Das außergewöhnliche Leben des Sam Hell

Erschienen: Januar 2020

Bibliographische Angaben

- OT: The Extraordinary Life of Sam Hell

- aus dem Englischen von Dorothee Danzmann

- TB, 554 Seiten

Couch-Wertung:

71

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Yannic Niehr
Gott hat dir außergewöhnliche Augen gegeben, weil er möchte, dass du ein außergewöhnliches Leben führst

Buch-Rezension von Yannic Niehr Mär 2020

Burlingame, Kalifornien 1989: Samuel Hill liegt auf einem Operationstisch kurz vor seiner Vasektomie. Während ihm alle möglichen Gedanken durch den Kopf gehen, hört er von draußen die Glocken der Our Lady of Mercy, der katholischen Schule dieses kleinen Städtchens, in welchem er aufgewachsen ist. Schnell schwelgt er in Erinnerungen und lässt sein Leben Revue passieren…

Sam hat es nie leicht gehabt: er wurde in den 60er Jahren mit okularem Albinismus geboren, einer genetischen Anomalie, aufgrund der die Iris seiner Augen rot gefärbt ist. An der Schule wird er so schnell als „Teufelsjunge“ verschrien, und es bürgert sich der Spitzname Sam Hell ein. Doch seine streng gläubige Mutter sieht in allem Gottes Vorsehung: für sie ist klar, dass ihr Sohn etwas Besonderes und zu Großem berufen ist. Dennoch ist sie sich nicht zu schade, dem Schicksal ganz resolut auch mal nachzuhelfen, und lässt Ungerechtigkeiten und Diskriminierungen nicht auf sich sitzen. Doch ganz sicher vor den Anfeindungen anderer ist Sam Hell dann doch nie, wie er leider schnell feststellen muss. So macht ihm der Schläger David Bateman in der Schule schwer zu schaffen – ganz zu schweigen von der eher unterschwelligen Abneigung, die ihm so mancher Erwachsene entgegenbringt. Lediglich seine Freunde Ernie Cantwell, der sich als einziger afroamerikanischer Junge der Our Lady of Mercy ebenfalls übermäßig behaupten muss, um sein „Anderssein“ zu kompensieren, sowie die burschikose Michaela „Mickie“ Kennedy, die aus zerrüttetem Elternhaus stammt und der schnell nachgesagt wird, sie schmeiße sich jedem Jungen an den Hals, stehen ihm jederzeit zur Seite. Gemeinsam bilden die drei Außenseiter ein unschlagbares Team. Und die Verstrickungen der Schicksale all dieser Figuren lässt sie ihr Leben lang immer wieder hochdramatisch aufeinanderprallen…

„Ich hatte mich entschlossen, dass das Warten auf Gottes Willen nicht die Art sein würde, wie ich an mein Leben heranging“

Drama, Familiengeschichte, Teenie-Romanze – Robert Dugoni verwebt (teils autobiographisch geprägte) Szenen eines jungen Lebens zu einem Panorama der Widrigkeiten und Schönheiten des amerikanischen Kleinstadtmilieus. Dabei ist Das außergewöhnliche Leben des Sam Hell vor allem ein Coming-of-Age-Roman, denn die Erfahrungen, die den aus der Ich-Perspektive berichtenden Protagonisten formen und zu dem werden lassen, der er am Ende ist, machen das Herzstück der Erzählung aus. Seine persönliche Entwicklung zeigt sich in den Interaktionen und Berührungspunkten mit den Menschen, denen er begegnet – seien es die, die ihm am nächsten stehen und bedingungslos lieben, oder jene, die ihn aufgrund seines Aussehens nicht in dieser beschaulichen Welt haben wollen.

Leider gerät das Buch stellenweise etwas zu rührselig. Dugonis Stil ist schnörkellos und liest sich flüssig und ansprechend, er neigt aber dazu, gelegentlich zu dick aufzutragen. So bleibt auch der Griff in die Klischeekiste nicht aus: der Verlust der Unschuld; die unerschütterliche und unverfälschte Liebe der Eltern; das ruppige Mädchen von nebenan, dem Unrecht getan wurde, und unter dessen Narben sich ein Herz aus Gold verbirgt; der Brutalo, der selbst Opfer von Gewalt war, nun aber keinerlei positiv ausgleichende Eigenschaften mehr aufweist; dramatische, alles verändernde Todesfälle; eine unverhoffte Liebesgeschichte – alles davon hat man schon einmal gelesen. Unglücklicherweise ist das Narrativ ein wenig zu ausufernd und zäh, um diese Elemente dennoch funktionieren zu lassen und zu einem organischen Ganzen zu machen.

„Im Leben eines jeden Menschen kommt der Tag, an dem er aufhört, nach vorn zu sehen, und stattdessen zurückschaut“

Punkten kann Dugoni mit der Beschreibung seiner Charaktere. Von einigen hätte man sogar gerne mehr gelesen, doch die zentralen Figuren, die nicht zu kurz kommen, werden zwar nicht immer originell, dafür aber nuanciert, glaubhaft und lebendig in Szene gesetzt – allen voran Sams nicht zu bremsende Mutter. Ein roter Faden, der sich durch das Buch zieht, besteht in  Sams Glaubenskrise: aufgrund der schlechten Erfahrungen mit seinen Mitmenschen, die ihm leider nicht immer erspart bleiben, kann er das Gottvertrauen seiner Mutter irgendwann nicht mehr teilen. Am Schluss aber schließt sich der Kreis und es stellt sich die Frage, ob sie mit ihren Voraussagen für ihn nicht letztlich doch Recht gehabt hat. Sam findet heraus, dass man Ungerechtigkeit durch eigenes Handeln ein Gegengewicht bieten und dadurch Licht und Hoffnung in die Welt bringen kann – man darf nur nicht vor sich selbst davonlaufen. So gerät das Finale ein bisschen kitschig und arg glatt, aber doch berührend und stimmig.

Fazit

Ein kurzweiliger Coming-of-Age-Roman, der nicht ganz das hält, was er verspricht. In den Momenten aber, in welchen zwischen den Zeilen Dugonis Aufrichtigkeit durchscheint, ist Das außergewöhnliche Leben des Sam Hell ein gutes Buch.

Das außergewöhnliche Leben des Sam Hell

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Letzte Kommentare:
11.05.2020 14:11:15
buecherwurm1310

Sam hat einen Gendefekt, was sich durch rote Augen bemerkbar macht. Seine Mutter ist sehr gläubig und betrachtet es als gottgewollt. Aber andere Menschen sehen es eher als Gabe des Teufels. Erst wird Sam von der Grundschule abgelehnt, dann wird er in der Schule zum Außenseiter. Wenn es gut läuft, ignoriert man ihn, meist aber wird er gemobbt und verprügelt. Das ändert sich erst, als er den afroamerikanischen Ernie Cantwell und die rebellischen Mickie kennenlernt. Die drei werden Freunde.
Jahre später blickt Sam auf seine Kindheit zurück. Erst als er sein Leben mit allen Höhen und Tiefen akzeptiert, steht es ihm wirklich offen, er ist zufrieden und kann lieben.
Robert Dugoni hat einen wundervollen Schreibstil, mit dem er die Gefühle des Protagonisten sehr gut herüberbringt. Ich habe mich dadurch gut in Sam, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt wird, hineinversetzen können. Die Geschichte ist unterhaltsam und tragisch zugleich.
Sam ist ein sympathischer Mensch, dem das Leben viele Steine in den Weg geworfen hat. Er hat liebevolle Eltern und gute Freunde, doch immer wieder muss er auch viel einstecken. Durch den Einfluss seiner starken und streng gläubigen Mutter akzeptiert er alles, was ihm widerfährt, als gottgegeben. Bis dann etwas geschieht, dass ihn zweifeln lässt, ob Gott es wirklich gut meint mit den Menschen. Doch er findet irgendwann zu innerer Stärke.
Es ist ein Buch, das sich mit Vorurteilen, Mobbing und Grausamkeiten, aber auch mit Freundschaft und Liebe beschäftigt. Sam braucht lange, bis er akzeptieren kann und dadurch zu sich selbst findet.
Es ist eine wundervolle und sehr emotionale Geschichte, die nachdenklich macht. Ich kann das Buch nur empfehlen.

Film & Kino:
Emma

Im Frühjahr ist mit „Emma.“ eine neue Adaption eines der Spätwerke der bedeutenden englischen Schriftstellerin Jane Austen in Deutschland angelaufen. Setting der Handlung ist - wie stets bei Austen - das ländliche England mit den Vertretern der „Gentry“, der Schicht des Landadels. Titel-Motiv: © Box Hill Films / Focus Features

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