carola Krauße-Reim Apr 2020

Der erfolgreiche Produktdesigner Ali Najjar erhält die Nachricht eines Freundes seiner verstorbenen Mutter, in der dieser ihn um ein Treffen in Dubai bittet. Er will ihm einen Brief seiner Mutter übergeben, die Ali seit seiner Flucht aus dem Iran immer nur während ihrer Kurzbesuche in Deutschland sah. Doch Ali Najjar hat Angst vor dem, was der Brief ihm offenbaren könnte und schickt deshalb seinen Angestellten Sina vor, Halbiraner, der in München bei seiner deutschen Mutter aufgewachsen ist und keine wirklichen Kenntnisse über den Iran besitzt. Die Welt der drei Männer gerät ins Wanken, und sie wird nach der Reise nicht mehr so sein wie bisher.

Eine Autorin, die weiß, wovon sie spricht

Nava Ebrahimi, Jahrgang 1978, ist in Teheran geboren und mit drei Jahren nach Deutschland gekommen. Sie hat in Köln studiert und lebt heute in Graz. Sie kennt die persische Welt genauso wie die europäische und sagt von sich selbst, dass sie „dazwischen zu Hause“ ist. Die Kenntnis der zwei Kulturen lässt ihren Roman authentisch erscheinen, müssen doch auch hier neue Brücken zwischen dem Iran und Deutschland geschlagen und neue Leben aufgebaut werden. Die Situation im Iran der Revolution und danach, bis in unsere heutige Zeit, ist eindringlich, wenn auch immer nur sehr kurz, geschildert. Der Druck, der vom Regime ausging und noch ausgeht, die Macht der Mullahs, die Angst der Menschen – all das kann Ebrahimi sehr gut vermitteln, genauso wie die Angst vor dem Krieg oder auf der Flucht, aber auch die Beeinflussung unbedarfter Kinder und Jugendlicher durch die allgegenwärtige Propaganda. Ebrahimi schafft es, die ganz persönlichen Probleme der Menschen dem Leser näher zu bringen. Die Panik der Eltern um ihre Kinder, die in ganzen Busladungen an die Front geschickt werden, um dort über Minenfelder zu laufen, abgeschlachtet werden, damit der Weg frei wird für das Militär, ist greifbar geschildert. Ebenso die Auswirkungen eines Giftgasangriffes, von denen wir zwar wissen, aber nicht, was sie tatsächlichen bedeuten. Große Geschichte wird menschlich, kommt ganz nah und zeigt ein sehr persönliches Gesicht.

Ein gewöhnungsbedürftiger Schreibstil erschwert die Lektüre

Die Frage nach Schuld, Verantwortung, Reue und Wiedergutmachung ist verpackt in eine Geschichte, die getragen wird von drei sehr unterschiedlichen Männern, deren Gemeinsamkeit der Iran ist. Ebrahimi gibt der Vorstellung ihrer Protagonisten eine Menge Raum, wobei der Leser viel zwischen den Zeilen lesen muss, um die Charaktere wirklich zu erfassen. Ali Najjar, der ehemalige Kindersoldat, der von sich sagt „ich war im Krieg, ich habe alles gesehen“, ist zu einem egoistischen Ekel geworden, der arrogant und selbstgefällig sein Leben lebt ohne Rücksicht auf andere. Sina, sein Angestellter, kennt den Iran genauso wenig wie seinen iranischen Vater. Er steckt beruflich und privat in einer Sinnkrise und wird so zum Opfer von Ali Najjar, der einen Dummy braucht für das Treffen in Dubai mit Ali-Reza. Der wiederum sitzt im Rollstuhl, hat einen Giftgasangriff überlebt und die volle Härte des Krieges als Jugendlicher abbekommen. Jetzt will er einen Brief weitergeben, der Vermächtnis, Anklage und Rechtfertigung zugleich ist. Ebrahimi macht es den Lesern nicht leicht: Sie gibt immer nur kurze Einblicke in die Leben ihrer Protagonisten. Vieles muss der Leser erst erahnen, bevor es zur Gewissheit wird. Die Geschichte entwickelt sich langsam, aber stets zu einem packenden Höhepunkt hin, der alles erklärt. Dabei gibt es eigentlich nicht einen, sondern mehrere Schreibstile. Die Autorin wechselt zwischen direkt wiedergegebenen Gedanken, nur einseitig geschilderten Dialogen und einer eingängigen Erzählung hin und her. Hier ist Aufmerksamkeit gefragt, denn jede Zeile zählt und ist wichtig für das Verständnis der Charaktere und ihrer Handlungen.

Fazit

Schon für ihrem ersten Roman Sechzehn Wörter hat Nava Ebrahimi mehrere Auszeichnungen und Nominierungen erhalten. In Das Paradies meines Nachbarn schreibt sie auf gleich hohem Niveau. Es ist ein nicht einfach zu lesender Roman über das schwierige Thema Schuld und Verantwortung. Fesselnd und verstörend zugleich erzeugt er einen Nachhall, der den Leser lange nicht loslässt und die Erkenntnis, dass das Paradies Definitionssache ist.

Das Paradies meines Nachbarn

Das Paradies meines Nachbarn

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Letzte Kommentare:
18.04.2020 09:08:32
Ich

Corona kann auch Vorteile haben. Man entdeckt Bücher, die man nie entdeckt und deswegen auch nie gelesen hätte. Dieses Buch ist einfach wunderbar.