Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst: Eine Ehe in zehn Sitzungen

  • KiWi
  • Erschienen: März 2020
  • 1

- OT: State of the Union - A Marriage in 10 Parts

- aus dem Englischen von Ingo Herzke

- HC, 160 Seiten

Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst: Eine Ehe in zehn Sitzungen
Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst: Eine Ehe in zehn Sitzungen
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Sandra Dickhaus
901001

Belletristik-Couch Rezension vonApr 2020

Die Ehe ist wie ein Computer …

... Man kann sie auseinandernehmen, um nachzuschauen, was drinsteckt, aber dann hat man hinterher hunderttausend Einzelteile in der Hand.“ Dieses Zitat aus der Mitte des Romans trifft den Nagel auf den Kopf. Der Kern des Geschehens ist damit gesetzt: Das schmale, 158 Seiten umfassende Bändchen führt uns in die Welt einer relativ normalen Ehe mit relativ normalen Problemen. Mit nur einem Unterschied: Diese Ehe steht auf dem Prüfstand, wobei es allerdings nicht um eine Trennung, sondern um das Aufarbeiten vieler kleiner Meinungsverschiedenheiten und den Fehltritt der Ehefrau geht. Tom, der gehörnte Ehemann, verwehrte just seiner Frau Louise aufgrund seiner chronischen Lustlosigkeit den ehelichen Geschlechtsverkehr. Dies ließ Louise nicht auf sich sitzen und suchte sich einen Liebhaber, der ihre erotischen Bedürfnisse ein paar Mal stillte.

Eine Paartherapeutin wird aufgesucht, eine langjährige Ehe muss aufgearbeitet werden

Hier geschieht es mal andersherum: in vielen Romanen ist der Mann der Fremdgeher, hier holt sich die Frau ihren erotischen Spaß außer Haus, ihr Mann ist der Lustkiller. Um genau diesen Fauxpas zu besprechen und Einzelheiten ihrer langjährigen Ehe zu reflektieren, entschließen sich die Eheleute, eine Paartherapeutin aufzusuchen. Tom ist noch nicht ganz von dieser Idee überzeugt, trifft sich aber mit seiner Frau vor den Sitzungen in einem Pub gegenüber der Praxis. Genau an diesen Ort wird der Leser zehn Mal geführt, zehn Gespräche zwischen Louise und Tom vor ihrer eigentlichen Therapiesitzung darf er schmunzelnd verfolgen. Dort ist der Leser nie selbst dabei, erfährt nur durch den Dialog zwischen den Protagonisten so manch kurioses Detail der Sitzungen. So trägt Tom beispielsweise bei einem Treffen einen Gips, um der Therapeutin zu suggerieren, die letzte Sitzung sei wegen seines gebrochenen Armes ausgefallen. Auch beobachten die beiden alkoholtrinkend ihre Gleichgesinnten, die den Termin vor ihnen wahrgenommen haben und die Praxis verlassen. Sie bemerken, wie sie sich verhalten und kommentieren deren Fort- oder Rückschritte – alles anonym hinter dem Schutz der Fensterscheibe, ungesehen. Dabei unterhalten sich Louise und Tom über die Einzelteile ihrer Ehe, die in den Sitzungen auseinandergenommen wird und die sie jetzt in der Hand halten.

Typische Probleme des Zusammenlebens – humorig und tiefgründig

Ernste Aspekte werden humorig untermalt, behalten aber ihre Wichtigkeit und regen zum Nachdenken an. Es geht um typische Probleme des Zusammenlebens, die Andersartigkeit des Partners und seine Macken, aber auch um aktuelle globale, politische und gesellschaftliche Aspekte, die geschickt in die Unterhaltung mit eingebaut werden. Louise wirft ihrem Mann beispielsweise immer vor, er habe den Brexit gewollt und dafür gestimmt. Auch das betrifft ein Problem ihrer Beziehung: Tom hat dies hauptsächlich getan, um Louises Freunde zu ärgern, nicht aus tiefster Überzeugung.  Immer mehr Kleinigkeiten spielen sich zu einem großen Ganzen auf. Und gerade das macht die kurze Episode so eindringlich und spannend. Auch sprachlich lässt sich der dialogische Roman, teils anmutend wie ein Theaterstück, flüssig und ansprechend lesen.

Fazit

Ein Buch für Mann und Frau – kein endloses Liebesgeschwafel, kein mitreißendes Schicksal, keine Machoallüren, keine Hasstiraden, einfach das ganz normale Leben mit seinen Hochs und Tiefs - eine Beziehung, die sich neu beweisen muss, ein Stück Realität. Genau das macht diesen Roman in Dialogform so lesenswert: Ein Stück weit findet jeder Leser ein wenig von sich selbst und vielleicht auch seiner Beziehung wieder, und das in humoriger Variante. Leichte Unterhaltung mit Tiefgang also. Mehr davon bitte!

Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst: Eine Ehe in zehn Sitzungen

Nick Hornby, KiWi

Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst: Eine Ehe in zehn Sitzungen

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