Die Dame vom Versandhandel

Erschienen: Juni 2020

Bibliographische Angaben

- TB, 480 Seiten

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Alexandra Hopf
Aufstieg eines Versandhandels zur Wirtschaftswunderzeit

Buch-Rezension von Alexandra Hopf Jul 2020

1957 läuft es für das Ehepaar Kurt und Annie Laube einfach traumhaft: Ihr Versandhandel Eulendorf läuft immer besser. Zum beruflichen Erfolg kommt das private Glück hinzu, denn Annie ist mit ihrem ersten Kind schwanger. Doch wehrt sie sich gegen das vorgefertigte Klischee, dass Frauen an den heimischen Herd gehören. Sie ist eine ehrgeizige und emanzipierte Frau, die sich ihre Rolle im Geschäftsleben nicht nehmen lassen will - zumal sie eigentlich sowieso der heimliche Chef des Versandhandels ist. Kurt ist das ganz recht, denn so kann er sich besser auf sein Hobby der Reiterei konzentrieren. Doch das Leben der Beiden verändert sich nicht nur durch die Geburt der Tochter Claudia; sie erhalten einen mysteriösen Brief von einem Fritz, ein alter Bekannter Kurts. Annie weiß nur wenig über dessen Vergangenheit in Polen und die Flucht bzw. Vertreibung der Familie Laube. Als Annie beginnt, der Sache auf den Grund zu gehen, eröffnet sich ihr eine unglaubliche Geschichte, und sie stellt fest, dass auch ihre eigene Person damit verwoben ist...

Leichte Unterhaltung mit authentischen Protagonisten

Annie ist die Protagonistin des Romans. Sie ist über die Geschichte hin sehr präsent. Anhand ihrer Person wird gut vermittelt, wie schwer es Frauen in den 60ern hatten, dem vorgefertigten Geschlechterbild der Gesellschaft zu entfliehen. Sie ist sehr modern eingestellt und wehrt sich vehement dagegen, ihre Position im Berufsleben wegen der Geburt des Kindes aufzugeben. Also engagiert sie eine Kinderfrau und verwirklicht ihre beruflichen Visionen. Damit ist sie ihrer Zeit deutlich voraus und muss oft hart für ihre innovativen Ideen kämpfen. Nicht umsonst wird sie von den Mitarbeitern heimlich  "Die Königin des Versandhandels" genannt.

Ihr Mann Kurt wirkt neben der spritzigen Frau fast farblos. Sein Charakter ist schwer einzuschätzen. Er bezieht bezüglich geschäftlicher Entscheidungen selten eine eigene Meinung, sondern verlässt sich blind auf die Intuition seiner Frau. Damit ist er glücklich und widmet sich lieber seiner persönlichen Vorliebe, dem Spring- und Dressurreiten. Seine Person wirkt auf den Leser eher unsympathisch - das liegt auch daran, dass er an entscheidenden Stellen der Geschichte nie eine klare Linie bezieht, sondern sich immer nur so durchmogelt.

Das Buch an sich ist leicht verständlich geschrieben. Jedes Kapitel wird mit einem witzigen Werbeslogan aus dem Versandkatalog Eulendorf  begonnen - manche davon entlocken dem Leser ein kleines Schmunzeln.

Buch basiert auf zwei Erzählebenen

Hinter dem Pseudonym Ulrike Wolff verbirgt sich das Autorenehepaar Ulrike Gerold und Wolfgang Hänel. Die beiden beschränken sich nicht auf die Geschichte des aufstrebenden Unternehmens zur Zeit des deutschen Wirtschaftswunders; abwechselnd schwenkt die Handlung immer wieder zurück  nach Polen bzw. später dann Magdeburg. Hier wird beginnend im Jahr 1918 die Familiengeschichte von Kurt Laube erzählt. Anhand der Überschrift, wo Ort der Handlung und Jahreszahl genannt werden, weiß der Leser jeweils genau, welcher Erzählstrang im folgenden Kapitel weitererzählt wird. Sehr interessant wird die Flucht und Vertreibung der Familie aus Polen geschildert. Leider verstrickt sich diese Familiengeschichte dann zunehmend in doch sehr skurrilen Wendungen, die teilweise recht verwirrend und leider auch sehr unglaubwürdig daherkommen.

Fiktion des Romans soll auf wahren Begebenheiten beruhen

Die Autoren weisen im Nachwort darauf hin, dass ihr Roman auf wahren Begebenheiten beruht, die von ihnen mit Fiktion und künstlerischer Freiheit kombiniert worden sind. Natürlich begegnet der Leser hier einigen realen Persönlichkeiten wie etwa Josef Neckermann oder den bekannten Springreitern Hans Günther Winkler und Alwin Schockemöhle; sogar Elvis tritt in einer Gastrolle auf. Trotzdem wirkt das Romangeschehen stellenweise sehr surreal konstruiert und hanebüchen, sodass man sich nur schlecht vorstellen kann, dass es sich um reale Vorgänge handeln kann.

Das Cover des Ullstein Verlages ist hingegen sehr gelungen und passt zum Thema: Schlicht gehalten ziert es eine Dame, welche modisch gekleidet im Stil der damaligen Zeit ein paar Päckchen trägt.

Fazit

Als kurzweilige Unterhaltung ist der Roman ganz gut zu lesen. Zu Beginn ist die Lektüre wirklich vielversprechend - vor allem wenn klar wird, dass sich um Kurts Vergangenheit ein großes Geheimnis rankt. Allerdings verstricken sich Gerold und Hänel dann selbst in diesem gekünstelten Familienkonstrukt, und mit der wachsenden Unglaubwürdigkeit der Geschichte schwindet leider auch der Lesegenuss etwas. Das Buch endet mit einem kurzen und eher verstörenden Epilog; er wäre nicht nötig gewesen und der Sinn erschließt sich einem nicht ganz.

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