Das geschwärzte Notizbuch

Erschienen: November 2019

Bibliographische Angaben

- OT: El Cuaderno Tachado

- aus dem Spanischen von Christian Sönnichsen

- HC, 304 Seiten

Couch-Wertung:

85

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Yannic Niehr
Ad fundum

Buch-Rezension von Yannic Niehr Dez 2019

Obwohl bereits über 40, lebte Pablo Betances noch mit seiner Mutter zusammen, schlief sogar mit ihr in einem Kingsize-Bett. Einen Plan oder ein Ziel hatte er nie, nicht einmal ein eigenes Bankkonto – man lebte in den Tag hinein. Das einzige Talent, das plötzlich aufblitzte, die einzige Leidenschaft, die ihn von heute auf morgen ganz unerwartet überraschte, war das Schreiben. Plötzlich hatte er da etwas, in dem er aufging. Pablo hatte sich das Schreiben nicht ausgesucht, es hat sich ihn ausgesucht. Bislang waren seine ersten Gehversuche, Drehbücher erfolgreich an den Mann zu bringen, nicht von Erfolg gekrönt gewesen.

Doch das alles war vorher: vor der schicksalsschweren Einladung des weltberühmten Regisseurs Santiago Salvatierra, dem Pablos Entwurf gefallen hat und der sich mit ihm unterhalten will. Tatsächlich ist das Unglaubliche passiert: der Regisseur sperrt den Autor in einen Keller, hält ihn dort gefangen und zwingt ihn, für ihn zu schreiben. So fristet Pablo nun schon seit Jahren sein Dasein. Sein Martyrium hält er in dem titelgebenden Notizbuch fest, welches er allabendlich schwärzt, damit sein Entführer seine Gedanken nicht nachverfolgen kann. Bereits mehrere fertige Drehbücher hat Pablo in Gefangenschaft gefertigt, doch bislang konnte keines der danach entstandenen fertigen Filmprodukte Santiago zufriedenstellen. Der größenwahnsinnige Filmkünstler ist besessen davon, ein Meisterwerk zu schaffen, das die internationale Filmwelt für immer verändern soll. Einige berühmte Namen haben bereits zugesagt, der Produktionsstarttermin steht – nur Pablo muss noch abliefern. Nun muss er also wortwörtlich um sein Leben schreiben…

„Das Schreiben ist das Einzige, was beim Schreiben zählt; ist das Einzige, was zählen sollte

Auch Autor Nicolás Giacobone ist dem Schreiben nicht fremd – sein Drehbuch für Birdman brachte ihm 2015 den Oscar ein. Nun legt er mit Das geschwärzte Notizbuch seinen Debutroman vor – und dieser hat es in sich! Unvermittelt wird man hineingeworfen in das Geschehen, leidet mit Pablo. Nur zu seinen Gedanken haben wir Zugang, und auch das nur über das Medium des Notizbuches, in welchem er alles festhält (bis er schließlich gezwungen ist, das Medium zu wechseln). Santiago sorgt gut für sein leibliches Wohl, und jeden Morgen gibt er seine Anmerkungen zu den Szenen, die Pablo zuvor verfasst hat. Es entsteht ein spannendes, fast schon intimes Kammerspiel, dessen Prämisse ein wenig an Genreliteratur wie z.B. Stephen Kings Sie erinnert. 

„Ich schreibe, weil es das Einzige ist, was ich kann. Die einzige Möglichkeit, zu existieren, wenn man nicht existiert“

Herzstück des Psychodramas ist aber nicht der Plot an sich, sondern die (mit jeder Seite verwirrter und assoziativ sprunghafter werdenden) Gedankengänge Pablos, dem, zurückgeworfen auf sich selbst, nichts anderes übrig bleibt, als sein Tun zu reflektieren. Die toxische Hassliebe, die sich zwischen Entführer und Entführtem entwickelt, steht stellvertretend für die komplexe Dreiecksbeziehung zwischen Autor, Regisseur und fertigem Film – gleichzeitig aber auch für die Beziehung zwischen dem Künstler und seinem Werk bzw. seiner eigenen, überhöhten Persönlichkeit. Giacobones (ganz nach Drehbuchmanier) kurze, aber prägnante Sätze reichern dies durch vielerlei Anspielungen (z.B. auf Peter Shaffers ähnlich gelagerten Monumentalfilm Amadeus) mit Subtext an und versprühen dabei abstrusen, sardonischen Humor. Eine Wendung im letzten Drittel nimmt dem Spannungsbogen zwar kurzzeitig die Luft raus, kann aber mit ihrer Unvorhersehbarkeit und Originalität in den letzten Zügen hin zu einem Finale überzeugen, das einen ganz bewusst  - und somit raffiniert - unbefriedigt zurücklässt.

Fazit

Meisterhaft entspinnt Nicolás Giacobone einen witzigen, spannenden und auf clevere Art und Weise introspektiven Thriller, der aufzeigt, wie nah die Tätigkeit des Schreibens am Wahnsinn liegt – wie wahrhaft unmöglich sie eigentlich ist. Eine Meditation über die Beziehung zwischen Künstler und Kunst, die auf (fast) ganzer Linie funktioniert und dabei trotzdem nicht vergisst, zu unterhalten. Dieses Kopfkino ist definitiv einen Blick wert!

 

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