Das Haus der Verlassenen

Erschienen: März 2019

Bibliographische Angaben

Carola Fischer (Übersetzung)

Couch-Wertung:

80

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Lea Gerstenberger
Eine schonungslose Geschichte ungeheuerlicher Verbrechen, die leider einen wahren Kern hat

Buch-Rezension von Lea Gerstenberger Jun 2019

Die Journalistin Sam findet bei ihrer Großmutter die Briefe einer jungen Frau namens Ivy, die sechzig Jahre zuvor wegen einer vorehelichen Schwangerschaft von ihrer Familie in St. Margaret’s untergebracht wurde. Es handelt sich um ein sogenanntes Magdalenenheim, eine Art Anstalt für ledige Mütter und gefallene Mädchen. Inzwischen ist es stillgelegt und soll bald abgerissen werden. Doch das alte Gemäuer scheint noch einige Geheimnisse zu bergen. Neugierig und nicht ahnend, dass der Fall enger als gedacht mit ihrer eigenen Familiengeschichte zusammenhängt, geht Sam der Sache auf den Grund – zunächst, weil sie eine karrierefördernde Story wittert. Während sie versucht, mehr über die Zustände in St. Margaret’s und die damals beteiligten Personen herauszufinden, stellt sie fest, dass erstaunlich viele von ihnen seltsame Tode gestorben sind. Die Verwicklungen ziehen sich bis in die Gegenwart und sind ungeheuerlicher, als man es sich anfangs ausmalen konnte.

Während des Lesens macht sich angesichts der menschenunwürdigen Behandlung, die die Bewohnerinnen des Heims erleiden mussten, schnell Entsetzen breit. Historisch gesehen befanden sich die meisten dieser Anstalten im katholischen Irland, während die Institution im Roman im englischen Sussex angesiedelt ist. Ungewollt schwangere oder anderweitig moralisch diskreditierte Mädchen und Frauen wurden dort unter der Obhut strenger Nonnen gezüchtigt, misshandelt und mussten in den angegliederten Wäschereien körperlich schwere, unbezahlte Arbeit leisten (daher auch die Bezeichnung „Magdalen Laundries“). All dies geschah im Sinne der Buße, die unehelichen Kinder wurden den Frauen oftmals direkt nach der Geburt weggenommen. Erst in jüngster Vergangenheit rückte die Praxis in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit und wird langsam aufgearbeitet.

Gunnis lässt die aussichtslose Verzweiflung der Insassinnen beim Leser spürbar werden. Zu dem eindringlichen Lektüreerlebnis trägt auch bei, dass es sich dabei keineswegs um Geschehnisse einer fernen Vergangenheit handelt, sondern dass die Magdalenenheime noch vor wenigen Jahrzehnten existiert haben und unter den Augen eines modernen Staates und einer vermeintlich zivilisierten Gesellschaft betrieben wurden. Die Autorin untermauert ihre fiktive Darstellung mit Quellenangaben und Literaturhinweisen im Anhang, um auf die Begebenheiten hinter ihrem Roman aufmerksam zu machen.

Die Geschichte selbst ist spannend erzählt, wobei des Rätsels finale Lösung ab einem gewissen Punkt recht offensichtlich wird. So realitätsnah Gunnis die Zustände in St. Margaret’s beschreibt, so unglaubwürdig erscheinen manche Elemente der Handlung. Dies ist jedoch nur bedingt als Manko zu sehen. Die Stärke des Romans liegt in der beklemmenden Atmosphäre und der Wut, die beim Leser hervorgerufen wird. So geht es vielleicht weniger um die Plausibilität der fiktiven Verwicklungen, sondern darum, das ganze Ausmaß der Verbrechen aufzuzeigen, die auch in Wirklichkeit an den jungen Frauen und Mädchen verübt wurden. Nicht die Auflösung der Geheimnisse steht im Zentrum, sondern die Emotionen, mit denen der Leser vollkommen abgeholt wird, und die schrecklichen Vermutungen, die nach und nach zur Gewissheit werden. Insofern kann man die unrealistisch anmutenden Aspekte auch metaphorisch verstehen.

Fazit:

„Das Haus der Verlassenen“ bietet eine eindringliche Lektüre. Kleinere Schwächen werden durch die leider realistische Thematik und die dramatischen Schilderungen wettgemacht. Der Roman reißt mit, macht wütend und lädt dazu ein, sich mit dem Phänomen der Magdalenenheime zu beschäftigen, um die Ungerechtigkeiten nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Das Haus der Verlassenen

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11.06.2019 00:17:10
Sagota

"Das Haus der Verlassenen" von Emily Gunnis ist im Heyne-Verlag (HC, gebunden; 2019) erschienen. Es handelt sich um den Debutroman einer englischen Autorin (Originaltitel: The Girl in the Letter), die ich mir sehr gerne merke, da mich dieser Roman sehr berührt hat. Übersetzt vom Englischen ins Deutsche wurde er von Carola Fischer.

Sussex, 1956.

Im Prolog kommt Ivy zu Wort: Eine verzweifelte junge Frau, die - schwanger und unverheiratet, daher gegen die damaligen Moralvorstellungen der Gesellschaft verstoßend - entführt den Leser in eine düstere Welt der späten 50er Jahre nach St. Margaret's, einem Heim für ledige Mütter. Für sich selbst sieht Ivy keine Zukunft mehr, aber Elvira, ein 8jähriges Mädchen, will sie retten, ihr die Flucht ermöglichen...

60 Jahre später, 2017:

Sam , alleinerziehend, eine Journalistin, findet bei ihrer Großmutter, die ihre Tochter oft betreut, während sie arbeitet, durch Zufall einen Brief von Ivy, der an den Vater ihres Kindes gerichtet ist und ihn anfleht, sie abzuholen aus St. Margaret's... Auf Nachfrage Sam's zögert die Großmutter (Nana), weist jedoch darauf hin, dass sich auf dem Dachboden noch mehr Briefe Ivy's finden, die sich wohl im Nachlass des Großvaters, seines Zeichens Antiquitätenhändler und vor 2 Jahren verstorben, befunden haben. Wie sind die Briefe dort hin gekommen? Was hat Ivy mit ihrer eigenen Familie zu tun? Um diese Recherche, die in dunkle Abgründe führt, die auch den Leser nicht unberührt lassen, geht es in diesem gefühlvoll und spannend geschriebenen Roman von Emily Gunnis.

"Die 50er Jahre waren keine gute Zeit für unverheiratete Mütter", so die Großmutter von Sam. Diese Tatsache hat sowohl mein Interesse geweckt als auch mich aufhorchen lassen: Es gibt zum einen einen spannenden Einblick in die Recherchearbeit von Sam, die hier wahrlich dunklen Geheimnissen auf der Spur ist und durch ihren journalistischen Instinkt auch auf merkwürdige Todesfälle stößt, zum anderen erlebt man die Zeit in St. Margaret's mit den jungen Frauen mit, die in einer unmenschlich harten, lieblosen Atmosphäre leben mussten, ihre Kinder gebaren - und sie zur Adoption freigeben mussten. Doch damit nicht genug, viele mussten jahrelang "angeblich" dafür arbeiten, dass sie dort ja ein Dach über dem Kopf und einen Kanten Brot zu essen hatten (oder eine dünne Suppe). Wenn ich von "Barmherzigen Schwestern" höre oder lese, stellen sich mir also nicht ganz ohne Grund die Nackenhaare angesichts dieser grausamen Behandlung und dem Missbrauch junger schwangerer Frauen, die selbst entweder Missbrauch in der Familie erleben mussten - oder selbst nichts Böses taten, die nur liebten - und dafür verachtet wurden und bestraft.

In den Roman eingebettet ist ein familiäres Drama, dessen Auflösung man mit Spannung verfolgt; um einen Kampf ums Überleben und um ein altes Herrenhaus, das möglichst bald abgerissen werden soll, um alte, unangenehme Spuren für immer zu verwischen. So fragt sich Sam, welche Rolle z.B. Pater Benjamin spielte und ob die Oberin des Grauens noch lebt?
Daneben ist sie selbst Mutter, von dem Vater Emmas, ihrer Tochter, getrennt lebend, dem harten Erfolgsdruck im Journalismus/Zeitungswesen ausgeliefert und fragt sich nicht nur einmal, ob sie eine gute Mutter ist, auch wenn Emma oft von einer Freundin oder der Großmutter betreut wird; dieses sehr aktuelle Zeitgeschehen besonders Alleinerziehender in all ihren erschöpfenden Ausmaßen wird sehr authentisch von der Autorin beschrieben, auch wenn es solche "Mutter-Kind-Heime", wie sie auch wohlwollend hießen, heute nicht mehr gibt; die letzten (besonders in Irland gab es viele, auch in England) schlossen erst Mitte der 70er Jahre ihre (höllischen) Pforten, dazu gibt die Autorin in ihren Anmerkungen viele Informationen.

Sowohl Ivy als auch Sam sind sehr sympathische, emotionale und authentische Figuren, die Emily Gunnis hier detailliert zeichnet: Dies gilt auch für die Nebenfiguren wie z.B. Nana und den Kollegen von Sam: Der Autorin gelang es, all den Frauen (und auch den zwangsadoptierten Kindern) die großes Leid und Unrecht erfahren mussten, stellvertretend in Ivy eine Stimme zu geben, den Leser nachspüren zu lassen, welche Demütigungen, harte Arbeit, Verachtung und Missbrauch jene erduldeten, die sich nicht wehren konnten. Und dies jahrelang. Ein Einblick in die Heime, in denen (oft im Namen Gottes) malträtiert, schikaniert, gequält und misshandelt wurde. Ein weiteres Thema sind grausame Versuche an Kindern, die zu Testern von Medikamenten degradiert wurden und nicht selten dabei ihr Leben ließen. Ebenfalls eine grausame Tatsache: Die Verantwortlichen wurden allzu oft niemals zur Rechenschaft gezogen; Beweise vernichtet - Häuser abgerissen wie jenes "St. Margaret's".....

Fazit:

Ein sehr gelungener und spannend geschriebener literarischer Einblick in sog. "Mutter-Kind-Heime" der 50er und 60er Jahre, der vielen vergessenen jungen Frauen eine Stimme gibt. Dafür danke ich der Autorin, die es verstanden hat, diesen Frauen und Kindern in Ivy ein "Gesicht" zu geben, sie nicht in der Vergangenheit und Vergessenheit zu belassen, sondern ihr ungerechtes, hartes und unmenschliches Schicksal in Romanform den LeserInnen näher zu bringen. Auch die Anmerkungen (Quellenangaben, Bücher und Filme) zum Thema kann ich ebenso empfehlen wie das Lesen dieses wundervollen Romans. Daher von mir die volle Punktezahl und 5*.