Rote Kreuze

Erschienen: Februar 2020

Bibliographische Angaben

- OT: Krasnyj krest

- aus dem Russischen von Ruth Altenhofer

- HC, 288 Seiten

Couch-Wertung:

88

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Carola Krauße-Reim
Ein politisches und dennoch sehr emotionales Buch

Buch-Rezension von Carola Krauße-Reim Mär 2020

Tatjana Alexejewna ist über neunzig und an Alzheimer erkrankt. Ihr neuer Nachbar ist Alexander, ein junger Mann, der wie sie schon viel Schmerz ertragen musste. Tatjana erzählt ihm ihre Lebensgeschichte, die gleichzeitig die Geschichte Russlands im 20. Jahrhundert ist. Das sich gleichende Leid lässt die Zwei eine ungewöhnliche Freundschaft schließen, die ihnen beiden hilft Frieden zu finden.

„Weil Gott Angst hat vor mir. Zu viele unbequeme Fragen kommen da auf ihn zu“

Tatjana hat das zwingende Bedürfnis ihr Leben zu erzählen, damit es als Zeugnis für die Geschichte Russlands weiter existiert, denn für sie wird es bald vergessen und vergangen sein. In einem Monolog erzählt sie Alexander von ihrer Tätigkeit als Sekretärin im Außenministerium in Moskau während des 2.Weltkrieges, von ihrem Mann und von ihrer kleinen Tochter. Auf ihrem Schreibtisch landen die Anfragen und Listen des internationalen Komitee des Roten Kreuzes aus Genf, die sie ins Russische übersetzen muss. Antworten darf sie nie, denn für Russland sind russische Kriegsgefangene Feiglinge und Kollaborateure, die es zu vergessen oder zu vernichten gilt. Als Tatjana den Namen ihres Mannes auf einer dieser Listen entdeckt, gerät sie in Panik, befürchtet Konsequenzen für sich und die Tochter. In ihrer Angst löscht sie den Namen ihres Mannes und wiederholt einfach den Namen des Gefangenen, der davor in der Liste steht. Dadurch löst sie eine Kettenreaktion aus, die ihr ganzes Leben beeinflusst, ihre Familie auseinander reißt und in ihrer ganzen Tragweite ihr bis zum Lebensende verborgen bleibt. Ihr Leben war nicht nur bewegend, erschreckend und tragisch – sie ging durch die Hölle und konnte erst viele Jahre später wieder zu sich selbst finden. Seine eigene Hölle durchlebte auch Alexander. Der tragische Tod seiner Frau bringt ihm Tatjanas Leid näher. Und, obwohl er am Anfang genervt ist von der aufdringlichen Alten, versteht er, dass es nicht nur um Tatjanas Lebensgeschichte geht, sondern um die Erinnerung und Vergessen einer ganzen Gesellschaft.

„Der Staat tut alles, damit die Menschen die Grausamkeiten des Sowjetregimes vergessen und unsere Aufgabe ist es, das nicht zuzulassen“

Diesen Satz sagte Sasha Filipenko in einem Interview. Die Recherche zu seinem Roman zeigte ihm dann sehr deutlich, dass nicht nur die Sowjets versucht haben, die Geschichte umzuschreiben oder sie in Vergessenheit geraten zu lassen. Während der Regierungszeit Jelzins wurden viele Archive geöffnet, bis dahin geheim gehaltene Dokumente der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Doch Putin machte das wieder rückgängig. Um die Dokumente der Korrespondenz zwischen dem Roten Kreuz in Genf und der Sowjetregierung einzusehen, musste Filipenko auf die Duplikate in Genf zurückgreifen, die zu seinem Glück darüber hinaus noch mit unzähligen Anmerkungen versehen waren. In Form von zahlreichen Notizen, Aktenvermerken, Telegrammen und Briefen werden diese Dokumente zitiert. Das Ergebnis all dieser Nachforschungen ist Filipenkos erstes in Deutschland erschienenes Buch. Hinter dem spannend und flüssig zu lesenden Roman, steht der Wunsch, exemplarisch an Tatjanas Lebensgeschichte, die Vergangenheit zu erzählen ohne sie zu beschönigen oder sie zu eigenen Zwecken umzuschreiben oder sogar auszulöschen. Dabei spielt das Bild des Kreuzes immer wieder eine Rolle. Das Rote Kreuz in Genf, das aus Metallstangen zusammengeschweißte Kreuz auf einem Friedhof, rote Kreuze an Wohnungstüren, das Kreuz, das jeder zu tragen hat ... Schade ist, dass die deutsche Übersetzung aus dem Originaltitel „Rotes Kreuz“ den Plural gemacht hat, denn der Singular macht wesentlich mehr Sinn!

Fazit:

„Rote Kreuze“ lässt den Leser nicht los. Die Lektüre selbst ist packend, die gut 270 Seiten schnell gelesen. Doch es ist der Nachhall, der anhält. Es ist tatsächlich ein Buch gegen das Vergessen und für das Erinnern, das ich jedem der an Geschichte oder der Dokumentation eines zwar fiktiven, aber außergewöhnlichen Leben interessiert ist, nur empfehlen kann.

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Letzte Kommentare:
24.05.2020 00:36:32
TochterAlice

Der junge Sascha, Vater einer kleinen Tochter, lernt beim Einzug in die neue Wohnung seine Nachbarin Tatjana Alexejewna kennen, eine überaus erzählfreudige alte Dame. Wie sich bald herausstellt, hat sie Schlimmes erlebt und mußte im Krieg für die Schuld anderer büßen: weil ihr Mann in Kriegsgefangenschaft aus sowjetischer Sicht mit dem Feind kollaborierte, wurde sie zu 15 Jahren Arbeitslager verurteilt, von denen sie zehn absitzen musste.

Ein ausgesprochen schmerzhaftes Kapitel nicht nur der sowjetischen, sondern der gesamten Weltgeschichte wird hier auf eigene Art aufgearbeitet. Der Autor gibt nicht nur durch die Erzählungen der über 90jährigen Zeitzeugin, sondern auch durch das Einfügen von Originaldokumente wichtige Einblicke in die jüngere Geschichte der Sowjetunion. Seite für Seite ist spürbar, dass ihm wichtig ist, dass die Greueltaten des 20. Jahrhunderts nicht vergessen werden.

Ein wichtiges Buch, das ich gerne gelesen habe, obwohl ich wieder und wieder meine Probleme mit dem Erzählstil hatte. Stellenweise erscheint mir der Erzählfluss nicht ganz stimmig - es werden Informationen bzw. Entwicklungen ausgelassen, dann kommt wieder etwas dazu, dessen Bedeutung ich mir schwer erklären kann - für mich war das alles ein bisschen verwirrend.

Dass mit Alexander die Figur eines jungen Mannes, der schon viel mitmachen musste, gewählt wurde, finde ich hingegen passend - seine eigenen Erfahrungen mit dem menschlichen Leid machen seine Entwicklung von jemandem, der von der Nachbarin genervt ist und sie als aufdringlich empfindet, zu einem einfühlsamen, ja fürsorglichen Zuhörer.

Ein besonderer Roman, den ich trotz meiner persönlichen stellenweisen Schwierigkeiten gerne allen, die an neueren historischen Entwicklungen interessiert sind - und ich hoffe, dass das viele sind - weiterempfehle.

22.05.2020 12:08:07
Labrador

Voller Andeutungen
Das Buch ist voller versteckter und nicht so gut versteckter Andeutungen. Die roten Kreuze sind allgegenwärtig – sie sind der rote Faden und Teil der Kernbotschaft zugleich.
In dem Buch geht es zum einen um den zweiten Weltkrieg. Allerdings nicht so, wie wir es hierzulande massenhaft in unzähligen Bücher lesen können. Das Buch – von einem Russen geschrieben – erzählt die Geschehnisse während des zweiten Weltkriegs aus russischer Perspektive. Das fand ich an diesem Teil des Buches besonders spannend. Die deutsche Sicht auf den zweiten Weltkrieg, oder auch die westliche, der Amerikaner, Engländer und Franzosen wird öfters beschrieben, aber ein russisches Buch zu dem Thema hatte ich bisher tatsächlich noch nicht gelesen.
Zum anderen beschriebt das Buch auch das Leben eines Mannes, des Protagonisten, der nach dem Tod seiner Frau mit seinem gerade erst geborenem Kind weiterleben muss. Auch seine Geschichte wird mit sehr viel Empathie erzählt ohne dabei aufdringlich oder überbordend zu werden.
Insgesamt ist das Buch sehr zurückgenommen – es überzeugt nicht mit viel Dekor, sondern mit schlichten Erzählungen, denen eine leichte Brise Humor beigemischt wird. Anfangs hatte ich etwas Zweifel ob der Erzählstil, der zwischen extremen Phasen der wörtlichen Rede, indirekter Rede und Beschreibung wechselt, verwirrend zum Lesen wird. Doch diese Sorge war unbegründet.
Der größte Kritikpunkt, den ich an dem Buch finden konnte, ist wie langsam die Erzählung stellenweise vorankommt. Ich hätte mir häufiger etwas mehr Handlung gewünscht und weniger Andeutungen.

05.05.2020 16:46:44
StephanieP

Alexander zieht mit seiner Tochter um, um nach einem schweren Schicksalsschlag ein neues Leben zu beginnen. Dort lernt er seine neue Nachbarin Tatjana kennen. Diese ist eine alte Frau, welche an Alzheimer erkrankt ist. Tatjana beginnt Alexander ihre Geschichte zu erzählen, allen voran die Geschehnisse während des Krieges und über die Kriegsgefangenschaft ihres Mannes, aber auch die Kindheit und Jugend kommen nicht zu kurz. Zwischen den beiden, vom Alter her sehr unterschiedlichen Menschen entwickelt sich eine tiefe Freundschaft.

Sasha Filipenkos Art zu schreiben ist sehr einfühlsam und berührend. Trotz einiger Längen in Tatjanas Erzählungen liest sich das Buch im Großen und Ganzen flüssig und schnell. Mich konnten die Erzählungen der alten Frau, allen voran jene zu den Kriegserlebnissen, komplett fesseln und in ihren Bann ziehen. Sie machen oftmals bedrückt, sind emotional und regen zum Nachdenken an. Besonders gut gefällt mir, dass sich das titelgebende rote Kreuz immer wieder im Buch findet und sich wie ein roter Faden durch die gesamte Handlung zieht. Etwas Schade fand ich, dass Alexanders Geschichte, welche ebenfalls von Trauer und Schicksalsschlägen geprägt ist, im Buch etwas untergeht und daher oftmals zu kurz kommt.

Die einzelnen Protagonisten sind interessant und vielschichtig. Vor allem Alexander war mir sehr sympathisch und daher hätte ich mir gewünscht, dass seine Geschichte etwas mehr Platz im Buch bekommt. Tatjana ist meiner Meinung nach die Schwachstelle in diesem Buch. Ihre Geschichte berührt, macht betroffen und regt zum Nachdenken an, aber die Demenzerkrankung ist nicht sonderlich glaubwürdig. Die alte Frau ist sympathisch und man verfolgt ihre Erzählungen sehr gerne, aber für eine Demenz wirkt sie Großteils zu klar, strukturiert und orientiert.

FAZIT:
„Rote Kreuze“ ist ein berührender, emotionaler Roman, welcher zum Nachdenken anregt und die Erlebnisse und Traumatisierungen von Kriegsbetroffenen sehr gelungen aufarbeitet. Dennoch gab es ein paar Längen und auch die Umsetzung der Demenzerkrankung konnte mich nicht ganz überzeugen. Daher vergebe ich 4 Sterne!

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