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Sebastian Riemann
Rollenspiele und eine falsche Normalität

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Mai 2019

Schluss mit dem netten Lächeln und dem eifrigen Nicken. Genug der Scheinheiligkeit. Es wird Zeit, dass die Dinge beim Namen genannt, dass die Rollen hinterfragt und überdacht werden. Es muss ein kritischer Blick auf den Umgang miteinander geworfen werden. Denn zurzeit gibt es keinen Grund gute Miene zu machen. Das Spiel ist allzu ernst und der Einsatz zu groß. Die Fassade der zivilen und harmonischen Gesellschaft zerbricht und zum Vorschein kommt der alte Rassismus, den man zuvor immer hinwegreden wollte. Ein Erbe der Zeit des Nationalsozialismus, das angeblich niemals existierte und deshalb nicht infrage gestellt werden musste.

Max Czollek lädt ein zum Nachdenken und Diskutieren. In seinem Buch Desintegriert Euch! greift er die neue Normalität in Deutschland an, die brennenden Asylheimen keine Beachtung schenkt, aber viel Wert auf disziplinierte, angepasste Ausländer legt. Normal sei an diesem Zustand nichts, sagt Czollek. Vielmehr sei es die Wiederkehr eines diskriminierenden Diskurses, der in Deutschland Tradition hat. Deshalb muss man anklagen und genau hinsehen, darf nicht erlauben, dass Fremdenfeindlichkeit und völkisches Gedankengut mit Schulterzucken hingenommen und klein geredet werden. Es gehe darum, unsere demokratische, pluralistische Grundordnung zu verteidigen und weiter auszubauen, dem Rechtsruck entgegenzutreten.

Der Ausgangspunkt für die vorliegende Polemik ist das Erstarken fremdenfeindlicher, völkischer Gedanken in der europäischen Öffentlichkeit. Das politische Spektrum ist vielerorts nach rechts außen gerückt. In Deutschland hat dies zu Vergleichen mit der Zeit der Weimarer Republik geführt, manch (vermeintlicher) Historiker zog Parallelen zwischen damals und heute. Czollek nimmt dies als Anlass für seine Streifschrift, die nicht eine Partei der heutigen Zeit mit der NSDAP vergleichen, aber sehr wohl eine geistige Tradition zwischen ehemaligem und aktuellem Denken nachzeichnen will. Denn den Bruch mit der Ideologie, die mit dem Ende des zweiten Weltkrieges angeblich aus den Köpfen verschwand, gab es nur auf dem Papier. Das Umdenken fand nicht statt, vielmehr wurden alte Funktionäre im Staatsbetrieb übernommen und viele Intellektuelle entfernten sich nicht von ihren Ideen, sondern hielten sie nur unter Verschluss. Lange Zeit wurde das Thema unterdrückt, man redete schlichtweg nicht darüber. Später wurde dann viel Zeit und Mühe investiert, um eine Kulisse aufzubauen und das Bild vom geläuterten Deutschen zu zeigen.

Zentraler Begriff in der Argumentation ist das Gedächtnistheater.  Dieses nahm seinen Anfang mit einer Rede von Richard von Weizsäcker, in der von einer Befreiung der Deutschen im Jahre 1945 und nicht mehr von einer Niederlage gesprochen wurde. Es war ein Akt der Befreiung von Schuld, ein Reinwaschen. Eine klare Trennung zwischen damaligen Tätern und den nachfolgenden Unschuldigen, die aufs Schärfste verurteilten, was geschehen war. Die geläuterten Deutschen, die nun wie Brüder auf die lebenden Juden schauten und das vergangene Leid anklagten.

Im Gedächtnistheater kommt den Juden eine bestimmte Funktion zu. Sie sind eine Projektionsfläche. Im Dialog mit den Juden können sich die moralisch reinen Deutschen vom Nationalsozialismus und vom Holocaust abgrenzen, sie können sich auf die Seite der Opfer schlagen und sich moralisch erhöhen. Die Juden müssen dabei die Rolle der Opfer spielen und den reuevollen Deutschen die Absolution erteilen. Sie müssen ihren Teil dazu beitragen, dass die Fassade aufrecht erhalten wird. Sie müssen Hilfestellung leisten, damit die Deutschen sich weit entfernt von den alten Nationalsozialisten glauben können. Wer die Juden sind, was sie denken und  wollen, ist dabei unwichtig. Sie sollen die Rolle des Beichtvaters spielen und gemeinsam mit den Deutschen das Bild einer besseren, harmonischen Zukunft zeichnen. Dabei wird über das Fortbestehen rechter Ideen von der Nachkriegszeit bis zur Gegenwart hinweggesehen. Das ist die Aufgabe des Gedächtnistheaters. Es wird Normalität gespielt. Alles soll wieder in Ordnung sein.

Deutschland aber wurde nicht befreit, erinnert Czollek seine Leser. Die Täter und ihre Nachfahren entledigten sich allzu leicht ihrer Verantwortung. Dies hat verheerende Auswirkungen auf die Gegenwart, in der wieder gegen Fremde gewettert und nach Sündenböcken gesucht wird.

Fazit:

Desintegriert euch! ruft auf, beim Gedächtnistheater die Masken abzulegen, sowohl der jüdischen Gemeinde ehrlich gegenüberzutreten, sie in ihrer Verschiedenheit und Vielfalt wahrzunehmen, aber auch das Erbe des völkischen Denkens auf Seiten der Deutschen anzuerkennen. Es ist ein Aufruf zu einem wahren Miteinander und zu einem kritischen Umgang untereinander. Denn nur so kann eine pluralistische Gesellschaft wachsen und sich ihrer Probleme annehmen. Zudem ist es eine Absage an die neue Normalität im Lande, die gern über die Bedrohung durch Muslime spricht und brennende Asylheime in Kauf nimmt. Es ist das gleiche Denken, das einst Synagogen in Flammen aufgehen ließ.

 

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