Fräulein Nettes kurzer Sommer

Erschienen: September 2018

Bibliographische Angaben

- Hardcover, 592 Seiten

- TB-Ausgabe Juni 2020

Couch-Wertung:

85

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Kirsten Kohlbrei
In Westfalen zerbricht eine Liebe, während sich Deutschland restauriert

Buch-Rezension von Kirsten Kohlbrei Nov 2019

Das Fräulein Nette ist die junge Annette von Droste-Hülshoff, die mit einer schicksalhaften Liebesbeziehung aus ihrer Jugend die Vorlage für Karin Duves Roman liefert. Dabei verknüpft die Autorin ihre Schilderung der persönlichen Erfahrung der Dichterin mit dem lebendigen, detailverliebten Porträt einer Zeit des politischen und gesellschaftlichen Wandels.

Ein gar nicht freies Freifräulein

Als Frühchen im Januar 1797 auf der Wasserburg Hülshoff bei Münster in eines der ältesten Adelsgeschlechter Westfalens hineingeboren, blieb Annette von Droste-Hülshoff zeitlebens krankheitsanfällig, sehr grazil und wurde nur 1,50 m groß. Sie war extrem kurzsichtig und konnte mit ihren leicht vorstehenden Augen von ihrer Umgebung oft nicht mehr als Farben und Konturen erkennen. Impulsiv und eigenwillig zeigte sie an Frauen zugedachten Beschäftigungen von Kindheit an wenig Begeisterung. Stattdessen erkundete sie lieber die westfälische Landschaft, oft mit einem kleinen Berghammer bewaffnet, um Mineralien zu sammeln. Dank der fortschrittlichen Einstellung ihrer Eltern wurde sie mit ihren Brüdern zusammen unterrichtet und genoss so Zeit eine in der damaligen Zeit für Mädchen außergewöhnliche Bildung. Die aus Sicht der Erwachsenen vorlaute Art der heranwachsenden Annette mit ihrer so gar nicht weiblichen, tiefen Stimme, sich in eigentlich Männern vorbehaltenen Themen einzumischen, wurde jedoch missbilligt.

Ihre ersten dichterischen Schritte erfuhren nach anfänglicher Skepsis Förderung. Auch ihr Klavierspiel und Gesang fand generell Anklang, wenn auch vielleicht für manche Ohren etwas zu exaltiert und grell. Voller Unternehmenslust und Fernsucht schwärmte Annette von Reisen, die Gesundheit und gesellschaftliche Zwänge nicht zuließen. Für sie beschränkte sich das Reisen daher sich meist auf die regelmäßigen Besuche der weitläufigen Verwandtschaft. Dazu zählten vor allem lange Aufenthalte auf dem Bökerhof, dem Sitz der Familie mütterlicherseits (Haxthausen). Nachdem ihre Onkel Werner und August die wissbegierige, talentierte Nichte zunächst durchaus wohlwollend behandelten, schlug das ins Gegenteil um, als Annette sich in ihren Augen zu viel über ihr eigenes Können einbildete und mit angeblich respektlosen Bemerkungen aneckte.

Ein mittelloser bürgerlicher Student

August, der in Göttingen studierte, gehörte dort der Poetischen Schusterinnung an, einer literarischen Vereinigung, zu deren Mitglieder auch sein Kommilitone Heinrich Straube zählte.

Restlos von der Genialität seines Freundes überzeugt, sah er in ihm den neuen Goethe und ermöglichte ihm durch finanzielle Unterstützung das Studium, nachdem Heinrich, selbst nicht adlig, durch wirtschaftlichen Bankrott seines Vaters mittellos dastand. Straube war ein etwas verschrobener Typ mit einer auffälligen Nase und einer hohe Stimme, die ihm den Spitznamen „Wimmer“ eingebracht hatte Außerdem war er mit einem schmutzig-gelben, abgetragenen „Flaus“ – einer Art Überrock – auch eigenwillig gekleidet. Dank seiner Intelligenz und seines freundlichen Wesens erfreute er sich jedoch allgemeiner Beliebtheit. Augusts Freunde, zu denen u.a. die Gebrüder Grimm aus Kassel gehörten, waren regelmäßige Gäste auf dem Bökerhof – so auch Heinrich, der ganz selbstverständlich zu Feiertagen wie Ostern und Weihnachten eingeladen wurde. Zum Leidwesen der artig schweigsamen, brav auf dem Sofa sitzenden stickenden Tanten Annettes, zog ihre ungehobelte Nichte trotz fehlender schicklich-weiblicher Zurückhaltung dabei das Interesse der männlichen Besucher immer wieder auf sich.

Ein kurzes Liebesglück

Als Annette und Heinrich sich 1818 zum ersten Mal begegneten, bekam Straube die scharfe Zunge Nettes, vor der ihn ihre Onkel zuvor gewarnt hatten, bei einer abfälligen Äußerung über seinen Flaus sofort zu spüren. Doch er reagierte ganz anders als die Familie, die vorwurfsvoll und entsetzt über Annette herfiel. Statt beleidigt zu sein, nahm er sich der Gescholtenen und mit sich selbst Hadernden an, brachte sie auf andere Gedanken und entkräftete ihre Selbstvorwürfe auf sanfte Weise. Vor allem über Annettes Schreiben und ihre Texte wurde das ungleiche Paar zunehmend miteinander vertraut, denn Straube zeigte wahres Interesse an ihren Werken und Annette war begierig nach seiner kompetenten Einschätzung. Bei weiteren Besuchen und Begegnungen entwickelte sich aus einer innigen Freundschaft eine verhaltene Liebe, die aufgrund der Standesunterschiede jedoch nur eine unsichere Zukunft haben konnte. Die Bedrohung ihrer Zweisamkeit kam dann allerdings ganz konkret in der Gestalt von  Arnswaldt, einem weiteren Mitstudent von August, der während eines Aufenthalts auf dem Bökerhof bei Annette Gefühle auslöste, die sie in Selbstkastei als Liebesverrat an Straube empfand. Arnswaldt seinerseits initiierte nach ihrer Abweisung mit Hilfe von Annettes Familie ein Komplott, an dessen Ende die unwiederbringliche Entzweiung von Annette und Heinrich stand.

Persönliches Schicksal als Sittengemälde

All das erzählt Karen Duve ohne jeglichen Anflug von Larmoyanz mit viel trockenem Humor, der nahezu die Tragik hinter den Geschehnissen vergessen lässt. Dabei ist die Geschichte der unglücklichen Liebenden nur eine Lesart ihres Romans, der gleichzeitig mit biographischen Zügen das Leben der Annette von Droste-Hülshoff skizziert und dabei ein unerwartetes Bild von Deutschlands berühmter Dichterin entwirft.

Indem Duve ihre Version der individuellen Lebenskatastrophe mit mannigfaltigen Beschreibungen alltäglichen Lebens, geisteswissenschaftlicher Auffassungen, sowie gesellschaftlicher und politischer Ereignisse versieht, wird ihr Buch zudem zu einem kurzweiligen Kompendium der Epoche. Dafür nimmt sie sich auf fast 600 Seiten Zeit und Raum und passt den Textfluss dem gemächlichen Tempo des Jahrhunderts an, ohne dass das Resultat langatmig oder gar langweilig erscheint. Von der Akribie und der Genauigkeit, mit der die Autorin bei der Recherche vorgegangen ist, zeugt das seitenlange Literaturverzeichnis im Anhang. Aus diesem Wissensfundus schöpft sie, wenn sie ihr Sittengemälde Deutschlands in den Jahren der Restauration entstehen lässt. Und das ist bunt und allumfassend, reicht von maroden westfälischen Kutschwegen bis zur Neuordnung Europas nach dem Wiener Kongress. Darüber macht Duve Vergangenheit erfahrbar und verstärkt diesen Effekt noch, indem sie die Szenerie mit dem Auftreten bekannter Personen aus Romantik und dem Vormärz belebt. Ihr historischer Roman geht da über eine bloße Deskription hinaus, wo er relevante Themen in die Gegenwart transportiert. Am augenscheinlichsten gelingt so ein Transfer bei der Darstellung vom Aufbegehren der jungen Annette gegen das Patriarchat: Karin Duve zielt damit auf die Positionierung der Frau im heutigen Alltag, vor allem auch im Kulturbetrieb, ab. So macht sie Annette von Droste-Hülshoff mit ihrem späteren literarischen Erfolg zur Vorreiterin für junge Frauen, die sich rund 200 Jahre nach der westfälischen Dichterin auf ihrem Weg noch behaupten müssen.

Fazit

„Hätte, hätte, Epaulette“- die lakonische Schilderung der ihr Leben nachhaltig prägenden Begegnung mit Heinrich Straube lenkt den Blick auf die Person und das Werk von Annette von Droste-Hülshoff und rüttelt dabei gewaltig an dem verstaubten Bild einer bloßen Verfasserin von Pflichtschullektüre. Authentisch erzählend, nimmt Karin Duve ihre Leser mit auf eine Reise durch eine bewegte Epoche deutscher Geschichte und lässt dabei - wie beim Blick aus der Kutsche - die Geschehnisse Revue passieren. Das gelingt ihr so facettenreich, informativ und unterhaltsam, dass ihr Roman keineswegs holprig daherkommt, sondern behaglich-lesenswerte Lektüre verspricht.

 

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