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Almut Oetjen
Aus dem Licht in die Dunkelheit

Buch-Rezension von Almut Oetjen Mai 2019

De Moor, die mit ihrem letzten Roman >Die niederländische Jungfrau< den AKO Literatuurprijs 2011 gewonnen hat, schreibt in ihrem 2013 im Original erschienenen >Aus dem Licht< über den französischen Chemiker und Erfinder Louis Le Prince. Der hat im Jahr 1888 den experimentellen kurzen Film Roundhay Garden Scene gedreht, der als der älteste Film der Filmgeschichte gilt, von dem heute nur noch ein etwa zwei Sekunden langes Fragment existiert. Über die Titeleingabe in eine Suchmaschine bekommt man Zugang zu diesem Fragment. Drehort war der Garten der Familie Whitley in Roundhay, einem Vorort von Leeds. Le Prince erhielt für die von ihm entwickelte Kamera im Oktober 1888 das Patent. Laut Aussage seines Bruders hat er am 16.09.1890 einen Zug nach Paris bestiegen, kam dort aber nie an. Die Polizei und seine Familie suchten erfolglos nach ihm, sein Verschwinden ist bis heute nicht aufgeklärt. De Moor nennt ihn in >Aus dem Licht< Valéry Barre und arbeitet in ihre Erzählung bekannte Fakten ein.

Vier verschränkte Teile und zwei Erzählperspektiven

Der Roman besteht aus vier Teilen. Teil 1 „Aus dem Licht“ (145 Seiten) und Teil 3 „Nachbild“ (44 Seiten) erzählen in der dritten Person Singular von Valery Barre und seinem Sohn Guillaume. Im zweiten Teil, „Ins Dunkel“ (100 Seiten), und im vierten Teil, „Eine Viertelsekunde“ (13 Seiten), ist Edisons zweite Frau Mina Miller die Ich-Erzählerin.

Im ersten Teil fährt Valéry Barre am 16. September 1890 mit dem Zug von Dijon nach Paris, um seinen Freund Marc Roussin zu besuchen. Einem Impuls folgend steigt er in der Stadt V. aus und mietet sich in einer Pension ein Zimmer. Er denkt über den Sinn seiner Erfindung nach. Nach einer traumreichen Nacht geht er am nächsten Tag zum Beichten in eine Kirche und dann mit Pater Alard zu diesem nach Hause, wo er ihm von seiner Erfindung erzählt. Roussin wartet derweil in Paris vergeblich auf Barre.

Im zweiten Teil, Handlungsort ist das amerikanische Vermont, lernen wir zwölf Jahre später (1902) die Ich-Erzählerin Mina Miller kennen, die Frau des Erfinders Thomas Überschrift 3Alva Edison. Dessen Sohn Tom hat sich von ihm im Hass losgesagt. Edison genießt keinen guten Ruf. Er kauft billig Patente auf, die ihm profitabel erscheinen. Mina Miller erhält Besuch von einem Franzosen, der sich als Medium bezeichnet. Er ist in Begleitung eines Mr. Whitley, bei dem es sich um Barres Sohn Guillaume handelt.

Im dritten Teil begibt sich Guillaume Barre 1901 auf die Suche nach seinem Vater. Nach einer Nacht in Le Havre fährt er mit dem Zug zu Roussin nach Paris. Roussin ist krank und vergesslich geworden. Guillaume bekommt den „Nachlass“ seines Vaters von Pater Alard und reist nach Amerika, um sich an Edison zu rächen. Ihn selbst trifft er nicht, aber dessen Frau, der er vorwirft, Edison habe das Patent seines Vaters gestohlen. Edison hat tatsächlich das Patent von einem bekannten Medium gekauft und auf seinen Namen eintragen lassen.

Im vierten Teil besucht Mina ihren Stiefsohn Tom in Burlington, Vermont, wo er eine Pilzzucht betreibt. Sie will mit ihm einen Vertrag schließen, der beinhaltet, dass er für seinen Vater jemanden tötet. Edison hat das Patentrecht an einer Erfindung dieses Mannes.

Erzählung nicht zeitlinear

De Moor löst die Chronologie der Ereignisse auf. Die Plotstruktur ist bestimmt durch die Fragmentierung in vier Teile und die beiden Erzählperspektiven. Im ersten Teil stellt sie Barre vor und gibt Hinweise auf das Mysterium, indem sie Barre aus dem Licht verschwinden lässt. Im zweiten Teil erfolgt der Schritt ins Dunkel, in die USA, wohin der reale Le Prince 1890 wollte, um dort seine Erfindung zu präsentieren.

Im dritten Teil wird der französische Erzählfaden wieder aufgegriffen, indem De Moor Guillaume auf die Suche nach seinem Vater schickt. Das Mysterium wird vertieft, das angesprochene Nachbild bezeichnet optische Täuschungen durch überreizte Photorezeptoren im Auge, die nach Ende des Lichtreizes noch einen Moment auf der Netzhaut bleiben. Korrespondierend wird im Titel des vierten Teils das ikonische Gedächtnis angesprochen. Nach seiner visuellen Wahrnehmung verbleibt ein Bild noch eine Viertelsekunde auf der Netzhaut. Dies ist zugleich die Zeit, die für die bewusste Wahrnehmung eines Reizes nötig ist. Nach einer halben Sekunde ist das Bild wieder verschwunden.

Zwar erzählt De Moor die Ereignisse nicht zeitlinear, aber aufgrund der transparenten Darstellung können sie leicht rekonstruiert werden.

Eine Erzählung mit zwei größeren Themen

>Aus dem Licht< hat zwei größere Themen, das Mysterium um das Verschwinden Barres und den Entwicklungswettlauf um die Wende zum zwanzigsten Jahrhundert.

Europa und die USA befinden sich in einem Erfindungskrieg. De Moor hat zeitgenössische Werbebotschaften im Text platziert, typografisch abgesetzt, in denen Erfindungen beworben werden, die es nicht mehr gibt und die vielleicht einmal neu erfunden werden. Mit einer olfaktorischen Lupe lässt sich herausfinden, ob die Frau Ehebrecherin ist. Im Einklang mit dem technischen Fortschritt, könnte man sagen, entwickelt sich eine Nachfrage nach Wahrsage, Hellsehen, Geistern und anderen spirituellen Technologien.

Edison stand im Wettlauf um die Entwicklung der ersten Filmkamera unter Druck. Hatte er etwas zu tun mit dem Verschwinden seines Konkurrenten? Die Möglichkeit, dass Edison einen Auftragskiller anheuerte, um Le Prince ermorden zu lassen, wird bis heute diskutiert. De Moor thematisiert die Möglichkeit. Sie kombiniert eine investigative Geschichte mit einem Gesellschaftsbild Ende des 19. Jahrhunderts.

Im Kontext der Zuweisung von Urhebereigenschaften ist die Frage interessant, wer der Erfinder von etwas ist. Wer als erster die Idee hat, wer sie als erster technisch umsetzt, wer aus irgendwelchen Gründen diesen Anspruch offiziell reklamieren kann? In Zeiten, in denen alles patentiert oder früh online zugänglich gemacht wird, ist diese Feststellung einfacher als früher. Gibt es überhaupt eindeutige ursprüngliche Ideen? Hat ein Mensch eine solche, wenn er sie als erster der Natur abschaut? Die Macher von Roundhay Garden Scene sind überzeugt, Teil von etwas Größerem zu sein. Eines Wissens, das sie lediglich in eine Technologie übertragen müssen. Und sie wollen sich in dieser Technologie verewigt wissen.

Strom an, Strom aus, hell und dunkel, Licht und Schatten

De Moor vermeidet es, Eindeutigkeit zu erzeugen. Sie versucht sich zwischen Polen zu bewegen, Natur und Technik, Stille und Lärm, Entwicklung und Degeneration, und, der Roman heißt >Aus dem Licht<: Hell und Dunkel. An einer Stelle fragt Barre Pater Alard, ob er weiß, wie Telegramme verschickt werden. Die Antwort „Elektrischer Strom, an, aus, aus und an.“

Der technischen Filmlogik von hell und dunkel folgend, gibt es mehrere Paare: Vater-Sohn-Beziehungen, in denen Guillaume seinem Vater als Filmemacher folgen will und Tom sich von seinem im Hass löst. Die Beziehung zwischen Mina und ihrem Mann sowie Valéry und seiner Geliebten Beth, mit der er den Kurzfilm fertigt. Ein weiteres Paar ergibt sich aus der Verbindung von Realität und Erscheinungen, nicht nur bezogen auf den Film, sondern auch die spirituelle Sphäre (Medium Film/Medium Mensch). Was sehen wir, wenn wir einen Film sehen? Sieht Mina tatsächlich Edisons tote erste Frau Mary? Wie sieht der Zusammenhang zwischen einem materiellen Speichermedium und dem menschlichen Gedächtnis aus?

Fazit:

De Moor hat einen sprachlich schönen und anspruchsvollen Roman geschrieben, der für den Libris Literatuur Prijs 2014 nominiert wurde. Sie baut mit dem Verschwinden Barres ein Mysterium auf, das sie nicht auflöst. Zwar betätigt sich Guillaume wie ein Detektiv, findet aber nichts zuverlässig heraus. Handlungsstränge werden nicht abgeschlossen, weil De Moor sich nicht spekulativ bis in die letzte Konsequenz hinein verhält.

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