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Sebastian Riemann
Inhalt und Sprache in harmonischem Einklang

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Nov 2019

Saša Stanišić zählt schon seit Jahren zu den besten Schriftstellern der deutschen Sprache. Seine Werke wurden mehrfach ausgezeichnet und von zahllosen Kritikern gepriesen. Nun hat er mit Herkunft ein ganz besonderes und besonders gutes Buch vorgelegt, das ihm den höchst angesehenen Deutschen Buchpreis einbrachte. In diesem autobiografisch geprägten Werk befasst sich der gebürtige Višegrader mit der eigenen Herkunft, dem persönlichen und professionellen Werdegang, aber auch mit gesellschaftlichen Umbrüchen seiner Zeit. Dabei besticht er mit grandiosem Sprachgebrauch und gesellschaftlich relevantem Inhalt.

Ein Friedhof in den Bergen

Die Erzählung beginnt in Oskoruša mit Gavrilo und der Großmutter des Autors. Die beiden nehmen Saša mit zum Friedhof, auf dem frühere Generationen der Stanišić-Familie begraben liegen. Sie reden über die alten Zeiten, trinken und essen zwischen den Toten. Es ist ein nahezu mystischer Ursprungsort, hoch in den Bergen. Die Natur und die Gräber sprechen eine eindeutige Sprache: hier liegt dein Anfang, Saša - das bist du. Aber für den Schriftsteller, der bereits seit vielen Jahren in Hamburg lebt und dort eine Familie hat, ist die Angelegenheit nicht so einfach. Oskoruša gehört zur Geschichte seiner Familie und somit auch zu ihm, aber es ist nicht alles. Schweren Herzens muss Saša die Festlegung der eigenen Herkunft verschieben. Hier liegt nicht der entscheidende Quell seiner Identität – es ist komplizierter und vielfältiger.

Seine Großmutter wird senil. Das macht Saša zu schaffen. Er leidet mit ihr, wenn sie wieder alte Bekannte zu sehen glaubt oder nach ihrem längst verstorbenen Ehemann verlangt. Sie ist seine Verbindung in die alte Heimat im ehemaligen Jugoslawien und eine Bewahrerin der Familiengeschichte. Je mehr die Großmutter vergisst, desto mehr verliert auch Saša seine Wurzeln. Sein Festhalten an ihr - seine Anrufe und Besuche, die dem gesamten Buch Struktur geben - ist Ausdruck seines Bewusstseins für die eigene Vergangenheit. Zugleich verleiht die Beziehung zur Großmutter der Geschichte viel Emotion und Atmosphäre. Die Frage der Herkunft wird nachvollziehbar und erlebbar, da sie in eine Familie eingebettet wird.

Višegrad und Heidelberg

Die Familie Stanišić floh aus dem ehemaligen Jugoslawien, als es zu Krieg und ethnischen Säuberungen kam. Sie musste um ihr Leben fürchten (ein Polizist warnte sie rechtzeitig und ermöglichte somit die Flucht) und machte sich auf den Weg nach Deutschland. Dort fand vor allem der junge Saša eine neue Heimat, die ihm Sicherheit - und Joseph von Eichendorff - bieten konnte. Im schönen, romantischen Heidelberg ging er zur Schule und lernte, was es bedeutete, am Rand der Gesellschaft zu leben. Im Supermarkt werden er und sein Vater rassistisch beleidigt, da sie nicht Deutsch miteinander sprechen. Die neue Heimat hält ihm seine Herkunft vor und will ihn gerne loswerden.

Im Heidelberger Emmertsgrund wächst Saša jedoch zu der Person heran, die später bekannt und geachtet werden wird. Hier entdeckt er seine Liebe zur Literatur. So zeichnet der Schriftsteller seinen Werdegang und das eigene Werden, während der Begriff der Herkunft immer weiter anwächst.

Die Sprache

Neben dem interessanten und relevanten Gegenstand des Buches sticht vor allem der kreative Sprachgebrauch von Saša Stanišić hervor: er macht die Worte zum Mittel seiner Absicht und ist bereit, unkonventionelle Wege zu gehen, um die gewünschte Wirkung zu erzielen. Das kann im ersten Moment eine Herausforderung für den Leser sein, wird aber stets belohnt. Stanišić experimentiert nicht ohne Grund - er weiß, was er tut. So beschreibt er einen rassistischen Übergriff im Deutschland der 90er Jahre mit einer Liste neuer Deutschvokabeln, die er sich an jenem Tag in seinem Schulheft notiert hatte. Wort für Wort führt er den Leser an das Geschehen und seine Wirkung heran, lässt gleichzeitig großen Freiraum für eigene Emotionen. Die Wirkung ist umwerfend, da sie nicht aus einer gegenständlichen Beschreibung hervorgeht, sondern dem Inneren des Lesers entspringt. Stanišić versetzt in Erstaunen und unterstreicht mit solchen Manövern seine herausragende Stellung im aktuellen Literaturbetrieb Deutschlands.

Der eine kommt aus Višegrad, der andere komme von Tolstoi

Die Vergabe des Deutschen Buchpreises 2019 an Saša Stanišić wird wohl immer auch im Zusammenhang mit der Vergabe des Literaturnobelpreises im selben Jahr gesehen werden - denn Stanišić reagierte scharf auf die Wahl der Stockholmer Akademie: er bezeichnete den Preisträger Peter Handke als einen Verherrlicher des Kriegsverbrechers Slobodan Milosevic, der u.a. für das Massaker von Srebrenica (nicht weit von Višegrad entfernt) und den Tod von 8.000 Menschen verantwortlich gemacht wird. Damit löste Stanišić viele Diskussionen aus, die u.a. dazu führten, dass Handke sich vor Journalisten rechtfertigen musste und dazu hinreißen ließ, seine eigene Herkunft zu bezeichnen. Während Saša Stanišić aus Višegrad stammt, vor dem Terror des Krieges fliehen musste und in Heidelberg eine neue Heimat fand, behauptete Peter Handke, er komme von Homer und Tolstoi. Ohne es zu wollen trug Handke zur Diskussion bezüglich der Herkunft bei. Und Saša Stanišić? Er zerrte die Literatur ins Rampenlicht des öffentlichen Diskurses, heraus aus der gemütlichen Ecke mit Sofa und Pfeife.

Fazit

Herkunft befasst sich mit einem wichtigen, relevanten Thema, das nicht analytisch unter dem Mikroskop betrachtet, sondern lebendig und eindringlich erzählt wird. Stanišić offenbart sich mit diesem Buch als großer Dichter und Denker.

 

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Letzte Kommentare:
01.04.2020 11:20:48
Silver Surfer

"Herkunft" ist ein sehr persönliches Buch. Es werden im Wesentlichen autobiographische Anekdoten aneinandergereiht, die sich zum einen auf die Familiengeschichte des Autors in Ex-Jugoslawien, zum anderen auf sein Leben in Deutschland beziehen, wo er nach der Flucht vor dem Krieg eine neue Heimat fand. Ergänzt werden diese Anekdoten durch essayistische Reflexionen über dies und jenes, insbesondere über die titelgebende "Herkunft" und über verschiedene Aspekte von Sprache. Das ist so weit ganz nett, aber mir erschließt sich nicht, weshalb dieses Werk einen Literaturpreis erhalten hat und bei manchen Rezensenten als äußerst innovativ gilt.
Die theoretischen Reflexionen sind von unterschiedlicher Qualität. So denkt der Autor einmal über ein Wort nach, das die Bedeutung aller anderen Wörter in sich trage. Dieses Wort sei innerhalb kürzester Zeit veraltet, liest man weiter, da eben ständig neue Wörter entstünden, deren Bedeutung dann in besagtem Mega-Wort nicht enthalten sein könne. Na ja, auf diese Überlegung hätte man ohne großen Schaden auch verzichten können. Dasselbe gilt auch für viele der autobiographischen Anekdoten. In seiner Heidelberger Zeit hätte er immer ein paar Bürgerkriegsanekdoten parat gehabt, erzählt Stanisic, die Zuhörer hätten aber schnell das Interesse daran verloren. So ähnlich ging es auch mir beim Lesen von "Herkunft". Die kleinen Geschichten, die in einer Familie erzählt werden, haben für die Angehörigen dieser Familie eine wichtige Funktion, weil so ihr Zusammenhalt kultiviert wird. Für Außenstehende haben sie diese Funktion nicht. Und das trifft aus meiner Sicht auf vieles zu, was man in "Herkunft" lesen kann.
Natürlich kann Persönliches und Biographisches in große Literatur verwandelt werden. Eugen Ruge gelingt dies mit der Geschichte seiner Familie, Matthias Brandt mit den Erinnerungen an seine Jugend, um zwei aktuelle Beispiele zu nennen. Sasa Stanisic gehört nicht in diese Reihe.