Darüber reden wir später

Erschienen: März 2020

Bibliographische Angaben

- HC, 240 Seiten

Couch-Wertung:

88

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Stefanie Eckmann-Schmechta
Die Gegenwart ruft an. Und zwischen Vergangenheit und Zukunft ist es immer sie, die stiefmütterlich behandelt wird

Buch-Rezension von Stefanie Eckmann-Schmechta Apr 2020

Margrets Kinder Michael und Anna haben schon lange das Elternhaus verlassen, stehen auf eigenen Beinen. Sie lebt allein mit Gert in ihrem idyllischen Einfamilienhaus, das Gert fast allein gebaut hat. War das Leben einst gefüllt mit Haushalt, Kindern und Nebenjob, ist Margret nun an einem Punkt, da sie beginnt, Resümee in ihrem alltäglichen Einerlei zu ziehen. Ausgerechnet in dieser fragilen Lebenssituation bricht Gert beim Rasenmähen zusammen und fällt ins Koma.

Margrets Geist

Margret beobachtet sich ihr Leben lang, es ist, als hätte sie einen Geist an ihrer Seite, der ständig bewertet, was, wie und warum sie etwas tut. Aber er urteilt nicht nur über sie, sondern auch über andere. Schonungslos legt er deren Schwächen frei und fällt Urteile.

Vielleicht ist es auch Margrets Geist, der verhindert, dass sie „normal“ irgendwie „menschlich“ reagiert. Der sie aber auch auf etwas kauzige Weise so sein lässt, wie sie nun einmal ist.

Was erwartet man also, wenn eine solche Nachricht – Gert hat einen schweren Schlaganfall und liegt auf unbestimmte Zeit im Koma - in ein sonst so geordnetes, nicht aber sehr zufriedenes Leben hereinbricht? Nichts von alledem, das im Rahmen dessen ist, was ein Mensch an Verhalten an den Tag legen mag, ist Margret bereit zu zeigen. Sie würde zumindest gerne weinen, aber sie kann nicht. Sie steht an Gerts Krankenhausbett und sieht zu, wie er Tag für Tag mehr zu einer wächsernen Mumie wird. Sie kann den Geruch des Krankenhauses nicht ertragen, sie will keine Verbindung zu dem Pflegepersonal, sie ist von den Fragen genervt, sie ist verloren. So irrt sie in den darauffolgenden Wochen durch ihr stilles Leben. Feiert die Hochzeit ihres Sohnes, nimmt wieder Kontakt zu ihren Geschwistern auf und versucht zumindest, einige Fäden ihres Lebens wieder aufzuheben. Der Koffer mit den Tagebüchern ihrer Mutter, von der sie so gut wie gar nichts weiß, steht wie eine Mahnung in ihrem Wohnzimmer. Sie muss ihn wieder loswerden. Darin sind Erinnerungen, die für Margret keine sind. Vom Krieg, von einem gewissen Ablauf im Alltag, aber nicht von dem, was wirklich passiert ist in jenen Nachkriegstagen, als Margret noch gar nicht auf der Welt war.

Unvollendete Sätze, unvollendetes Leben

In all der unterkühlten, ja fast nüchternen Perspektive, die wir durch Margrets Blick einnehmen, finden wir unbeholfene Versuche der Annäherung, aus Höflichkeit, da man eigentlich nicht mit den Problemen der anderen behelligt werden möchte. Die Sätze des Zuspruchs – Plattitüden des Alltags, die jeder kennt – bleiben unvollendet. In Margrets Kopf und in ihren Gesprächen. Dinge, die man nicht aussprechen möchte, wie „… eine alternde Frau, die man nicht mehr ernst nehmen kann, von der nur noch zu hoffen bleibt, dass sie denn in Würde, wenn es einmal.“ Zeigen aber auch, dass sie sich nur scheinbar aufgegeben hat und noch immer nach dem sucht, was sie zu etwas Besonderem macht. Doch sie findet es nicht. Nicht im Schreiben, das sie nie fortgeführt hat, nicht in ihrer heimlichen Freundschaft zu Andreas, den sie an der Uni kennengerlernt hat und auch nicht in ihren Beziehungen. Wie ihre Sätze scheint das Leben von Margret unvollendet zu sein. Das betrübt sie, doch sie ist schroff, zu sich und zu anderen, wirkt ungnädig mit ihren Mitmenschen. Und auch wenn sie so sehr versucht, nicht so zu sein: Sie dreht sich immerzu um sich selbst.

Eine Frau ohne Zugang

So verwundert es auch nicht, dass man als Leser/in auch nur schwer Zugang zu ihr findet. Sie bleibt kühl, außen vor, unverstanden. Schön beschreibt Cornelia Achenbach in ihrem Debüt, wie sich dann doch die einen oder anderen kleinen Gefühle in ihr breit machen. Wie sie deren Wirkung und Ausbreitung beobachtet, selbst fast staunend daneben steht wie es passiert.

In der Sprache spiegelt sich dieses Von-sich-Abgetrennt-Sein sehr gut wider und wenn man einmal in diese etwas graue und staubige Welt gefunden hat und Margret folgt, wie sie plötzlich doch ganz überraschende Dinge tut, dann hat das Buch auch schon genau das erreicht, was es soll. Denke ich, denn auch wenn das Ende ebenso knapp und treffsicher ist wie Margrets Schlagfertigkeit, hält es etwas bereit, das ihre vorherige Kühle und Wortkargheit wieder aufwiegt. Cornelia Achenbach hat eine schöne, klare Sprache gefunden, die mit ihrer Tiefe für sich schon einnehmend ist.

Fazit:

Margrets Perspektive und ihre Urteile über sich und die Welt sind nicht ohne eine gewisse Treffsicherheit und bieten gerne auch mal eine Pointe zum Schmunzeln. Doch im Großen und Ganzen ist ihr sehr eigenwilliger Blick eher der Vergangenheit und der Frage nach dem „richtigen“ Leben zugewandt. Und trotz alledem – oder gerade deswegen - ist es ein Buch, in dessen Sprache und Melancholie man sich irgendwie verfängt.

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