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Jörg Kijanski
Der Traum von Freiheit

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Jul 2019

25. Juni 1970. Prag. Der international bekannte Kinder- und Jugendpsychiater Pavel Vodak hat in seinem Institut seinen letzten Arbeitstag. Offiziell geht es mit einer Reisegruppe in den Urlaub nach Jugoslawien, tatsächlich will er die Gelegenheit nutzen, um mit Frau Vera, Tochter Pavli und Schwiegermutter Frantiska in den Westen zu fliehen. Vodak setzte sich für einen menschlichen Sozialismus ein, verfasste mit anderen Intellektuellen einen Aufruf, der im August 1968 veröffentlicht wurde. Der Reformkurs von Staatschef Dubcek lies Hoffnung erkennen, doch die wahren Machthaber sitzen in Moskau. Es folgte der 21. August und mit ihm der Einmarsch großer Truppenverbände des Warschauer Paktes, die den Aufstand brutal niederschlugen.

„Regen Sie sich doch nicht darüber auf, was die Mächtigen tun, die ändern Sie sowieso nicht. Machen Sie sich lieber einen angenehmen Feierabend!“

Seitdem darf Vodak nicht mehr zu Kongressen ins Ausland reisen oder sich mit westlichen Kollegen austauschen, fürchtet zudem Repressalien gegen seine Familie. Eine selbst bestimmte Zukunft für seine zwölfjährige Tochter scheint aussichtslos, nachdem bereits seine Frau Vera nicht in ihrem Wunschberuf arbeiten durfte. Der Sozialismus verlangt seine Opfer…

Familienroman über die Schrecken totalitärer Systeme und deren Folgen

Der auf den Notizen des Arztes Pavel Vodak basierende Roman beginnt einen Tag vor der Abreise in den vermeintlichen Urlaub. Tochter und Schwiegermutter ahnen nicht, dass sie ihre Heimat nie wieder sehen werden Für Pavel hingegen gibt es nur zwei Alternativen: Ein Leben in Freiheit westlich des Eisernen Vorhanges oder als Staatsfeind im Gefängnis, sollte ihr Fluchtversuch scheitern. Nach der Schilderung dieses Ausgangsszenarios folgt ein Rückblick auf Pavels Leben, das von totalitären Systemen, Verbrechen und Unmenschlichkeit geprägt war.

„Er setzt nicht nur seine Existenz aufs Spiel. Er nimmt drei weitere Menschen mit. In die Freiheit oder ins Verderben. Ganz sicher aber in eine ungewisse Zukunft. Von diesen dreien steckt eine voller Angst und die anderen beiden wissen überhaupt nichts von seinen Plänen. Er setzt alles auf eine Karte. Jetzt gibt es nur noch weiß oder schwarz. Sämtliche Grautöne wurden ausradiert.“

Es begann im März 1939 mit dem Einmarsch deutscher Truppen. Einer von Pavels Lehrern lobte noch die Kultur des Landes der Dichter und Denker. Doch bald zeigt sich die brutale Seite des Naziregimes. Schon im Oktober 1939 wird eine Studentendemonstration niedergeschlagen, neun Anführer zum Tode verurteilt, jüdische Studenten von der Universität ausgeschlossen, der Studienbetrieb kurz darauf ganz eingestellt. Sechs Jahre später ist der Krieg zu Ende und Pavel wird als medizinisches Hilfspersonal in Theresienstadt eingesetzt. Dort erlebt er das ganze Ausmaß des nationalsozialistischen Unrechtsregimes.

„Wer interessiert sich für dieses kleine Land und seine Bewohner? Einst unterdrückt von der Österreich-Ungarischen Monarchie, danach besetzt vom Deutschen Reich und schließlich von der Sowjetmacht verschluckt. Und jene, die Gemeinschaft heuchelten, ersticken heute den letzten Hauch an Menschenwürde.“

Wenige Jahre später heiratet Pavel die Liebe seines Lebens, doch das neue sozialistische Staatssystem unter russisch geführter Leitung aus Moskau sorgt für neue Einschränkungen. Da Veras Vater eine Fabrik hatte und somit als kapitalistischer Ausbeuter gilt, soll Vera zum Aufbau des neuen Staatssystems ihren Beitrag leisten und in einer Fabrik arbeiten – trotz Note eins im Medizinstudium. In Pavel regt sich erstmals Widerstand, doch ein Parteifunktionär weist ihn schnell in seine Schranken. Dann keimt 1968 dank des reformfreudigen Präsidenten Dubcek ein wenig Hoffnung auf. Zahlreiche Intellektuelle, darunter der spätere Staatspräsident Václav Havel, erarbeiten ein Papier für einen menschlichen Sozialismus. Was folgt ist der „Prager Frühling“.

Das Krokodil ist träge, aber stets wachsam und gefährlich

Spannend, ergreifend und mit viel Empathie erzählt Sandra Brökel das faszinierende Leben des Pavel Vodak, der nie aufgab, seinen Traum von Freiheit zu träumen. Dass nach der geglückten Flucht in den Westen nicht alles besser wird, ist eine bittere, aber unvermeidliche Fußnote. Pavel arbeitet als Chefarzt, seine Frau Vera als Hausfrau. Wie sähe es denn aus, wenn die Frau des Chefarztes arbeiten ginge? Derweil hat seine Schwiegermutter Sehnsucht nach der Heimat.

„Das hungrige Krokodil“ ist eine schöne Metapher. Träge liegt das große Reptil im Wasser, scheint geradezu apathisch und beobachtet gleichwohl mit höchster Konzentration seine Umgebung bis es plötzlich vorschnellt, zubeißt und seine Beute vernichtet. Ein Bildnis, welches auch für totalitäre Systeme gilt. Zunächst eher unscheinbar kommen Nationalsozialismus, Sozialismus und Kommunismus daher. Hehre Ziele zum Wohle der Arbeiter, Aufhebung der Klassen. Doch plötzlich zeigt sich ihre verlogene, brutale und unerbittliche Seite.

Fazit:

Ein intensiver Lebenslauf mit erschütternden Einblicken in totalitäre Systeme, welcher die Auswirkungen auf die Familie des Protagonisten exemplarisch aufzeigt. Vergleicht man die aktuelle Lage in Europa heute, so kann dieses Buch auch als Mahnung verstanden werden, dass Freiheit eben nicht selbstverständlich ist – und ihre Opfer kostet. Zudem erhält man einen Einblick in die politische Geschichte der Tschechoslowakei des 20. Jahrhunderts. In jeder Hinsicht lesenswert!

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