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Kirsten Kohlbrei
Biike, Biberfell und Buhne 16 - Erinnerungen eines Sylter Inselkindes

Buch-Rezension von Kirsten Kohlbrei Okt 2020

Die Journalistin Susanne Matthiessen kam Mitte der 60er Jahre „bei auflaufendem Wasser“ auf Sylt zur Welt - hineingeboren in die „goldenen Jahre“ der liebsten Ferieninsel der Deutschen, in denen der Tourismus rauschartig anstieg und die Gäste den Wohlstand mitbrachten. Neben bürgerlichen Sommerfrischlern gab sich Prominenz aus Politik, Wirtschaft und Unterhaltung ein Stelldichein. Der deutsche Jet-Set entdeckte Sylt als Partymeile und ließ in den Geschäften die Kassen klingeln.

„Wir wuchsen auf im explodierenden Fremdenverkehr, im explodierenden Wohlstand und mit explodierenden Moralvorstellungen.“ -Eine sandgestrahlte, verrückte Kindheit in den Siebzigerjahren

Auch der elterliche Betrieb der Autorin, die Pelzhandlung Matthiessen auf der Friedrichstraße in Westerland, zog die Urlauber in bester Kauflaune scharenweise an. Im Boom, den Sylt als exklusives Reiseziel erlebte, war ein Pelz von der Insel genau das richtige Mitbringsel.

Vor allem zur Saison im Sommer herrschte „ultimativer Kontrollverlust“, und für die Kinder hieß es: bloß keine Probleme machen.  Ein kleines Kabuff hinter dem Geschäftsraum wurde zum Zentrum des Familienlebens: essen, spielen, Hausaufgaben machen zwischen Pelzen, Bürobedarf und Kühlschrank. Zuvorkommenheit gegenüber den Kunden galt als oberste Maxime.

Neben den lukrativen Verkäufen an die Feriengäste belebten illustre Kunden wie Arndt von Bohlen und Halbach, Rudolf Augstein und Oswalt Kolle mit ihren exklusiven Wünschen das Geschäft.

Der Nachwuchs, mittendrin in diesem Alltag am Anschlag, musste gucken, wie er zurechtkam.

Im Gegenzug zu Mithilfe und Zeitmangel der Eltern standen Erfahrungsreichtum und grandiose Freiheiten. Bei der Verarbeitung der Flut an Eindrücken standen die Heranwachsenden jedoch weitgehend allein dar.

Kindheitserinnerungen in Romanform

Susanne Matthiessen verließ nach dem Abitur für ihre journalistische Ausbildung Sylt, aber sie blieb der Insel und der kleinen Schicksalsgemeinschaft der dort Geborenen immer verbunden. Sich zu lösen, den Kontakt abzubrechen, versuchte sie vergeblich. Sie ist verbunden zu einer Heimat, die sich mit den Jahren unwiederbringlich verändert hat und mit dem Sterben der „goldenen Generation“ in alter Form bald nur noch in Erinnerungen lebt.

In ihre ganz persönlichen Erinnerungen dieser Zeit nimmt Matthiessen die Leser nun mit, geschrieben als Roman nach wahren Begebenheiten und damit ohne Verpflichtung auf wirklichkeitsgetreue Darstellung. Entsprechend der zentralen Bedeutung, die die Pelzhandlung in ihrer Erzählung einnimmt, ranken sich die Anekdoten der einzelnen Kapitel jeweils um eine „Sache“; besondere Einzelstücke von Ozelot-Bikini bis Zobel-Rucksack. Das geschieht ohne Glorifizierung, wie im gesamten Buch, das den Wandel der ethischen Einstellung zum Tragen von „Echt-Pelz“ und dessen Auswirkung auf den familiären Kürschnerei-Betrieb skizziert.

Der nüchterne, lakonische Ton, in dem die Autorin von den Begegnungen mit den vielen ungewöhnlichen Menschen und den teils aberwitzigen Geschehnissen mit reichlich trockenem Humor erzählt, verschafft auch eine Distanz zur kindlichen Gefühlswelt. Denn obwohl die skurrilen Beschreibungen sich sehr unterhaltsam und mit hohem Wiedererkennungseffekt für Sylt-Kenner lesen, war in der goldenen Zeit trotzdem nicht alles Gold, was glänzte; so schimmert zwischen den Zeilen auch etwas von der Verlorenheit und Überforderung der Kinder- und Jugendjahre durch, wenn manche Darstellungen aus heutiger Einschätzung eindeutig sexuell übergriffig erscheinen und emotionaler Rückhalt fehlte.

„Tö  Söl' wú hual' Aural- zu Sylt halten wir immer“

Matthiessen schreibt mit einer verblüffenden Offenheit und klammert auch den engsten Familienkreis mit den Eltern und der Großmutter davon nicht aus. Ihr Rückblick ist aber weit mehr als ein Familientableau und wird dank vieler Anmerkungen und Reminiszenzen auch zu einem Zeitporträt der Bundesrepublik der 70er Jahre. Vor allem ist das Buch jedoch eine gefühlvolle Heimatbetrachtung, die intimen Einblick hinter die Kulissen Sylts gibt, in den geschlossenen Kreis der Inselbewohner, zu dem der Urlaubsgast bei aller Gastfreundschaft letztendlich keinen Zugang erhält. Der Erwerb von Immobilien und Grundstücken wurde den Zugereisten indes nicht verwehrt und damit der Ausverkauf der Insel eingeläutet. Besonders im Prolog und Epilog ruft die Autorin in nachdenklichen Tönen diesen Umbruch ins Gedächtnis, benennt Auswirkungen und Verantwortliche und zeichnet ein realistisches Bild des Sylts und der Sylter von heute, verhaftet zwischen stetiger Expansion und dem zweifelhaften Versuch der Bewahrung der mit all ihren Traditionen nicht nur durchs Meer vom Untergang bedrohten Heimat.

Fazit

Susanne Matthiessens Roman ist Familiengeschichte, Gesellschaftsporträt und Heimaterzählung in einem. Sehr amüsant und ehrlich geschrieben zeichnet sie aus ihren Kindheitserinnerungen ein authentisches Bild der goldenen Vergangenheit Sylts. Sie nimmt ihre Leser mit auf eine Reise der besonderen Art, die viel über die Faszination der Insel verrät und zum Rückbesinnen der eigenen Erlebnisse einlädt - ein Blick zurück nach vorn, denn auch das Sylt von heute wird besorgt und kritisch, aber voller Loyalität und Zuneigung porträtiert.

Ozelot und Friesennerz: Roman einer Sylter Kindheit

Ozelot und Friesennerz: Roman einer Sylter Kindheit

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Letzte Kommentare:
13.09.2020 20:10:02
Readaholic

Vom Ozelot, der sein Leben für einen Bikini lassen musste

Als ich das Buch entdeckte, dachte ich, endlich einmal ein Sylt-Buch ohne Sommer-Sonne-Strandkorb-Liebe. Auch die Leseprobe hat mich angesprochen, wenngleich ich die Aussage, dass man „als echte Sylterin qua Geburt automatisch etwas Besonderes“ und „automatisch einem Adelsgeschlecht angehört“ doch etwas fragwürdig finde.
In ihrem Buch (das übrigens für mein Empfinden kein Roman, sondern eine Sammlung von Anekdoten und Ereignissen ist) beschreibt Sabine Matthiessen ihre Kindheit und Jugend auf Sylt, einem Sylt, das man – Gottseidank – so heute nicht mehr vorfindet. Der Mief der Sechziger und Siebzigerjahre kroch einem während der Lektüre praktisch in die Knochen.
Die Familien vermieteten die eigenen Schlafzimmer und campierten während der Saison zusammengepfercht im Wohnzimmer. Für die Kinder war keine Zeit, die mussten sich selbst beschäftigen und gut benehmen. Abends gingen die Eltern dann auch gerne noch aus und gaben den Kindern Schlaftabletten, damit sie nicht aufwachten, während die Eltern außer Haus waren. Äußerst befremdlich fand ich, dass die Autorin als Baby im Schlafzimmer mit im Ehebett der Feriengäste schlief und nach deren Syltaufenthalt sogar mit ihnen „in Urlaub“ fuhr.
Die Autorin entstammt einer bekannten Kürschnerfamilie, damals gehörte es wohl dazu, dass die reichen Urlauber mit einem Pelz nach Hause fuhren. Es war eine andere Zeit, Pelz zu tragen war noch nicht verpönt. Trotzdem finde ich es sehr bedenklich, wie unreflektiert Frau Matthiessen gewissen Anekdoten erzählt. Zum Beispiel die Geschichte, in der ein namentlich genannter Bankier für seine junge Gespielin einen Bikini aus Ozelot anfertigen lässt und die Autorin das Fell dieses vom Aussterben bedrohten Tieres als „Wildware“ bezeichnet. Sicher ist dies der Fachbegriff, aber ich empfinde ihn in der heutigen Zeit doch als ausgesprochen zynisch.
Überhaupt erzählt Susanne Matthiessen gerne Klatschgeschichten über bekannte Personen. Will ich wirklich wissen, wie Willy Brandt betrunken vom Balkon fiel oder ein bekannter Verleger ungepflegt mit fettigem Haar im Laden saß? Nein! Wenn ich solche Geschichten lesen will, kaufe ich mir die Zeitung mit den großen Buchstaben.
Es gab Passagen, die ich interessant fand, aber im Großen und Ganzen hat mich das Buch eher gelangweilt. Mir fällt nicht eine Person im gesamten Buch ein, die mir sympathisch war, und der Schreibstil kommt teilweise abgehackt und holprig daher. Für mich war es eine ziemlich enttäuschende Lektüre.

26.07.2020 14:32:27
leseratte1310

Susanne Matthiessen ist gebürtige Sylterin. Mit ihrem Buch „Ozelot und Friesennerz“ lässt sie uns teilhaben an ihrer Kindheit auf der Insel in den siebziger Jahren.
Ihre Eltern sind Kürschner und haben ein Pelzgeschäft in Westerland. Sylt ist angesagt und immer mehr Prominente, seien es Stars, Wirtschaftsbosse oder Politiker, tummeln sich auf der Insel, um ihren Alltag hinter sich zu lassen. Die Sylter freuten sich einerseits, dass dadurch Wohlstand auf die Insel kam, aber es veränderte sich auch das Leben der Inselbewohner. Die Touristen nahmen immer mehr Raum ein, manchmal sogar im Schlafzimmer der Familie. Man wollte es ihnen angenehm machen und die Einkünfte waren ja auch nicht zu verachten. So kam die Autorin schon früh mit vielen Prominenten in Kontakt.
Ich habe keine Beziehung zu Sylt, aber mir hat dieses Buch doch einen guten Einblick in das Leben auf der Insel in jener Zeit verschafft. Dieser Roman ist eine Aneinanderreihung von Episoden und Geschichten, die auf wahren Begebenheiten beruhen. Manchen sind witzig und unterhaltsam, andere skurril und verwunderlich.
Man spürt, dass die Autorin immer noch an ihrer Insel hängt, obwohl sie nicht mehr dort lebt.
Das Buch ist unterhaltsam und lässt sich angenehm lesen.

28.06.2020 17:00:24
bücherwurm10

"Kindheit auf Sylt"
"Ozelot und Friesennerz" so nennt Susanne Matthiessen ihren neuen Roman, der im Ullstein Verlag erschienen ist, in dem sie über ihre Kindheit in den 70er Jahren in Westerland auf Sylt erzählt.

Die Eltern führten eine Kürschnerei mit Pelzladen, in dem maßgeschneiderte Pelze hergestellt wurden, zusätzlich hatten sie noch Feriengäste zu bewirten. So zogen damals die Sylter in den Keller, damit auch die Wohnungen an die Gäste vermietet werden konnten. Die Sylter Kinder mussten damals in den Betrieben ihrer Eltern mithelfen, hatten andererseits dann viele Freiheiten, da wenig Zeit für die Kinder vorhanden war.

Die Autorin hat auffallend gut beobachtet und das Erlebte in einer federleichten Schreibweise, versehen mit dem typisch nordischen trockenen Humor, in das Buch gepackt. Unterhaltsam und kurzweilig wird man in das Familienleben und in das damalige Sylter Inselleben geführt.

Die Vielzahl an prominenten Besuchern wie z.B. Willy Brandt, Rudolf Augstein und Gunter Sachs geben zudem einen interessanten Einblick in die Promiwelt der 70er Jahre. Doch auch Nachdenkliches über das Thema Tourimus bringt Susanne Matthiessen zur Sprache.

Beim Lesen ist spürbar, wie sehr das Herz der Autorin an der Insel Sylt hängt. Ein faszinierendes und bemerkenswertes Buch, nicht nur für Sylt-Urlauber!

Diese literarische Reise nach Sylt hat mich begeistert, daher kommt von mir eine eindeutige Kauf- und Leseempfehlung!

16.06.2020 19:12:56
HexeLilli

Ein Muss für jeden Sylt Fan, oder für den, der es werden will.
Gleich am Cover kann man erkennen, in welcher Zeit die Geschichte spielt. Die Autorin wurde 1963 geboren und erzählt über ihre Kindheit auf Sylt. Damals gehörte die Insel noch den Insulanern. In der Hauptsaison wurde jedes Bett vermietet, die Familie schlief auf der Couch oder im Wohnzimmer auf dem Fußboden. Susannes Eltern besaßen ein Pelzgeschäft, hier gaben sich reiche Persönlichkeiten die Klinke in die Hand. Hier auf der Insel standen schon damals die Frauen ihren Mann, während in der restlichen Republik noch der Mann die Erlaubnis geben musste, wenn die Frau arbeiten wollte. Deshalb wurden die Sylter Kinder sich überwiegend selbst überlassen, oder sie mussten sich schon für das Geschäft einbringen. Die Erwachsenen hatten keine Zeit, sich um deren Tun zu kümmern. Der Leser erfährt auch vom langsamen Ausverkauf der Insel. Hier kaufen sich die Reichen ein, Stars, Politiker und Industriegrößen. Jeder möchte ein Stück vom Kuchen abhaben. Es gibt kein Krankenhaus mehr und wer auf der Insel arbeitet, findet keinen bezahlbaren Wohnraum. Es sind nur noch wenige Sylter Originale erhalten geblieben.
Das Buch hat mich wundervoll unterhalten, vor allem in der Mode und Musikrichtung kam mir alles sehr bekannt vor, bin ich doch in der gleichen Zeit groß geworden. Die Erlebnisse und Anekdoten mit den berühmten Persönlichkeiten haben mir besonders gut gefallen

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