Erschienen: September 2019

Bibliographische Angaben

- Hardcover, 208 Seiten

Couch-Wertung:

87

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Stefanie Eckmann-Schmechta
Dem Schmerz davonlaufen

Buch-Rezension von Stefanie Eckmann-Schmechta Jan 2020

In Isabel Bogdans neuem Roman sind wir ständige Begleiter im Kopf einer jungen Frau, die ihre Laufrunden durch Hamburg zieht. Ihren Namen erfahren wir nicht, doch wir werden Zeuge ihrer inneren Monologe und ihrer Metamorphose, die sie aus der tiefsten Trauer zurück ins Leben führt. Mit jedem Ein- und Ausatmen und mit jedem Schritt kommen wir mit ihr voran.

 „Du warst mein Zuhause und jetzt bin ich verwitwet und verloren und unbehaust.“

Es sind Sätze wie diese mit denen Isabel Bogdan die Verlorenheit ihrer Protagonistin eindrucksvoll beschreibt. Am Anfang erfahren wir nur, dass ihr Mann gestorben ist. Sie ist nicht mit ihm verheiratet und sie hat auch kein Kind mit ihm. Die Frau versucht die Bilder, die Gedanken und Erinnerungen, die mit alltäglichen Beobachtungen in ihren Kopf kommen, in Schach zu halten. Ihre Gedankengänge treiben von einem Thema zu anderen, setzen sich fest und umkreisen doch am Ende wieder den Tod ihres geliebten Partners. Nach und nach nähern wir uns der Katastrophe, werfen mit ihr wieder und wieder einen Blick darauf, bis das Bild deutlicher wird. Wie ihr Schmerz, hat auch „er“ während des Prozesses keinen Namen.

Hinweise auf die Ereignisse verstecken sich in zunächst nur kurzen Rückblicken. Die Geschichte springt – wie die Gedanken – von der Gegenwart in die Vergangenheit und wieder zurück. Von seinen Eltern zu den ehemals gemeinsamen Freunden, zurück zu ihren aktuellen Kontakten: Zu ihrer Therapeutin, zur besten Freundin und zu den Musiker-Kollegen im Orchester.

Die Frage, ob sie seinen Tod hätte verhindern können, ist ihr ständiger Begleiter, mal drängender mal weniger. Dabei muss sie sich neu (er-)finden und stellt fest, dass ihre Beziehung nicht so glücklich war, wie sie dachte.

 „... alles verrutschte, nichts war mehr an der richtigen Stelle, vor allem du und ich nicht...“

Während sie darüber nachdenkt, welche Rolle Sie bei dieser schrecklichen Wendung in ihrer beider Leben hatte, läuft sie einfach weiter, auch wenn sie nicht mehr kann. Ein ganzes Jahr begleiten wir sie – wie sie von einer müden, abgekämpften Frau zu einer routinierten Läuferin wird.

Ein besonderer Erzählstil

Wie auch bei ihrem Roman Der Pfau wählt Isabel Bogdan einen ungewöhnlichen Erzählstil und verzichtet auf direkte wörtliche Rede sowie – wie im vorliegenden Roman - weitestgehend auf Begegnungen und Interaktionen im „Hier und Jetzt“. Der Blick bleibt zurückgewandt, egal, ob die Erlebnisse nun jüngerer oder älterer Art sind. Das erzeugt eine Passivität, die die innere Lähmung der Protagonistin fast greifbar macht. Scheinbar ohne Konzept rekapitulieren wir die Geschehnisse, bis wir verstehen, was passiert ist. Und es berührt auf eine besondere Weise. Denn Isabel Bogdan findet außergewöhnlich starke Metaphern, wie etwa die des schweren Friesennerzes, der Isoliertheit und Schwere beschreibt:

 „…ich kämpfe gegen den Widerstand dieser Plastikhülle an, es dringt nichts von außen zu mir herein… und wenn ich nach rechts und links gucken will, sehe ich nur die Innenseite der Kapuze,…“

Die langen Sätze, Anführungen und Erinnerungen gehen häufig über eine halbe Seite und mehr. Manchmal wirkt es etwas zäh, denn die Erinnerungen liefern über weite Strecken kaum konkrete Anhaltspunkte. Aber dann geht es doch irgendwie weiter, im Gedankenstrudel, frei geworden durch das Laufen, immer schneller, dann wieder sich selbst bremsend, mit der sich wiederholenden Ermahnung „Ich bin schon wieder zu schnell“.

Der Lauf, der zurück ins Leben führt

Der Wendepunkt ist DER Lauf, und sie sieht am Wegesrand nicht nur die Menschen, die schon immer für sie da waren, sondern auch, dass es neue Menschen in ihrem Leben geben kann. Auf die Bitterkeit und Trauer trägt Isabel Bogdan unmerklich hellere Schichten auf, bestehend aus gesunder Wut, Trotz und neuem Selbstvertrauen; so, als würde sie das Dunkle Stück für Stück übermalen. Deutlich wird aber auch, dass die Trauer niemals ganz verschwinden kann, immer darunter bleibt.

Fazit

Durch den besonderen Erzählstil von Isabel Bogdan ist Laufen ein eigenwilliges und zugleich intensives Buch über Verlust, Trauer und der Frage nach der Schuld. Vor allem aber ist es ein Buch, das Mut macht, dem Leben entgegen zu laufen.

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Letzte Kommentare:
24.05.2020 00:46:33
TochterAlice

Den Friesennerz ablegen: Das möchte die namenlose Frau, Protagonistin und Ich-Erzählerin dieses eigenwilligen Romans. So nennt sie die Last, die seitdem an ihr haftet, zuerst seit einem, dann seit zwei Jahren. Seitdem: das ist der dunkelste Punkt überhaupt in ihrem Leben, der Selbstmord ihres Lebensgefährten nämlich. Der nicht nur für sie äußerst überraschend kam, auch wenn ihr bewusst war, dass sie mit einem schwer depressiven Mann zusammen lebte.

Man kommt wohl nicht umhin, in einer solchen Situation nach der eigenen Schuld an diesem traumatischen und komplett lebens- und werteverändernden Ereignis zu suchen und das tut auch diese Frau. Wobei sie durchaus in einer für viele beneidenswerten Situation ist: sie hat die richtigen Menschen an ihrer Seite, nämlich ihre beste Freundin Rike, die quasi instinktiv alles richtig macht und eine wirklich gute Therapeutin noch dazu. Aber sie begegnet viel mehr Menschen, die alles falsch machen, quasi den Finger in die Wunde legen, sobald diese sich auch nur das kleinste Bisschen schließt. Zu diesen Menschen gehört sie am Anfang auch selbst.

Der Leser folgt ihren Gedanken beim Laufen, einer Aktivität, zu der sie nach jahrelanger Pause zurückgefunden hat. Die zunächst sehr mühsam für sie ist, dann aber immer leichter von der Hand bzw. vom Fuß geht - allmählich natürlich und ebenso langsam, wie sich ihre Wahrnehmung wandelt - zunächst zur Würdigung positiver Dinge in ihrem Leben, dann auch zu vorsichtig-optimischer Planung. Es ist keine Trauerbewältigung, denn das ist - so sehe ich und ich glaube, auch sie es - nichts, was man bewältigen kann, aber sie lernt, damit umzugehen, es als Teil ihres Lebens zu sehen.

Manchmal fiel es mir schwer, dem (Lauf)Takt der Erzählerin zu folgen, was nur beweist, wie individuell ein solcher Verlust, der Umgang mit ihm und die Trauer jeweils ist. Stark und schwach zugleich, dabei ausgesprochen authentisch.

23.10.2019 14:53:01
leseratte1310

Wie kann man mit dem Tod eines geliebten Menschen fertig werden? Die Erzählerin wird durch dieses Ereignis vollkommen aus der Bahn geworfen. Von ihrer Freundin Rike wird sie dazu gebracht, wieder mit dem Laufen anzufangen, das sie vor Jahren nach einer Fußverletzung aufgegeben hatte. Zunächst ist das gar nicht so einfach, sie schafft nur kurze Strecken; doch mit der Zeit wird es besser. Währenddessen gehen ihre Gedanken auf die Reise und mit jedem Gedanken und jedem Schritt, wird sie mit ihrem Leben wieder besser fertig.
Wir Lesen dürfen sie begleiten und erfahren, was sie fühlt und was sie von anderen an Unterstützung haben will. Ihre Eltern bemitleiden sie, was sie nicht mag. Die Eltern ihres Partners geben ihr die Schuld und machen ihr das Leben schwer. Die Erzählerin und ihr Partner waren nicht verheiratet, was seine Eltern veranlasst, ihr alles zu wegzunehmen. Nur ihre Freundin Rike versteht sie wirklich. Aber nicht nur das und die Trauer setzen ihr zu, sie verspürt auch Schuldgefühle. Doch sie kämpft sich durch ihre Gefühle, seien es Trauer, Wut, Schuld und Einsamkeit. Ihre Gedanken sind nicht geordnet, was verständlich ist. Sie drehen sich aber nicht nur um ihren Verlust, es geht auch häufig um Belangloses. Durch das Laufen findet sie langsam wieder in ihr Leben zurück und kann auch wieder Freude empfinden.
Auch wenn sich dieses Buch um ein trauriges Thema dreht, so spielt auch immer wieder Hoffnungsvolles hinein. Es ist eine Geschichte, die realistisch beschreibt, was Hinterbliebene fühlen und was sie sich von ihrem Umfeld wünschen. Ich konnte gut mit der Erzählerin fühlen
Es ist eine Geschichte, die berührt und nachdenklich stimmt. Ich kann das Buch empfehlen!

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