Der Fetzen

Erschienen: März 2019

Bibliographische Angaben

Nicola Denis (Übersetzung)

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Lea Gerstenberger
Eine Selbstbetrachtung, vor deren Intensität man seinen Hut ziehen muss

Buch-Rezension von Lea Gerstenberger Jul 2019

Der 7. Januar 2015 teilte Philippe Lançons Leben, das er bis dahin als Journalist und Literaturkritiker geführt hatte, in ein Davor und Danach: Bei dem terroristischen Anschlag auf das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“, für das Lançon eine Kolumne schreibt, wurden zahlreiche Redaktionsmitglieder ermordet und er selbst schwer verletzt. In „Der Fetzen“, dessen Titel sinnbildlich sowohl für seinen zerschossenen Unterkiefer als auch für seine Identität und das bisher alltägliche Leben steht, berichtet Lançon von der Zeit nach dem Attentat und seinem Weg zurück in eine Normalität, die eigentlich nicht mehr denkbar ist. Der Fokus liegt nicht auf den wenigen schicksalhaften Momenten im Konferenzraum von „Charlie Hebdo“, sondern dem langen Krankenhausaufenthalt, den zahlreichen Gesichtsoperationen, die sein Aussehen wieder herstellen sollten, sowie den Begegnungen mit seiner Familie, seinen Freunden und seinen Ärzten, um die sein ganzer Alltag fortan kreiste, Tag und Nacht bewacht von Polizisten.

Beginnend am Tag vor dem Attentat, nimmt Lançon den Leser mit und vermittelt ihm das Unbeschreibliche mit einer bemerkenswerten Klarheit, in der sich nüchterne und emotionale Momente abwechseln. Behandelt werden nicht die großen Fragen der Gesellschaft und der Politik, auch wenn diese immer wieder durchklingen – es geht um ihn selbst, seine Empfindungen und die Menschen in seinem Leben, und das umso eindringlicher, weil er den Tätern und ihrer Ideologie berechtigterweise kaum Raum gibt.

Neben den ihm nahestehenden Menschen ist es vor allem die Kultur, Musik und Literatur, die Lançon durch die schwere Zeit trägt und ihm hilft, sich an das verloren geglaubte Leben zu klammern, sich mit dem Geschehenen auseinanderzusetzen und einen Umgang damit zu finden. In seinen Beschreibungen zieht er biographische Kreise, schlägt metaphorische Brücken und schafft so die Verbindung seiner beiden Lebensteile, dem Davor und dem Danach. Der Sinn für das Schöne ist ihm geblieben und wurde vielleicht sogar geschärft, und seine Behutsamkeit kontrastiert eindringlich den schonungslos beschriebenen zerstörten Kiefer, der in einer schmerzhaften, von Nebenwirkungen begleiteten Prozedur mühsam aus Lançons Wadenbein rekonstruiert werden musste. Fürchtete man sich als Leser im Vorfeld der Lektüre eher vor dem Kapitel, in welchem das Attentat geschildert wird, macht sich der wahre Schrecken erst im nachfolgenden Teil breit, weil das Ausmaß der langwierigen Konsequenzen so körperlich und greifbar geschildert wird. Das Kreisen um seine Verletzung wurde immer mehr zum Lebensinhalt, das Krankenhaus zu einer Art Schutzzone, die Lançon kaum mehr verlassen wollte: Seine Identität war mit der Verletzung verschmolzen, er fürchtete sich davor, in die vermeintlich normale Welt zurückgeworfen zu werden.

Lançon beschreibt all das mit einer bewundernswerten Reflexionsfähigkeit, er analysiert sich selbst und die Begleitumstände mal in selbstironischem, öfter in ernsthaftem Ton. Es gelingt ihm dabei, eine große, mitleidlose Distanz zu sich selbst einzunehmen und dennoch unglaublich persönlich zu berichten, womit er sich meine Hochachtung erschrieben hat. Er wird dabei nicht müde, für seine Überzeugungen und seinen Glauben an eine tolerante und offene Gesellschaft einzutreten, sich für die Freiheit der Meinung, der Kunst und der Presse stark zu machen. Wegen seiner Verletzungen durfte und konnte er über lange Zeiträume hinweg nicht sprechen, in seinem Buch schließlich fordert er die Stimme ein, die ihm die Attentäter beinahe genommen hätten.

Fazit:

„Der Fetzen“ ist nicht nur in literarisch hochwertiger Prosa verfasst, sondern vor allem ein ungemein emotionales Buch, welches vor dem Hintergrund eines bekannten Ereignisses eine persönliche und berührende Perspektive eröffnet. Am Ende bleibt nur, den Menschen Lançon und sein Werk zu bewundern und eine bedingungslose Leseempfehlung auszusprechen.

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